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BABYLON DEUTSCHLAND - Die Intellektuellen und Hitlers Machtübernahme

Alles Geschichte - Der History-Podcast

September 11, 2026

Das deutsche Bildungsbürgertum und seine konservativen Eliten - ein Großteil von ihnen begrüßte Hitlers Machtübernahme als Absage an die ungeliebte Weimarer Republik. Die Weimarer Intellektuellen, die für das Kulturhoch der wilden 20er Jahre gesorgt hatten, standen auf verlorenem Posten.

Speakers Renate Eichmeier, Tilman Allert

TopicsHistory

Renate Eichmeier (0:05)

Alles Geschichte, Der History-Podcast.

Die herrlichen Zeiten des Kaisers und seiner Helden sind dahin. Aber die Kinder, die hier Deutschland über alles singen, diese Kinder werden das Alte Reich erneuern.

Renate Eichmeier (0:30)

Diese Worte richtete Paul von Hindenburg in den Anfangsjahren der Weimarer Republik an Schulklassen, die ihm zu Ehren das Deutschlandlied sangen. Im April 1925 schilderte der Philosoph Theodor Lessing diese Szene in einem Zeitungsartikel. Er lieferte eine polemische Charakterstudie von Hindenburg, dem deutschen Generalfeldmarschall, der im ersten Weltkrieg zum Chef der obersten Heeresleitung aufgestiegen war und der von den Siegermächten als Kriegsverbrecher eingestuft wurde.

Einen Tag nach dem Erscheinen des Artikels, am 26 April 1925, kandidierte er für das Amt des Reichspräsidenten.

Renate Eichmeier (1:13)

Nach Plato sollen Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thron besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero.

Man kann sagen, besser ein Zero als ein Nero. Leider aber zeigt die Geschichte, dass hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen ist.

Renate Eichmeier (1:39)

Mitte der 1920er Jahre hatte sich die Weimarer Republik konsolidiert. Sie war der erste demokratische Staat auf deutschem Boden. Ihre Entstehung brachte sie vor allem in konservativen Bevölkerungskreisen den Misskredit, weil sie eng mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg verknüpft war. Und sie hatte ihre Existenz der Revolution am Kriegsende 1918 zu verdanken. Die Monarchie war abgeschafft und eine parlamentarische Demokratie etabliert worden. Die neue Staatsform stieß auf breite Ablehnung von rechts wie von links. Während sich national konservative Kreise ein autoritäres Regierungssystem wünschten, strebten kommunistische Gruppen ein Rätesystem nach sowjetischem Vorbild an.

Aber nach Jahren politischer Gewalt, wirtschaftlichem Chaos und Hyperinflation stabilisierte sich die Weimarer Republik ab 1924

Und trotzdem.

Tilman Allert (2:38)

Wenn wir jetzt über die Frage nachdenken, wie wird von der Bevölkerung diese neue Situation aufgenommen und wie wird sie vor allen Dingen von den tragenden Eliten gedeutet, dann müssen wir vergegenwärtigen, dass es zur politischen Ordnung der Weimarer Republik eine erhebliche Distanz gab.

Renate Eichmeier (3:07)

Der Soziologe Tilman Allert war bis zu seinem Ruhestand Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Tilman Allert (3:16)

Man kann das auf die Begriffe bringen, dass jetzt mit der Weimarer Republik die Prinzipien einer modernen Gesellschaft, Kapitalismus, Liberalismus und Individualismus, auf dem Wege waren, durchgesetzt zu werden. Und diese Werte, Trias kollidierte ganz deutlich, mit denen für die deutsche Gesellschaft und ihre auf Gemeinschaft ausgerichteten intellektuellen wichtigen Wertbezüge wie Ordnung, Pflicht, Treue, Ehre, Bindung und eben nationale Gemeinschaft.

Renate Eichmeier (4:01)

Einem großen Teil der Bevölkerung waren die modernen Errungenschaften der Weimarer Republik fremd. Sowohl die kulturellen, als auch die politisch-gesellschaftlichen. Meinungs- und Pressefreiheit, kulturelle Vielfalt, arbeitsrechtliche Neuerungen, Betriebsräte für die Mitbestimmung der Arbeitnehmer, gesellschaftliche Diversität, individuelle Selbstbestimmung, die Emanzipation der Frauen. Das verunsicherte nicht zuletzt auch die national konservativen Intellektuellen. Im deutschen Bildungsbürgertum, unter den akademischen Eliten an Universitäten, in Schulen, im Verwaltungs- und Beamtenapparat.

Im Kaiserreich hatten sie zwar keine politische Teilhabe gehabt, aber gesellschaftliches Ansehen und wirtschaftliche Sicherheit. Während der Hyperinflation hatten viele ihr Vermögen verloren und ihre gesellschaftliche Bedeutung verschwand in der Vielfalt der Weimarer Republik.

Die Vorbehalte gegenüber demokratischen Strukturen waren groß. Der latente Wunsch nach einer autoritären Führung weit verbreitet. Und die Niederlage im ersten Weltkrieg, inklusive der harten Friedensbedingungen, war, so Tilman Allert, mit dem Gefühl einer nationalen Kränkung verbunden.

Tilman Allert (5:17)

Mit der Folge, dass es eine breite Strömung in der Gesellschaft gab, die dann von Intellektuellen aufgegriffen wurde, eine breite Strömung, also die nationale Gemeinschaft, zu reaktivieren und der nationalen Gemeinschaft eine Zukunft zu versprechen.

Renate Eichmeier (5:43)

Im April 1925 wurde der 77-jährige Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt. Laut Verfassung konnte er den Reichstag, also das Parlament, auflösen und per Notverordnungen ohne parlamentarische Beteiligung regieren.

Knapp zwei Wochen nach der Wahl Hindenburgs zeigte sich, wie fragil die demokratischen Freiheiten waren. Wegen seines Artikels über Hindenburg verlor der Philosoph Theodor Lessing seinen Lehrauftrag an der Technischen Hochschule in Hannover. Monatelang war er Zielscheibe einer republikweiten Hetzkampagne von rechtsnationaler Presse, konservativen Eliten und völkischen Studenten, die einen Kampfausschuss gegen Lessing bildeten und seine Vorlesungen sprengten. Schon ab 1918 hatten sich an Universitäten erste völkisch-nationale Studentengruppen gebildet. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, kurz NSDAP, wurde 1920 gegründet, eine kleine völkisch-nationale Gruppe am rechtsextremen Rand, antisemitisch, antidemokratisch, autoritär.

Die faschistische Bewegung begann sich zu formieren, während gleichzeitig die neuen Freiheiten der Weimarer Republik für avantgardistische Höchstleistungen sorgten. Das Bauhaus von Walter Gropius, die Stummfilme von Fritz Lang, die Dreidrauschen-Opa von Berthold Brecht, Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz. Neben den künstlerischen Aspekten spielten politische Auseinandersetzungen in der avantgardistischen Kulturszene eine wichtige Rolle. Linke und sozialistische Ideen wurden favorisiert. Es gab Absagen an den Parlamentarismus, Sympathien für eine radikale Rätepolitik, enge Beziehungen zu kommunistischen Organisationen und zur künstlerischen Avantgarde in der Sowjetunion. Der Theatermacher Erwin Piskator etwa sympathisierte mit den Kommunisten, revolutionierte seine Inszenierungen unter anderem mit Filmprojektionen und arbeitete dabei zeitweise mit dem Fotokünstler John Hartfield als Bühnenbildner zusammen, der überzeugtes KPD-Mitglied war.

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