BABYLON DEUTSCHLAND - Die Swingjugend und der NS
Alles Geschichte - Der History-Podcast
September 11, 2026
"Swing-Heinis" nannten die NS-Machthaber jazzbegeisterte Jugendliche mit ihren langen Haaren und langen Mänteln. Nach Musik- und Tanzverboten drohte ihnen ab Kriegsbeginn Verfolgung. Ein Podcast von Lukas Grasberger (BR 2017)
Speakers Lukas Grasberger, Manfred Omankowski, Wolfgang Benz, Günter Discher
TopicsHistory
Lukas Grasberger (0:05)
Alles Geschichte. Der History-Podcast.
Manfred Omankowski (0:17)
In dieser Zeit, also so mit 14 ungefähr, da habe ich dann also ein altes Paddelboot gekriegt, so ein kleines, zwei Sitze und ein Grammophon so zum Aufnudeln, wo man also noch zehn Platten hineinstecken konnte.
Also in meinem Boot vor mir, Grammophon und die Schallplatten, das hatte ich schallt über das Wasser hinter uns her. Also dass es nicht gerne gesehen wird, das wusste ich. Streifen, Hj und so was, die von der Marine, Hj. Diese kamen dann so mit Motorbooten und so mitten auf dem See, da fahren die einen um einen rum und wollen einen zum Kind anbringen.
Wolfgang Benz (1:01)
Have you ever met 23 people?
SPEAKER_4 (1:06)
Manfred Omankowskis Jugend war ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Autoritäten des NS-Regimes.
Der junge Berliner fröhnte einem verbotenen Hobby, dem Swing. Omankowski war einer von Hunderten, allein in Berlin. In fast allen Großstädten Europas grassierte in den 30er und 40er Jahren das Swing-Fieber. Sie hörten Louis Armstrong und sie hotteten, wie das leidenschaftliche Tanzen im damaligen Jugendjargon hieß, zu Artie Shaw und Cab Calloway.
Manfred Omankowski (1:34)
Müllerstraße, von der Seestraße bis zur Brüsseler Straße, war eben auf der rechten Seite der Broadway. Und da war jetzt ein Lokal, Farros hieß das. Aber wenn ich Zeit hatte, ja, dann geh ich dahin, da treffe ich bestimmt jemanden nicht. Das wusste man eben. Es waren ja 100 Leute oder noch mehr, die da so rumkammelten.
Die haben getanzt, wir sind hin und her gerannt, haben ein Mädchen angeflaxt. Wenn die dann also freundlich aufgenommen haben, haben wir wieder Schiss gekriegt. Dann also dann wieder weiter.
SPEAKER_4 (2:09)
Der Swing war die erste Jugendbewegung, die zwischen den Weltkriegen aus den USA nach Deutschland schwappte. Er erreichte ein Deutschland in Katastrophenstimmung. Das Ende der Weimarer Republik stand kurz bevor.
Die Musikkapellen mühten sich Anfang der 1930er-Jahre redlich, Massenarbeitslosigkeit und Armut vergessen zu machen. Ein neuer Sound dank neuer Technik half ihnen dabei. Weiß Stefan Wute, der für sein Buch Swing Time die frühe Geschichte des Jazz in Deutschland recherchiert hat.
Lukas Grasberger (2:38)
Die Möglichkeit, auch in der Live-Musik mit Mikrofonen und 5-Watt-Verstärkern zu arbeiten, hat es möglich gemacht, dass die Sänger nicht mehr durch eine Flüstertüte gebrüllt haben, sondern ein Mikrofon reinsingen konnten.
SPEAKER_4 (2:51)
Dazu löste der Schlagpass die schwerfällige Tuba und das Susafon ab. Das Banjo ersetzte die elegantere und weicher klingende Gitarre.
Lukas Grasberger (2:59)
Es war tatsächlich schon quasi ein Wegbereiter zur Swing-Musik, weil die Musik auf einmal anfing in sich anders zu schwingen als vorher.
SPEAKER_4 (3:08)
Der neue Swing. Er konnte im Deutschland der 30er Jahre die Verhältnisse kaum unbeschwert zum Tanzen bringen. Die Nationalsozialisten wurden immer stärker. Und was die von Jazz und Swing-Musik hielten, taten sie schon während der Weimarer Republik kommt. 1927 bauschten Nazis Ernst-Rennecks-Oper Johnny Spiet auf, wegen deren Anleihen beim Jazz zum Skandalstück auf.
Drei Jahre später veröffentlichte der thüringische Volksbildungs- und Innenminister Wilhelm Frick einen Erlass wieder die Negerkultur für deutsches Volkstum, der jedoch kein dezidiertes Jazzverbot beinhaltete.
Mit der Machtergreifung 1933 nahm die Polemik der Nationalsozialisten gegen den Jazz zu. Dieser, wie sie fanden, entarteten Musik einer minderwertigen Rasse.
Lukas Grasberger (3:59)
Es gab also große Verunsicherungen ab 1933 Was darf man denn jetzt eigentlich noch spielen? Was ist denn jetzt eigentlich so diese verfähmte sogenannte Negermusik? Was wollen die Nazis denn jetzt als moderne Musik bezeichnen, wo sich Enthusiasten und Fans fragten, ja, kann ich denn jetzt eigentlich noch eine schöne Platte von Louis Armstrong hören und kaufen? Oder so spielen wie Louis Armstrong, weil das ist ja so genannter Hot Jazz. Das will man ja heute eigentlich nicht mehr.
SPEAKER_4 (4:26)
Eifrige NS-Lokalgrößen verhängten Verbote, etwa gegen den übertriebenen Hot-Rhythmus, wogegen melodiöser Jazz ausdrücklich erlaubt blieb. Auch das Saxophon galt als verfähmt, bis die einheimische Musikinstrumentenindustrie bei der NS-Regierung erfolgreich intervenierte.
Von einem flächendeckenden Verbot des Jazz konnte zu dieser Zeit noch keine Rede sein. Wohl aber von Verunsicherung und vorauseilendem Gehorsam unter Musikern und Fans.
Signalwirkung hatte eine Rede von Reichssendeleiter Eugen Hadamowski. Er verkündete am 12 Oktober 1935, Der ist von heute ab im deutschen Rundfunk endgültig ausgeschaltet. Gleichgültig, in welcher Verkleidung er uns dargeboten wird. Die Ablehnung des Jazz ist eine Sache des gesunden Gefühls.
Mit dem Verbot im deutschen Rundfunk verschwand der Jazz indes keineswegs aus dem Alltagsleben. Live und auf Platte waren zwingende Klänge weiterhin zu vernehmen. Auch der Einfluss ausländischer Radiosender und von Musikfilmen ließ sich nicht einfach per Dekret stoppen. Das erwachsene, urbane Publikum musste daher auf US-amerikanische Unterhaltungskultur nicht verzichten. Schwerer hatten es da die sogenannten Halbstarken. Zwei Gesetze 1936 und 1939 etablierten die Hitlerjugend neben Elternhaus und Schule als Erziehungsinstanz. Zunächst wurde die HJ-Mitgliedschaft, dann eine paramilitärische Ausbildung, im Krieg dann auch Luftschutzdienst zur Pflicht. Die immer engmaschigere, körperliche, geistige und sittliche Erziehung im Sinne des Nationalsozialismus ließ swingbegeisterten Jugendlichen wie den Berliner Manfred Omankowski immer geringere Spielräume.
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