Echte Pausen – Warum Abschalten für unser Gehirn so wichtig ist
Das Wissen | SWR
September 23, 2026
Viele Menschen sehnen sich nach Erholung – und können kaum abschalten. Sobald Leerlauf entsteht, greifen sie zum Handy. Die Hirnforschung zeigt: Unser Gehirn braucht das Nichtstun.
Speakers Younes Naam, Eva Aßelmann, Simon Eickhoff, Kim Bressam, Johannes Wensche, Theresa, Gianna Kulis, Alex
TopicsScience
SPEAKER_1 (0:02)
ARD Sounds, Das Wissen.
Younes Naam (0:06)
Kaffeepausen, Mittagspausen, Feierabend, Wochenenden, Urlaub. Eigentlich müssten wir genügend Gelegenheiten haben, uns zu erholen.
Doch.
Eva Aßelmann (0:16)
Je gestresster wir sind, desto schwerer fällt es uns in der Regel eine Pause zu machen.
Younes Naam (0:21)
Deshalb fühlen sich viele Menschen wohl erschöpft. Dauerhafter Stress macht nachweislich krank. Manchmal sitzt der Körper schon längst auf dem Sofa, während der Kopf noch im Büro ist.
Und wenn dann wirklich nichts zu tun ist, greifen viele zum Handy.
Simon Eickhoff (0:37)
Unser Gehirn kann nicht nichts tun. Und von daher ist das schon was Wertvolles, was viele von uns zu gewissen Teilen verlernt haben. Da sitzen wir nichts zu.
Younes Naam (0:48)
Warum fällt das aber vielen Menschen so schwer? Was geht uns verloren, wenn wir jede freie Minute sofort füllen?
Darum geht es in dieser Folge von Das Wissen. Und natürlich um die große Frage, haben wir verlernt, echte Pausen zu machen? Und wie lernen wir es?
SPEAKER_5 (1:07)
Echte Pausen. Warum Abschalten für unser Gehirn so wichtig ist.
Von Clemens Saarholz.
Kim Bressam (1:12)
Wenn du den Tisch gerne hochstellst, dann sag ich das. Dann hast du nicht so tief den Schuh runter.
Younes Naam (1:16)
Ein Schreibtisch, ein Bürostuhl, ein Computer und jede Menge Messgeräte.
In der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin wird etwas erforscht, was wir alle jeden Tag machen. Pausen.
Kim Bressam (1:30)
Genau, und jetzt wärst du, wenn heute ein Experimentaltag wäre, hättest du jetzt deine Kappe schon auf.
Younes Naam (1:34)
Denn sogar Pausen lassen sich heute ziemlich genau vermessen. Kim Bressam und Silvia Jankoviak lassen ihre Versuchspersonen dafür mehrere Stunden am Computer Experimente durchführen, um die Reaktionszeit zu messen. So simulieren sie Arbeitssituationen, in denen sich die Menschen konzentrieren müssen. Und dazwischen? Pause.
Mal im Sitzen, mal auf dem Laufband, mal häufiger, mal seltener, mal länger, mal kürzer.
Die Testpersonen tragen Elektroden am Kopf. Damit misst das Forschungsteam ihre Hirnaktivität. Weitere Sensoren erfassen den Herzschlag und die Muskelspannung. Die Forschenden wollen wissen, welche Pausen uns am besten dabei helfen, uns von geistiger Arbeit zu erholen.
Kim Bressam (2:19)
Wir haben ja schon die Hypothese, dass die Frequenzen kurzen Pausen die besten Effekte zeigen.
Younes Naam (2:24)
Wie oft, wie lange, ruhen oder bewegen, Pausen sind längst Forschungsgegenstand geworden. Und das aus gutem Grund, denn wir wissen inzwischen ziemlich gut, was passiert, wenn sie fehlen.
Johannes Wensche (2:35)
Wenn man sich Arbeitsbedingungen anguckt, dann fällt immer wieder auf, dass hoher Arbeitsintensität ein recht guter Prediktor für den Ausfall von Pausen ist, aber auch generell für einen Mangel an Erholung. Also wir können dann schlechter, zum Beispiel auch am Abend abschalten von der Arbeit, uns entspannen. Wir haben viele Befunde, die zeigen, dass die Leute, die viel Arbeitsintensität berichten, schlechter schlafen. Also das zieht sich so durch, durch alle Erholungsphasen des Tages, von der Pause über Nachmittag bis in den Schlaf.
Younes Naam (3:06)
Sagt Johannes Wentsche. Er ist Arbeits- und Organisationspsychologe und Senior Scientist an der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
Seit fast 20 Jahren erforscht er, wie sich Arbeitspausen auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit auswirken.
Johannes Wensche (3:23)
Die innere Batterie wird immer mehr entladen und wir haben nicht genug Strom durch die Pause oder Erholungsphase, um sie wieder aufzuladen. Und es gibt einige psychische Störungen, gerade aus dem Bereich der Depression. Die haben Überlappungen mit diesen Symptomen, die auch beim Mangel an Erholung auftreten können.
Younes Naam (3:42)
Dauerstress kann körperlich, aber auch psychisch krank machen. Inzwischen gehören psychische Erkrankungen zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland. 2024 gingen rund 147 Millionen Fehltage auf psychische Erkrankungen zurück. Etwa jeder sechste Krankheitstag.
2014 waren es noch halb so viele. Die entscheidende Frage ist also, wie lässt sich verhindern, dass diese innere Batterie überhaupt so weit entladen wird?
Johannes Wensche (4:12)
Da war das tatsächlich so, dass die Leute in diesen Studien, die diese Kurzpausen gemacht hatten, die hatten im Durchschnitt 10 Prozent weniger Arbeitszeit, haben aber am Ende 5 Prozent mehr geschafft.
Younes Naam (4:24)
Weniger Arbeitszeit und trotzdem mehr geschafft. Eigentlich müsste die Pause also besonders attraktiv sein, wenn viel zu tun ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. Arbeitsforscher Wenche stößt immer wieder auf ein Paradox.
Gerade wenn die Belastung steigt und wir eine Pause besonders nötig hätten, fällt sie häufig aus.
Johannes Wensche (4:44)
Es gibt viele Menschen in Deutschland, die tatsächlich auf die Pause verzichten. Wir gehen davon aus, nach unseren Statistiken, dass das so jeder dritte ungefähr in Deutschland ist, die diese gesetzlichen Pausen nicht einhalten.
Man muss aber sagen, die wenigsten machen das aus individuellen Gründen. Sondern häufig sind halt auch Arbeitsbedingungen beteiligt. Also man schätzt so, dass 85 Prozent der Ursachen eigentlich in der Arbeit tatsächlich liegen und nicht so sehr im individuellen Stil. Viele sind halt in Arbeitsbedingungen gefangen, die es einfach nicht zulassen, dass man Zeit dann auch zur Pause hat.
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