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Carl Hart: Besser leben mit Heroin und Kokain?

Sternstunde Philosophie

October 3, 2026

Carl Hart forscht an der Columbia Universität in New York zu Drogen und konsumiert selbst regelmässig Substanzen wie Heroin oder Kokain. Olivia Röllin spricht mit ihm über Sucht und Abhängigkeit und das Recht des Einzelnen, sein Bewusstsein durch Drogen zu verändern.

Speakers Olivia Röllin, Carl Hart

TopicsPhilosophySociety & Culture

Olivia Röllin (0:01)

SRF Audio.

Der Crack- und Konkainkonsum in Schweizerstädten nimmt seit Jahren zu. Die Politik, die schlägt Alarm. Aber mein heutiger Gast, der ist Neurowissenschaftler und erforscht, wie Drogen auf Menschen wirken und konsumiert selbst seit Jahren regelmäßig Heroin. Er sagt, nicht die Drogen sind das Problem. Und er fordert das Recht, erwachsene Menschen ihr Bewusstsein zu verändern, auch einfach, weil es ihnen Freude macht. Mein Gast ist es Carl Hart, er ist Professor für Psychologie und Neurowissenschaften und zwar an einer der renommiertesten Universitäten weltweit, der Columbia University.

Dort forscht er seit Jahrzehnten über Drogen und deren Wirkung auf Menschen. Und gleichzeitig sind sie auch Vater, sie sind Ehemann, sie sind Freund für viele Menschen und konsumieren eben Heroin, Kokain, Amphetamine. Immer wieder ganz einfach gefragt, wie geht das eigentlich zusammen?

SPEAKER_2 (1:07)

Wie das zusammenpasst?

Carl Hart (1:09)

Nun, als Experte auf einem Gebiet wie Drogen sollte man doch etwas darüber wissen, wie Drogen wirken und wie sie sich anfühlen. Wie sollte jemand Sex erforschen, der noch nie Sex hatte? Das wäre lächerlich, finden Sie nicht?

Olivia Röllin (1:23)

Na ja, es gibt Kühnekologen, die keine Frauen sind.

Carl Hart (1:30)

Das stimmt, aber Sie als Frau würden wohl eine Gynäkologin bevorzugen. Allerdings gab es historisch gesehen immer männliche Frauenärzte. Gynäkologinnen gibt es noch nicht sehr lange.

Aber Frauen gehen mit gutem Grund lieber zu einer Gynäkologin.

SPEAKER_2 (1:51)

Das Gleiche gilt für Drogen.

Carl Hart (1:53)

Es braucht jemanden, der sich tatsächlich damit auskennt, im Gegensatz zu Leuten, die darüber spekulieren oder Vermutungen anstellen, die ausschliesslich darauf beruhen, was sie gelesen haben.

Das heisst nicht, dass man Drogen nehmen muss, um Drogen zu verstehen. Das meine ich nicht. Aber man erhält eine andere, umfassendere Perspektive, wenn man sie bewusst nutzt. Wir sind ja in der Schweiz, der Heimat von Albert Hoffmann, oder? Wir feiern eben. Wir feiern Albert Hoffmann wegen seines Berichts über LSD, das er synthetisiert und später eingenommen hat, um einige seiner Wirkungen zu erklären. Ich befinde mich also gewissermaßen in den Fussstapfen von Albert Hoffmann.

Olivia Röllin (2:43)

Sie scheinen erstaunt über die Frage, oder Sie finden die Frage doof, weshalb sie wieder alles zusammengeht. Gleichzeitig könnte man sagen, Wissenschaftler haben ja oft eine gewisse Distanz zu ihrem Forschungsgegenstand. Das fehlt Ihnen ja in dem Falle. Yeah, that's a great question.

Carl Hart (2:58)

Das ist eine tolle Frage. Aber was Sie beschreiben, ist nicht Objektivität.

Das Schöne an der Wissenschaft ist, dass Studien vor ihrer Veröffentlichung blind begutachtet werden. In der Wissenschaft geht es um die Methoden. Wie gut die Methoden alle Varianz erfassen, entscheidet darüber, ob es zu einer Veröffentlichung kommt. Das ist Objektivität. Die dreifache Blind-Begutachtung ist das Mass der Objektivität. Das ist das Schöne an der Wissenschaft.

Olivia Röllin (3:38)

Wie muss ich mir diesen Konsum vorstellen? Ich frage mich, wenn Sie sagen, das ist auch wichtig, dass Sie diesen Kontakt dazu haben, dass Sie diesen Forschungsgegenstand kennen, sind Sie jetzt auch drogiert oder wann nehmen Sie Drogen?

Carl Hart (3:52)

Da herrscht ein falsches Bild in der Gesellschaft. Wenn man seine Ziele im Leben erreichen will, ich z.B. habe mehrere Bücher und mehr als 100 wissenschaftliche Artikel verfasst, kann man sich keinen regelmässigen Drogenkonsum erlauben.

Das wird zu kompliziert. Ausserdem habe ich Frau und Kinder. Ich habe Verpflichtungen, denen nicht nachkommen muss.

Der Drogenkonsum ist eher eine Art Auszeit, so wie der Besuch in einem Comedy Club, wo man ja auch nicht jeden Abend oder jedes Wochenende hingeht. Man geht von Zeit zu Zeit hin. Wie man auch nicht jeden Tag oder jedes Wochenende in die Ferien fährt. Man fährt etwa einmal im Jahr. So sieht mein Drogenkonsum aus.

Olivia Röllin (4:51)

Wie Sie das verwenden. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, jemand in Ihrer Position, sehr privilegiert in dieser Gesellschaft, welche negativen Folgen zeitigt das?

Sie schreiben auch in diesem Buch, Drug Use for Grown-Ups, schreiben Sie, es war für Sie eine Überwindung, endlich eigentlich sich zu outen, dass Sie Drogen selber nehmen, weil Sie in negativen Folgen sind, daraus gekommen.

Carl Hart (5:18)

In Ihrer Frage klingt Verschiedenes an.

So haben Sie von Privileg gesprochen. Ich glaube, Sie missverstehen den Begriff Privileg. Privileg, so wie wir den Begriff verwenden, meint unverdiente Vorteile. Jemand, der hart gearbeitet und einen Doktortitel erworben hat, ist nicht privilegiert.

Olivia Röllin (5:37)

Das war bei Ihnen aber durchaus der Fall. Darauf werden wir noch eingehen.

Carl Hart (5:42)

Ich habe hart gearbeitet, einen Doktortitel erworben und kenne mich in meinem Fachgebiet aus. Das ist nicht Privileg, das ist Arbeit. Es erfordert viel Arbeit, zu verstehen, wie Drogen wirken und wie sie nicht wirken.

Privileg heisst z.B., weiss zu sein, oder das, was man weiss nennt, was nichts reales ist, sondern ein europäisches Aussehen bezeichnet. In einer mehrheitlich europäischen Gesellschaft hat man damit einen Vorteil, den ich nicht habe. Ich werde an euren Flughäfen zum Verdächtigen und muss diese strengen Sicherheitskontrollen durchlaufen. Ich gelte als Sicherheitsrisiko.

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