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BABYLON DEUTSCHLAND - Von Weimar zur NS-Diktatur

Alles Geschichte - Der History-Podcast

September 11, 2026

Straßenkämpfe, Notverordnungen, Präsidialkabinette: Ab 1930 höhlte Reichspräsident Hindenburg die Weimarer Demokratie systematisch aus - und bahnte damit den Nationalsozialisten den Weg in die Diktatur. Ein Podcast von Renate Eichmeier (BR 2026)

Speakers Johannes Hürter, Renate Eichmeier

TopicsHistory

Johannes Hürter (0:05)

Alles Geschichte. Der History-Podcast.

Was die nationalkonservativen Kräfte völlig unterschätzt haben, war diese ungeheure Dynamik, mit der die Nationalsozialisten vorgehen.

SPEAKER_2 (0:29)

März 1933 Die Garnisonkirche in Potsdam war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wer Rang und Namen hatte, wollte dabei sein, bei dem Staatsakt zur Eröffnung des neu gewählten Reichstages. Generäle der alten Kaiserlichen Armee, Großgrundbesitzer, Richter und Beamte drängten sich in den Bankrhein. Neben ihnen, Offiziere der Reichswehr, SA-Männer in Uniform sowie die Reichstagsabgeordneten der NSDAP und der bürgerlichen Parteien. Auch vier Söhne von Ex-Kaiser Wilhelm II waren anwesend. Der einstige Kronprinz Wilhelm als Ehrengast in der kaiserlichen Loge.

Der betagte Reichspräsident Paul von Hindenburg trug die Uniform eines Generalfeldmarscheis aus der Kaiserzeit. In einer kurzen Rede erinnerte er an Preußens alte Größe und beschwor ein neues, geeintes Deutschland. Dann war der neue Reichskanzler an der Reihe, Adolf Hitler. 43 Jahre alt, zivil im dunklen Frack und weißen Hemd.

In seiner Ansprache redete er von einer neuen Volksgemeinschaft und feierte Hindenburg demonstrativ als das große Vorbild des nationalen Aufstiegs.

Renate Eichmeier (1:54)

Der Festakt suggerierte eine Verbindung zwischen dem alten, kaiserlichen Deutschland und der jungen Bewegung der Nationalsozialisten. Dazu Dr. Johannes Hürter, der am Institut für Zeitgeschichte in München die Forschungsabteilung leitet.

Johannes Hürter (2:08)

Der Tag von Potsdam war eine große Propaganda-Inszenierung, die äußerst geschickt war und äußerst wirksam war, die nicht nur Wirkung auf die Nationalsozialisten und auf die Reaktionäre und Nationalkonsultaten hatte, sondern auf sehr, sehr viele Menschen hatte. Es war quasi eine Einheitsfeier der nationalen Kräfte.

Renate Eichmeier (2:34)

Bei dem pompösen Staatsakt in Potsdam inszenierten sich die alten Gegner der Weimarer Republik Seite an Seite mit den neuen. Einig waren sie sich in der Ablehnung der parlamentarischen Demokratie und der politischen Linken und stießen dabei auf breite Zustimmung in konservativ-bürgerlichen Kreisen.

Doch ihre Vorstellungen von der Zukunft Deutschlands gingen weit auseinander.

Während konservative Eliten auf einen Obrigkeitsstaat ähnlich der Monarchie hofften, arbeiteten die Nationalsozialisten auf eine totalitäre Diktatur hin. Der autoritäre Umbau der Weimarer Republik war zu diesem Zeitpunkt längst im Gange. Ein Rückblick. Die Weichen hatte Reichspräsident Hindenburg etwa drei Jahre vorhergestellt. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 war das Leben in der Weimarer Republik aus den Fugen geraten. Im März 1930 zerbrach die parlamentarische Regierung unter Führung der SPD. Hindenburg ernannte am Reichstag vorbei Präsidialkabinette und regierte mit Notverordnungen. Der Reichstag war mehr oder weniger ausgeschaltet. Der Historiker Johannes Hürter.

Johannes Hürter (3:42)

Das war in der Verfassung angelegt durch den Artikel 48, der den Reichspräsidenten ermächtigte in Notzeiten, wie es hieß, also in besonderen Krisenlagen an dem Parlament vorbei, Notverordnungen zu erlassen, also quasi zu regieren.

Renate Eichmeier (4:00)

Das Parlament konnte diese Notverordnungen zwar ablehnen, aber Hindenburg konnte dann den Reichstag auflösen und Neuwahlen ansetzen. Das geschah gleich zu Beginn des ersten Präsidialkabinetts unter Reichskanzler Heinrich Brüning. Die Wahlen im September 1930 wurden zum Schock für die Republik. Die NSDAP, bis dahin nur eine kleine, radikale Splitterpartei, stieg hinter der SPD mit knapp über 18 Prozent zur zweitstärksten Kraft im Reichstag auf. Mit dem Wahlerfolg explodierten auch die Mitgliederzahlen ihrer paramilitärischen Organisation, der SA.

Sie rekrutierte junge Arbeitslose gegen Unterkunft und Verpflegung für ihre Kämpfe gegen linke und demokratische Verbände.

SPEAKER_2 (4:47)

Auf der Straße kamen nicht nur Fäuste zum Einsatz, sondern auch Schlagringe, Totschläger, Zaunlatten und Schusswaffen. Rollkommandos der SA rückten auf Lastwagen an, um gegnerische Versammlungen zu überfallen und Säle zu verwüsten. Bierflaschen, Stühle und Tische flogen. Menschen wurden schwer verletzt.

Nicht selten waren die Angreifer verschwunden, bevor die Polizei eintraf.

Renate Eichmeier (5:10)

Hauptgegner der SA waren der kommunistische Rotkämpferbund und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das sich den Schutz der Weimarer Republik auf die Fahnen geschrieben hatte.

Das Reichsbanner wurde von der SPD und den Gewerkschaften dominiert, war jedoch ein überparteilicher Wehrverband. Die Mitglieder waren nicht bewaffnet, hielten aber Wehrübungen ab und trainierten Kampfsport. Als Reaktion auf den zunehmenden SA-Terror bildeten sie speziell geschulte Einheiten, die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Versammlungen vor Überfällen schützen sollten.

Johannes Hürter (5:44)

Unter Brüning von 1930 bis 1932 gab es noch relativ moderate Präsidialregierungen.

Und man kann sagen, dass in dieser frühen Phase der Präsidialkabinette noch der Weimarer Rechtsstaat relativ intakt war.

Und das hat sich schon unter den Präsidialkabinetten Papen und Schleicher dann immer weiter nach rechts verschoben. Also diese Kabinette waren sehr rechtslastig. Das waren Regierungen von Republikfeinden.

Renate Eichmeier (6:17)

Kurt von Schleicher, General der Reichswehr und Franz von Papen, ehemaliger Berufsoffizier und Abgeordneter im Preußischen Landtag, gehörten zum Umfeld Hindenburgs. Sie kannten sich seit Jahren, integrierten und zogen im Hintergrund die Fäden. Wegen der brutalen Straßenkämpfe konnte Brüning bei Hindenburg im Frühjahr 1932 zunächst ein SA- und SS-Verbot durchsetzen, musste aber kurz darauf zurücktreten. Unter den folgenden Präsidialregierungen von Papen und Schleicher wuchs die Bereitschaft, die NSDAP in die Regierung einzubeziehen, zumal sie bei der Reichstagswahl im Juli 1932 mit über 37 Prozent zur stärksten Partei wurde. Man glaubte, ihre Radikalität für einen autoritären Umbau der Weimarer Republik nutzen und zugleich zähmen zu können.

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