Bleiben, obwohl man gehen könnte?
Sternstunde Philosophie
September 19, 2026
In ihrem neuen Buch «Zusammenbleiben. Von der Freiheit fester Bindungen» stellt die Philosophin Svenja Flasspöhler eine provokant einfache Frage: Was, wenn eine dauerhafte Beziehung nicht das Gegenteil von Freiheit ist, sondern eine ihrer anspruchsvollsten Formen?
Speakers Olivia Röllin, Svenja Flasspöhler
TopicsPhilosophySociety & Culture
SPEAKER_1 (0:01)
SRF Audio.
Olivia Röllin (0:19)
Soll ich bleiben oder gehen? Das haben sie sich bestimmt auch schon gefragt. Immerhin gibt es einen Haufen anderer Menschen, mit denen ein gemeinsames Leben möglich wäre. Wie entscheidet man sich für die oder den einen? Und woran erkennt man eigentlich, ob bleiben Freiheit ist oder bloß Angst vor dem Gehen? Darüber spreche ich mit der Philosophin und Chefredakteurin des Philosophiemagazins Svenja Flasspöhler.
Frau Flasspöhler, sind Sie eigentlich gut im Schlussmachen?
Svenja Flasspöhler (0:47)
Ich glaube, ich bin tendenziell eher ein Mensch, der bleibt. Also zumindest, wenn ich meine aktuelle Beziehung in Betracht ziehe, dann ist es so, dass ich seit 25 Jahren mit einem und demselben Mann zusammen bin. Aber es gab durchaus Zeiten, in denen ich in der Disziplin besser war.
Olivia Röllin (1:10)
Haben Sie sich zuletzt von irgendwas getrennt?
SPEAKER_1 (1:13)
Oder wann vielleicht?
Svenja Flasspöhler (1:17)
Müsste ich jetzt wirklich angestrengt nachdenken, ob ich mich... Ich bin ganz gut im Aussortieren. Also ich bin eine ganz große Aussortiererin.
Ich mag Ordnung, ich hänge durchaus auch an Dingen und die beware ich auch sehr sorgfältig auf. Aber wenn ich merke, dass ich etwas wirklich nicht mehr brauche, dann bin ich gut darin, Dinge auch wegzutun.
Olivia Röllin (1:38)
Das heißt, das macht Ihnen überhaupt nicht Angst, weil es gibt ja Menschen, die dann eher das horten, weil sie irgendwie eine Sicherheit finden.
Svenja Flasspöhler (1:45)
Nee, ich finde eher eine Sicherheit in Ordnung.
Olivia Röllin (1:48)
Sie haben ein Buch geschrieben, ein neues Buch mit dem Titel Zusammenbleiben. Und dort sagen Sie, die Frage ist, ist das der oder die Richtige, ist eigentlich die falsche, wenn es ums Zusammenbleiben geht. Warum ist das die falsche Frage?
Svenja Flasspöhler (2:01)
Weil diese Idee, das ist ja die romantische Idee, dass es da draußen den einen Richtigen, die eine Richtige gibt und der Gedanke, die da natürlich hintersteckt, ist, mit dem oder der Richtigen gibt es dann auch keine Konflikte mehr. Das funktioniert einfach, das passt. Das ist mein Seelenverwandter, das ist meine bessere Hälfte. So im platonischen Sinne. Wir sind wieder so ein Kugelmensch geworden, weil wir so perfekt zueinander passen. Und erstens ist das ja einfach nicht die Realität. Und es führt eben auch dazu, gerade weil es nicht die Realität ist, dass man sich dann sehr schnell beim ersten großen Konflikt oder sobald so diese ersten Projektionen bröckeln, nach der ersten Phase der Verliebtheit, dass man sich dann sehr schnell wieder trennt, weil es dann wahrscheinlich doch nicht der Richtige war.
Und ich bin fündig geworden diesbezüglich bei Sören Kierkegaard erstaunlicherweise, also ein Mann des 19 Jahrhunderts.
Olivia Röllin (2:54)
Der dänische Philosoph.
Svenja Flasspöhler (2:55)
Der dänische Philosoph, der eben schon im 19 Jahrhundert festgestellt hat, es geht nicht darum, den Richtigen zu wählen, sondern es kommt auf das Pathos an, mit dem man wählt.
Olivia Röllin (3:06)
Also die Phase, mit der man entscheidet, sie für diesen Menschen entscheidet.
Svenja Flasspöhler (3:11)
Ja, in dem man wählt. Also ich würde gar nicht so sehr von entscheiden, sondern wirklich von Wahl. Also ich sage Ja zu dir und zwar nicht, weil du der Richtige bist, sondern weil mit dir ein gemeinsames Leben möglich ist. Und das ist etwas ganz anderes als an den Richtigen zu glauben. Denn also Männer, mit denen ein gemeinsames Leben möglich gewesen wäre, da würde ich jetzt rückblickend sagen, da gab es schon mehrere.
Aber ich habe entweder die Möglichkeit nicht erkannt oder der andere nicht. Oder wir haben einfach nicht die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Es gab sicherlich ganz viele auch psychische Hinderungsgründe in jüngeren Jahren, die einen vielleicht davon abhalten, eine wirkliche Bindung mit einem anderen Menschen einzugehen. Aber eben dieses Mögliche, die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebens, da würde ich sagen, da gibt es vielleicht auch jetzt da draußen Männer, mit denen das möglich wäre. Aber das muss mich ja gar nicht interessieren, solange ich zu diesem einen Mann sagen kann, mit dir ist es jetzt möglich.
Olivia Röllin (4:10)
Da sind jetzt schon ganz viele Dinge auf dem Tisch. Jetzt interessiert mich zuerst mal, was heißt denn überhaupt möglich wäre? Wie weiß ich denn, ob das möglich wäre? Weil so wie sie es jetzt darstellen, könnte ich ja sagen, ja auch mit diesem Kameramann wäre eine Beziehung möglich.
Svenja Flasspöhler (4:23)
Na ja, also wenn man jetzt diese Frage in Anbetracht von Dating-Apps stellt oder von Partnerbörsen, digitalen Partnerbörsen, da wird natürlich sofort eben nach der Passung geguckt. Also möglich ist nur das, was passt. Also möglich ist es nur, wenn auch der andere Veganer ist.
Olivia Röllin (4:41)
Sie klauen über Einstimmungen sozusagen.
Svenja Flasspöhler (4:43)
Das ist im Grunde das Ideal der Gleichheit. Also die Passung heißt immer, der andere ist eigentlich im Grunde so wie ich.
Und das ist eben genau diese Suche nach dem Richtigen, die ich ablehnen würde. Also diese Gleichsetzung von Möglichkeit und dem Richtigen im Sinne einer perfekten Passung, sondern möglich ist es, wenn man merkt, dass etwas da ist, an das man anknüpfen kann beim anderen. Und der andere wiederum kann bei mir an etwas anknüpfen. Also es ist nie alles gut, wenn etwas möglich ist mit jemandem. Es ist nie alles gut. So war es auch nicht bei meinem Mann und mir.
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