Die Lieblingsschülerin (1/5) - Die erste Nachricht
Die Lieblingsschülerin
February 25, 2026
Zoe*, Hannah* und Marie* sind 15, als ihre Lehrer privat mit ihnen in Kontakt treten. Angeblich wollen sie ihnen helfen. Aber eigentlich nutzen die Lehrer den Austausch, um sich den Schülerinnen emotional und sexuell anzunähern. Rotsch, Britta; Grünzig, Taiina
Speakers Britta Rotsch, Hannah, Zoe, Marie, Anne-Kathrin, Klaus Köthe, Marie Sievers, Andreas Frömmel, Jürgen Wilhelm
Britta Rotsch (0:06)
Bevor es losgeht, zwei Hinweise. In diesem Podcast geht es um emotionalen und sexuellen Machtmissbrauch. In den Folgen eins, zwei und vier kommt es deswegen zu Schilderungen von sexuellen Handlungen. Und hier in Folge eins geht es auch um Selbstverletzungen und Suizidgedanken. Und die Namen der drei Frauen, deren Geschichten wir hier erzählen und viele weitere Namen in diesem Podcast haben wir geändert zu ihrem eigenen Schutz, aber auch zur Anonymisierung der Lehrer, deren Identität wir aus rechtlichen Gründen nicht offenbaren dürfen. Darum haben wir auch einzelne Begebenheiten und Orte verändert. Auch einzelne Stimmen haben wir nachgesprochen oder verfremdet. Wir weisen an den entsprechenden Stellen immer darauf hin.
Hannah (0:50)
Das fing dann erst so in der neunten Klasse an. Anfangs bin ich nach dem Unterricht häufig nach der Stunde dageblieben und dann haben wir noch weit in die Pause hinein miteinander gesprochen.
Zoe (1:00)
Das war im März 2014, da hatte ich meine Zahnspange noch. Diese Brackets, diese silbernen, die auf die Zähne geklebt sind. Und ich bin dann aus dem Unterricht rausgegangen, weil es mir nicht gut ging und habe dann da total geweint. Er war total lieb und er ist stehen geblieben und hat sich nach mir erkundigt.
Marie (1:22)
Mein Privatleben zurzeit war einfach sehr chaotisch, sehr instabil. Und für mich war das Zuhause in dem Sinne nicht sicher. Und es war dann eine Freundin von mir, die ihn aufgesucht hat als Vertrauenslehrer. Also aus ihrer Sicht war das eigentlich der perfekte Kandidat, um mir irgendwie zu helfen.
Britta Rotsch (1:40)
Das sind Hannah, Zoe und Marie. Sie erzählen uns alle drei von einem Erlebnis, das lange zurückliegt. Und zwar aus ihrer Schulzeit, als sie 15 waren und in der neunten Klasse.
Hannah (1:51)
Irgendwann war ich dann auch öfter mal vor dem Lehrer in dem Zimmer und hab da gewartet, um nochmal ihn abfangen zu können. Und dann meinte er irgendwie so, ja, dass er mir mal seine E-Mail-Adresse geben würde, dass wir da den Austausch fortführen könnten.
Marie (2:05)
Ich hab mir das Schulheft aufgeschlagen und hab meine Handynummer da aufgeschrieben und so rausgerissen und ihm gegeben. Und er hat dann seine Handynummer auf diese Seiten in meinem Schulheft geschrieben. Und das weiß ich auch noch ganz genau.
Zoe (2:16)
Es war dann so, dass er los musste, aber dass er mir seine Nummer geben würde, falls es mir wieder schlecht gehen würde, dass ich mich melden könnte.
Britta Rotsch (2:29)
Vielleicht erinnert ihr euch noch an eure eigene Schulzeit. An die LehrerInnen, den Unterricht, die Hausaufgaben, die Klassenzimmer. Und vielleicht auch an die Gerüchte auf dem Schulhof. Manchmal waren da auch Gerüchte dabei, dass ein Lehrer und eine Schülerin was miteinander haben.
Marie (2:45)
Also ich wusste da schon, dass irgendwas so zwischen uns passiert, oder irgendwie wir irgendeinen Wand haben, irgendeine Bindung, über die man irgendwie auch nicht sprechen kann, so oder darf. Und das irgendwie auch so schon ein Geheimnis war.
Britta Rotsch (2:58)
Marie, Hannah und Zoe hatten nicht den gleichen Lehrer. Sie waren nicht auf der gleichen Schule, wohnen nicht in der gleichen Stadt, nicht mal im gleichen Bundesland. Sie kennen sich nicht. Was ihnen passiert, geschieht völlig unabhängig voneinander. 2004, 2005 und 2014 Aber sie alle drei sind 15, als Lehrer an ihrer Schule ihnen ihre privaten Kontakte geben, Handynummern oder E-Mail-Adressen. Es scheint, als wollten die Lehrer ihnen nur helfen. Doch die Beziehungen, die daraus entstehen, fühlen sich für Marie, Hannah und Zoe auch viele Jahre später verstörend an. Meine Kollegin Taiina Grünzig und ich haben über ein Jahr lang die Geschichten von Marie, Hannah und Zoe recherchiert, Tausende SMS gelesen und hunderte Seiten alte Tagebücher. Im Laufe unserer Recherche haben wir mit Personen aus dem Umfeld der jungen Frauen gesprochen, mit LehrerInnen und SchulleiterInnen. Wir haben JuristInnen, PädagogInnen und PsychologInnen interviewt. Wir haben die jeweiligen Schulaufsichtsbehörden, die in den Fällen von Marie, Hannah und Zoe zuständig waren, kontaktiert und um Interviews gebeten. Und am Ende der Recherche haben wir die Lehrer der drei Frauen konfrontiert. In diesem Podcast fragen wir, wie es überhaupt so weit kommen kann, dass Lehrkräfte ihre Position benutzen, um SchülerInnen emotional und sexuell zu missbrauchen. Und wie es sein kann, dass niemand etwas mitbekommt. Aber wenn wir ehrlich sind, es bekommt immer jemand mit. Ich bin Britta Rotsch und das ist Die Lieblingsschülerin, ein Podcast von Deutschlandfunk. Ihr hört Folge 1 von 5, die erste Nachricht.
Ich war als Schülerin selbst in einem Abhängigkeitsverhältnis mit meinem damaligen Lehrer. Im Jahr 2007, da war ich gerade in der 12 Klasse, bekam ich die allererste E-Mail von ihm. Ich erinnere mich, darin stand, du bist wunderschön und ein Foto von mir war im Anhang zu sehen. Dieser Lehrer schrieb mir über ein Jahrzehnt Nachrichten. Er schenkte mir Bücher zu Weihnachten und zum Geburtstag. Er lud mich immer wieder zu sich nach Hause ein, machte mir Komplimente. Er war 58, ich war 18 Er war der erste Mann in meinem Leben, der mir in einer Mail schrieb, ich liebe dich. Ich fand das damals eklig. Trotzdem speicherte ich all seine Mails. Manchmal antwortete ich ihm sogar. Und trotzdem zog ich etwas daraus. Mein unsicheres 18-jähriges Ich wurde endlich gesehen. Elf Jahre nach meinem Schulabschluss begann ich ernsthaft über diese Erfahrung zu sprechen. Ohne dabei zu lachen oder es als lustige Partygeschichte zu erzählen. Ich tat das öffentlich als Journalistin. Danach ließ mich das Thema nicht los. Auch weil ich immer wieder Nachrichten von Menschen bekomme. Vor allem von Frauen, die Ähnliches erlebt haben. Jetzt habe ich deine Geschichte gehört und wurde wieder daran erinnert, was mir passiert ist. Ich bin von sexualisierter Gewalt durch einen Lehrer betroffen. Als ich 16 Jahre alt war. Der Lehrer war damals mit 35 Jahren mehr als doppelt so alt wie ich. In Deutschland gilt die Schulpflicht. Alle Kinder und Jugendlichen zwischen dem 6 und 18 Lebensjahr müssen zur Schule gehen. In der Pubertät, wenn man wachsen werden, verbringen junge Menschen jeden Tag viele Stunden in Klassenzimmern, auf Schulhöfen, in Schulfluren. Schule, das ist ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche sich wohlfühlen sollten, an dem sie in Sicherheit sein müssten. Wie kann es sein, dass ausgerechnet dort emotionaler und sexueller Missbrauch stattfindet? Die Geschichten, die wir in diesem Podcast erzählen, passieren, weil Nähe in der Schule erlaubt ist und gleichzeitig unklar geregelt, weil junge Menschen oft nicht wissen, wo ihre Grenzen beginnen und weil Erwachsene manchmal vergessen, wo ihre aufhören sollten. Dabei wissen wir, wie wichtig Lehrkräfte sind, wie sie uns prägen. Der Renaissance-gelehrte Erasmus von Rotterdam sagte einst, der erste Schritt zum Lernen ist die Liebe zum Lehrer. Und der Bildungsforscher John Hattie hat gesagt, die Lehrer-Schüler-Beziehung gehört zu den wirkungsmächtigsten Einflüssen auf die Lernleistung von Schülern.
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