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Daumen drücken und Glücksbringer – Warum sind wir abergläubisch?

Aha! Zehn Minuten Alltags-Wissen

December 29, 2022

Sind Sie abergläubisch? Diese Frage beantworten viele auf Anhieb mit „Nein“. Und das, obwohl der ein oder andere doch „auf Holz klopft“ und die Daumen drückt. Warum wir manchmal doch abergläubisch sind, ob das tatsächlich eine Wirkung haben kann und wann Aberglaube zum Problem wird?

Speakers Sonja Gillert, Barbara Stoberock

TopicsScienceHealth & Fitness

Sonja Gillert (0:00)

Liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Sonja Gillert und ich freue mich wirklich sehr, dass sie dabei sind. Ich gestehe ihnen in dieser Folge etwas, das mir eigentlich ein wenig unangenehm ist. Ich bin nämlich tatsächlich etwas abergläubisch. Immer wenn ich einen wirklich wichtigen Termin vor mir habe, dann trage ich einen Ring mit zwei weißen Steinen am Finger. Den hat meine Mutter mir vor ein paar Jahren geschenkt. Egal ob im Flugzeug, beim Zahnarzt oder bei einem wichtigen Interview, der Ring ist immer dabei. Und in dieser Folge will ich herausfinden, warum einige von uns, beispielsweise Ansel Vester, plötzlich ebenso abergläubisch werden wie ich und ob manches Ritual vielleicht sogar eine Wirkung hat. Außerdem will ich eine Frage beantworten, die mir immer wieder beim Bügeln begegnet. Ist es tatsächlich lebensgefährlich, wenn man destilliertes Wasser trinkt?

SPEAKER_2 (0:57)

Zehn Minuten Alltags-Wissen. Ein Podcast von WELT.

Sonja Gillert (1:04)

Haben Sie einen Glücksbringer? Meinen kennen Sie ja jetzt bereits. Den Ring mit den zwei Steinen. Mit meinem kleinen Aberglauben bin ich gar nicht so allein in Deutschland. In einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2021 haben immerhin 39% der befragten Frauen und 21% der befragten Männer angegeben, abergläubisch oder eher abergläubisch zu sein. Besonders kurz vor dem Jahreswechsel kursieren verschiedenste Rituale, die das neue Jahr besonders erfolgreich und ganz besonders glücklich machen sollen.

Zu den Klassikern des Jahreswechsel-Aberglauben dürfte die rote Unterwäsche gehören, die man für eine extra Portion Glück tragen soll.

Und manchmal hat der Aberglaube auch Konsequenzen in der Realität. So klingt beispielsweise die Aussprache der Zahl 4 in China ähnlich wie das Wort Tod. Das ist kein gutes Zeichen, finden offenbar viele. Daher haben die meisten Gebäude einfach keinen 4 14 oder 24

SPEAKER_2 (2:06)

Stock.

Sonja Gillert (2:08)

Was macht uns anfällig für Aberglauben und welche Effekte kann abergläubisches Verhalten tatsächlich haben? Darüber spreche ich heute mit Barbara Stoberock. Sie ist Professorin für Angewandte Sozialpsychologie am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf. Hallo Frau Stoberock.

An Silvester gibt es ja viele Bräuche, mit denen Menschen versuchen, möglichst viel Glück im neuen Jahr zu erzielen. Warum sind wir doch gelegentlich abergläubisch, auch wenn wir uns sonst für sehr rational halten?

Barbara Stoberock (2:42)

Ja, also die Forschung zeigt, dass Menschen immer dann abergläubisch sind, wenn ihnen was besonders wichtig ist und das besonders wichtig ist, dass was Gutes passiert oder eine Situation gut ausgehen soll. Also immer dann, wenn wir auf keinen Fall einen schlechten Ausgang wollen und die Situation weitreichende Konsequenzen hat. Zum Beispiel bei einer Abschlussprüfung oder beim Vorstellungsgespräch oder vor einem wichtigen Fußballspiel oder bei einem Wettkampf oder halt auch an Silvester, wenn man will, dass das nächste Jahr unbedingt gut wird.

Sonja Gillert (3:13)

Das heißt, es ist wie so eine kleine Zusatzversicherung, wo wir uns dann denken, ach ja, ich habe jetzt mein Bestes gegeben, aber zur Versicherung ziehe ich dann doch noch mal die rote Unterhose an. Vielleicht wird es dann noch besser im nächsten Jahr. Sie haben ja an einem Projekt mitgearbeitet, in dem die Wirkung von Aberglaube erforscht wurde. Da ging es, ich sage es mal ganz grob, ums Daumen drücken unter anderem. Was genau haben Sie denn da untersucht?

Barbara Stoberock (3:37)

Ja, wir haben in unserem Arbeitsalltag an der Uni irgendwie festgestellt, dass da viele Studierende zu Prüfungen gekommen sind mit Glücksbringern. Die hatten Glücksbringer dabei. Und das hat uns irgendwie gewundert, weil das ja eher so ein rationales Umfeld ist. Und man hat es ja auch im Fernsehen öfter gesehen. Zum Beispiel jetzt Cristiano Ronaldo, der immer mit dem rechten Fuß zuerst aufs Fußballfeld gehen will. Das kann ja nicht alles irgendwie ganz umsonst sein, haben wir uns gedacht. Was sind das für psychologische Wirkmechanismen, die dabei eine Rolle spielen können? Also wir wollten versuchen, irgendwie zu erklären, warum die Leute Glücksbringer hatten oder Glücksstifte, Glückspullis, irgendwelche Rituale ausüben und haben uns gedacht, da müsste doch irgendwas dran sein.

Sonja Gillert (4:17)

Und wie genau haben sie untersucht, welche Wirkungen Glücksbringer haben?

Barbara Stoberock (4:22)

Ja, also wir haben mehrere Studien dazu durchgeführt. Wir haben zum Beispiel Studierende gebeten, bei uns Golf, so ein bisschen so Minigolf, zu spielen. In einer Gruppe haben die Teilnehmenden zum Beispiel einen Ball bekommen, wo wir gesagt haben, hier, das ist dein Glücksball. Damit haben die anderen vorher ganz viel Glück gehabt. Und die andere Gruppe, so die Kontrollgruppe, hat dann einfach einen normalen Ball bekommen. Die haben dann zum Beispiel gesagt, hier ist dein Ball. Damit haben auch die anderen vorher gespielt. Oder wir haben einer Gruppe zum Beispiel gesagt, hier, wir drücken dir die Daumen, ich drück dir die Daumen, du bist dran. Und der andere Gruppe, dann haben wir nichts so abergläubisches oder nicht so was in die Richtung gesagt. Und ja, wir haben auch eine anderen Studie die Leute gebeten, einen Glücksbringer mitzubringen, den die haben.

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