Bequeme neue Welt: Verlernen wir das Menschsein?
Sternstunde Philosophie
October 17, 2026
Apps organisieren unseren Alltag, Algorithmen treffen eine Vorauswahl, KI übernimmt das Denken. Das spart Zeit und Mühe. Philosophin und Astrophysikerin Sibylle Anderl fragt, was wir verlieren, wenn wir uns immer mehr abnehmen lassen, und was es braucht für ein gutes, selbstbestimmtes Leben.
Speakers Michael Räber, Sibylle Anderl
TopicsPhilosophySociety & Culture
Michael Räber (0:01)
SRF Audio.
Ein Leben ohne Mühe. Ist das nicht der Traum des Fortschritts? Maschinen arbeiten für uns, Apps organisieren uns, die KI nimmt uns das Denken ab. Doch ist ein Leben, in dem alles leicht wird, ein gutes Leben? Keinesfalls, sagt mein heutiger Gast. Denn wenn wir uns jede Mühe abnehmen lassen, verlieren wir womöglich mehr, als wir gewinnen. Darüber spreche ich heute mit Philosophin und Astrophysikerin Sibylle Anderl.
Mein Name ist Michael Räber und ich darf heute zum ersten Mal dieser Sendung moderieren. Fragen habe ich schon ganz viele im Gepäck. Jetzt freue ich mich auf die Antworten und auf sie zu Hause. Und natürlich auf Sie, Frau Anderl. Herzlich willkommen in der Sternstunde Philosophie.
Sibylle Anderl (0:55)
Vielen Dank.
Michael Räber (0:57)
Sie haben ein Buch geschrieben, das heißt Bequeme neue Welt. Was wir gewinnen, wenn wir uns etwas zumuten.
Jetzt will ich Sie als allererstes fragen, sitzen Sie bequem?
Sibylle Anderl (1:11)
Vielen Dank, ich sitze sehr bequem. Sie sitzen sehr bequem. Sehr bequemer, das könnte durchaus unbequemer sein.
Michael Räber (1:16)
Wunderbar, freut mich. Welche Sachen lassen Sie sich eigentlich gerne abnehmen? Wo sind Sie bequem in Ihrem Leben?
Sibylle Anderl (1:24)
Ich bin an vielen Stellen bequem.
Wir leben ja in einer Welt, in der uns wahnsinnig viel abgenommen wird und das würde ja kaum jemand missen wollen. Also es geht los mit all den Dingen, die uns im Haushalt unterstützen, von der Waschmaschine bis zum Kühlschrank. Natürlich bin ich exzessive Handynutzerin, ich brauche meinen Computer in allen Lebenslagen. Also insofern, ja, wir sind an sehr, sehr vielen Stellen bequem und das ist etwas, was wir in der modernen Welt ja auch brauchen, um den Anforderungen der modernen Welt genügen zu können.
Michael Räber (1:50)
Also die Bequemlichkeit ist nicht grundsätzlich ein Problem. Wo würden Sie dann aber sagen, bei Ihnen im Leben, da wollen Sie sich die Mühe nicht ersparen, da wollen Sie nicht bequem sein?
Sibylle Anderl (2:02)
Ich glaube, es ist grundsätzlich schwierig, da ganz allgemeine Antworten zu geben. Aber was wichtig ist, ist zu sehen, dass Bequemlichkeit etwas ist, was lange Zeit für uns Menschen eine ganz, ganz wichtige Motivation war. Ein sehr wichtiges Mittel, schon rein evolutionär, um Energie zu sparen und gut durchs Leben zu kommen. In der modernen Welt ist Bequemlichkeit, aber ein ganz zentraler Zweck geworden. Also Bequemlichkeit im Sinne von Zeit, Energie und Anstrengung zu sparen.
Das ist etwas, was wir natürlich an vielen Stellen wünschen und anstreben. Gleichzeitig vergessen wir aber oft, dass Bequemlichkeit etwas ist, was wir nicht kostenlos bekommen, was mit bestimmten Kosten einhergeht. Wir geben Fähigkeiten auf, wenn wir den bequemen Weg wählen. Wir geben ab, wir geben Unabhängigkeit auf.
Wir nehmen manchmal die Lösung, die vielleicht gar nicht unbedingt die beste für uns ist, was einfach die naheliegende ist. Insofern kommen immer bestimmte Kosten mit der Bequemlichkeit. Sich die Frage zu stellen, welche Kosten mit einer ganz konkreten Bequemlichkeitsentscheidung einhergehen, das ist, glaube ich, etwas, was relativ wichtig ist und was heute in unserer Zeit, in den großen Umbrüchen, die wir erleben, etwas ist, wofür wir uns wirklich Zeit nehmen sollten.
Michael Räber (3:17)
Wenn ich Sie persönlich frage, was sind die Dinge, die Ihnen besonders wichtig sind, wo Sie sagen, da will ich nicht bequem sein, diese Mühe will ich mir nicht abnehmen lassen, das mache ich selber. Was sind das so für Dinge?
Sibylle Anderl (3:28)
Ein Anlass auch für das Buch war die Beobachtung, dass mit unseren digitalen Werkzeugen und insbesondere der künstlichen Intelligenz, die uns heute sehr viel abnimmt im Bereich des Denkens, des Lesens, des Schreibens, dass wir dort Fähigkeiten abgeben und Schwächen, die uns Menschen sehr zentral ausmachen. Und ich als Journalistin, als Autorin, ich schreibe natürlich viel und brauche dieses Schreiben auch, um die Gedanken zu sortieren.
Ich merke aber mittlerweile den starken Sog dieser Werkzeuge, die einfach überall zu nutzen, weil sie so bequem sind. Also, dass man nicht mehr selber nachdenkt, sondern sich einfach kurz den Chatbot aufmacht und eine Frage stellt. Und an der Stelle merke ich, ja, das sind Fähigkeiten, die ich nicht abgeben möchte. Und insofern Schreiben ist bei mir so ein Beispiel. Ich schreibe alle Texte nach wie vor selber, weil ich einfach merke, dass es etwas, was für mich wichtig ist, um mein Denken zu sortieren, das würde ich nicht abgeben wollen.
Michael Räber (4:22)
Jetzt haben Sie im Buch, Sie beschreiben das zu Beginn, Ihren eigenen Alltag oder auch den Alltag vieler Menschen, die Sie kennen, als etwas, was eigentlich ziemlich anstrengend ist. Also wir sind auf der Arbeit, wir haben vielleicht noch Kinder, die Wäsche muss gemacht werden, wenn wir zurückkommen von der Arbeit, Rechnungen müssen bezahlt werden. Der Alltag ist anstrengend, viele Menschen sind überfordert. Ist es dann nicht erwartbar und auch ein Stück weit entschuldbar, dass die Menschen dann sich diesen bequemen Dingen hingeben?
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