Aufmerksamkeit lernen – Wie wir uns besser konzentrieren können
Das Wissen | SWR
October 18, 2026
Smartphone, Social Media und Benachrichtigungen konkurrieren permanent um unsere Aufmerksamkeit. Doch verkümmert dadurch unsere Konzentrationsfähigkeit?
Speakers Nadine Zeller, Martin Korte, Gabor Pahl
TopicsScience
Nadine Zeller (0:02)
ARD Sounds, Das Wissen. Ich glaube, ich verblöde allmählich. Ich krieg's nicht mal mehr hin, einen Artikel am Stück zu lesen, geschweige denn ein Buch.
Solche Sätze hört man immer häufiger. Viele Menschen fürchten, ihre Konzentrationsfähigkeit zu verlieren.
Unsere wertvolle Aufmerksamkeit, so die Vorstellung, wird gekapert von Smartphones, sozialen Medien und ständigen Benachrichtigungen. Aber stimmt das überhaupt? Oder ist Aufmerksamkeit vielmehr eine Fähigkeit, die wir bewusst trainieren und steuern können? Genau dieser Frage wollen wir heute nachgehen. Ich bin Nadine Zeller und spreche darüber mit dem Neurobiologen Martin Korte von der Technischen Universität Braunschweig. Hallo.
Martin Korte (0:41)
Ja, wunderschönen guten Tag.
Nadine Zeller (0:43)
Haben wir ein Konzentrationsproblem?
Martin Korte (0:47)
Ich glaube, wir müssen zunächst mal zwischen Aufmerksamkeit und Konzentration unterscheiden. Aufmerksamkeit bedeutet, dass bestimmte Gedankengänge oder bestimmte Reize aus der Umwelt Vorfahrt haben vor anderen.
Konzentration bedeutet, dass wir uns längere Zeit am Stück auf eine Aufgabe konzentrieren können, dieser nachgehen können, ohne in dieser Aufgabe unterbrochen zu werden, selbst wenn es Störreize gibt. Und in einer Zeit, in der wir gerade leben, die von Informationen und Ablenkung überflutet ist, fühlen sich nicht nur viele Menschen in ihrer Konzentrationsfähigkeit eingeschränkt, sondern das zeigen auch Ergebnisse aus der Forschung. Während noch vor 20 Jahren Menschen am Arbeitsplatz für drei Minuten einer Aufgabe ohne Unterbrechung nachgehen können, können sie das jetzt noch für 41 Sekunden. Das heißt, hier haben sich tatsächlich die Zeiten, die man mit einer Aufgabe verbringt, verkürzt. Aber, und deswegen fällt mein Antwort auch ein bisschen länger aus, zeigt sich auch, wenn man unser Gehirn testet, unter Bedingungen, in denen ein Smartphone nicht mal im Blickfeld ist, wo es keine Geräusche gibt, die einen ablenken, dann sieht man, dass das sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert hat. Also insofern gibt es hier noch Hoffnung für unsere Gehirne.
Nadine Zeller (2:00)
Es gibt Hoffnung. Sie hatten jetzt auch gerade erwähnt, dass es diese Studie gab. Drei Minuten können wir ungestört arbeiten, dann kommt wieder eine Unterbrechung. Da gab es eben eine Studie von Microsoft Canada aus dem Jahr 2015, die machte Schlagzeilen mit der Aussage, die menschliche Aufmerksamkeitsspanne sei von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden gesunken und damit angeblich kürzer als die von einem Goldfisch. Was hat es denn mit dieser Studie auf sich und warum war die so einflussreich?
Martin Korte (2:33)
Ich denke, sie war so einflussreich, weil viele Menschen genau das am Arbeitsplatz erleben und auch Schüler und Schülerinnen erleben, was Lehrer erleben, Eltern erleben, dass die Konzentrationsspannen sich verkürzt haben. Die Studie selber war völlig unkontrolliert, keine wissenschaftliche Studie, war eine Marketingstudie, die Microsoft mit ihren eigenen Mitarbeitern gemacht hat, die in der qualitativen Aussage sicher auch stimmt. Aber Forscher aus Florida haben unter kontrollierten Bedingungen mit Verfolgen der Augenbewegungen und mit Kameras am Arbeitsplatz das Ganze etwas genauer untersucht. Und dann sieht man halt, dass natürlich erstens, wie wir alle wissen, die Konzentrationsdauer, die Aufmerksamkeitsspannen davon abhängt, was man macht, wie sehr man intrinsisch motiviert ist, eine Aufgabe zu erledigen, wie komplex die Aufgabe ist, welche Tageszeit ist. Also es gibt ganz unterschiedliche Zeiten. Aber diese Studie aus Florida konnte zeigen, dass sich tatsächlich unsere Aufmerksamkeitsspannen am Arbeitsplatz unter real-weltlichen Bedingungen verkürzt haben. Das hat was damit zu tun, dass am Arbeitsplatz das Smartphone sichtbar liegt, damit ein Ablenkungspotenzial hat. E-Mail-Programme nicht ausgeschaltet werden, selbst wenn man mit einer anderen Aufgabe beschäftigt ist. Und man hat auch eine Studie aus Deutschland, die zeigt, dass ein durchschnittlicher deutscher Mitarbeiter in einer Firma innerhalb von 40 Sekunden auf eine E-Mail-Nachricht klickt. Bedeutet, das E-Mail-Programm war offensichtlich auf, hat eine Nachricht gesendet und sofort klickt man auf eine solche Nachricht, was einem erstens in seiner Tätigkeit unterbricht und zweitens, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel aller E-Mails gar nicht für einen bestimmt sind oder Spam sind, ist es auch noch eine besonders ärgerliche Unterbrechung. Selbst wenn man gerade sein Smartphone nicht nutzt, gibt es Nervenzellen im Gehirn, die vor sich hinfeuern, obwohl gerade einer geschrieben hat, ob es nicht ein tolles Video anzuschauen gibt, ob man nicht selber irgendeine Nachricht senden möchte, schnell was nachschauen und ständig unterbricht man sich in seinen Tätigkeiten. Und das ist besonders ärgerlich, weil wir brauchen häufig bei einer komplexen kognitiven Aufgabe 12 bis 15 Minuten, um uns in diese Aufgabe einzudenken. Wenn wir uns aber alle drei Minuten oder alle zwei Minuten hier unterbrechen, dann können wir wieder in der Tätigkeit und dann ganz neu wieder eindenken. Und das ist eben keine effektive Art des Arbeitens oder des Lernens.
Nadine Zeller (4:50)
Sie sprechen, wenn ich das richtig verstehe, von diesen sogenannten Switchkosts, also der Preis, den dieses rasche Wechseln zwischen verschiedenen Tätigkeiten hat.
Wie stark verändern denn diese Unterbrechungen tatsächlich unser Gehirn? Also sind wir jetzt ein bisschen zugespitzt ausgedrückt, schon degeneriert? Also sind wir schon verblödet, unwiderruflich oder ist es so, dass wir Aufmerksamkeit oder Konzentration eher so als Kompetenz begreifen müssen?
22 more minutes of transcript below
Thousands of transcripts fetched by people building searchable podcast archives
Fetch the whole transcript
The demo key returns a sample episode in full, no card needed:
curl -H "x-api-key: pt_demo" \
https://spoken.md/transcripts/1000651996090Markdown with the speakers named, for your notes, your knowledge base, or anything that makes HTTP calls.
From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire. Prices exclude VAT, added at checkout for EU customers. Not what you expected? Email us within 14 days with 20 or fewer credits used and we refund the pack in full.
Using your own key:
curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
https://spoken.md/transcripts/1000796812543