"All Too Well" - Taylor Swift (USA, 2021)
100 Songs - Geschichte wird gemacht
October 8, 2026
"Liebe ist kurz, Vergessen ist lang" - dieses Zitat von Pablo Neruda war am Beginn des Videos zu "All Too Well: The Short Film" zu lesen. Taylor Swift hatte den Song bereits 2012 veröffentlicht, in dem sie eine gescheiterte Beziehung mit vielen Details und Erinnerungen aufarbeitete.
Speakers Stefan Niederwieser, Robert Stadlober, Elisabeth Scala, Jörn Glasenapp
TopicsMusic HistoryMusicEducation
Stefan Niederwieser (0:10)
Während der Pandemie hat Taylor Swift zwei neue und zwei alte Alben aufgenommen. Frauen dominieren die Popmusik, nicht aber das Geschäft mit der Popmusik.
Und eine frühere Abrechnung mit einem performativ feministischen Mann wird in ihrer Neueinspielung zur Abrechnung mit allen Männern, die Taylor Swift dabei im Wege stehen. Die erfolgreichste Songwriterin aller Zeiten zu werden. Das ist eine Geschichte vom Unbehagen der Geschlechter. Das ist die Geschichte von All Too Well.
Robert Stadlober (0:57)
Robert, ich liebe dich. Vielleicht geht dir so ein Satz über die Lippen.
Stefan Niederwieser (1:03)
Robert, ich liebe dich oder Stefan, ich liebe dich.
Sehr leicht offensichtlich. Kommt auf den Kontext an. Man sollte es wahrscheinlich noch häufiger sagen, als man es sagt.
Aber letzten Endes, wenn es ernst gemeint ist, fällt es einem schwerer aus dem Mund, als wenn man es so wie hier flachsig dahinsagt. Aber es ist ja ein Motiv in dem Song, um den es heute auch geht. All Too Well von Taylor Swift. Und zwar die 10 Minuten Version. Die erscheint erst neun Jahre nach dem Original während der Pandemie. Und zwar auf langes Drängen ihrer Fans, also Taylors Fans hin. Aber auch, weil Taylor Swifts gesamter Katalog von mächtigen Musikmännern verkauft wurde und sie deshalb ihre frühen Alben noch einmal neu einspielt.
Robert Stadlober (1:52)
Das ist Elisabeth Scala. Sie ist Professorin für mittelalterliche Literatur an der University of Texas in Austin, Texas.
Elisabeth Scala (1:59)
Aber die Männer, und das ist wichtig für die, die Shakespeare und John Donne und Christopher Marlowe und all die männlichen Romantiker der Renaissance, weil sie die, die sagen können, was Liebe ist und was nicht ist. Und die Männer generell, die Männer Schauspieler, haben die, die sagen können, was Liebe ist und was es fühlt sich an, und wann es real ist und wann es nicht real ist. Und sie sagt nein. Sie sagt nein.
Stefan Niederwieser (2:22)
Also Elisabeth Scala sagt hier, die romantischen Dichter der Renaissance wie Shakespeare, Dunn und Marlow konnten sagen, was Liebe ist und was nicht. Männer und männliche Dichter haben also über Jahrhunderte beschrieben, wie Liebe sich anfühlt, wann Liebe echt ist und wann nicht. Und Taylor Swift sagt hier nein.
Elisabeth Scala (2:46)
Ich war mit dir, ich weiß, was du mir gesagt hast, ich weiß, was du mit mir getan hast, ich weiß, was es gefühlt hat.
Stefan Niederwieser (3:00)
Nein, sagt sie, ich werde es euch sagen. Ich hatte diese Beziehungen, ich weiß, was es bedeutet, verliebt zu sein. Ich war dabei, ich weiß, was du gesagt hast, was du gemacht hast. Ich weiss, wie es sich anfühlt. Sie holt sich damit also etwas vom Patriarchat zurück. Und zwar das Recht, die Erfahrung der Liebe zu beschreiben und selbst zu benennen.
Robert Stadlober (3:19)
Taylor Swift macht das eigentlich ihr ganzes Erwachsenesleben lang. Aber eben auch in der ersten Version von All Too Well aus dem Jahr 2012
Taylor Swift ist damals 21 Jahre alt und ein Star in der Country Music. Sie hat als nettes, etwas seltsames Mädchen von nebenan bereits vier Grammys gewonnen. Und hat damals mit 21 Liebeskummer. Später sagt sie einmal über diesen Moment, du bist Traurigkeit, Traurigkeit bist du. Also dieser Liebeskummer ist unendlich. Anfang 2011 singt sie sich bei einer Probe alles von der Seele. Sie spielt dieselben vier Akkorde immer wieder und es sprudelt aus ihr nur so heraus. Und aus dem wird später der Song All Too Well.
Stefan Niederwieser (4:14)
Ah, ja, das ist das Lied. Die Stimme hat ja noch ordentlich Country twang und der Song klingt noch relativ glatt.
Aber auf diesem Album, es heißt Red, arbeitet sie doch zum ersten Mal mit den schwedischen Hitproduzenten Max Martin und Shellback zusammen, oder?
Robert Stadlober (4:30)
Ganz genau, auf All Too Well durchleben wir dann die Jahreszeiten einer Beziehung. Und dabei spielt die Farbe Rot eine zentrale Rolle. Sie zieht sich durch die ganze Geschichte durch.
Stefan Niederwieser (4:41)
Ja, genau, es gibt eine rote Ampel, die er beinahe übersieht, weil er zu ihr hinüberschaut und seine Wangen laufen. Einmal rot an Herbstblätter fallen, schicksalshaft zu Boden. Und dann ist da auch noch der berühmte rote Schal, das Symbol der verlorenen Unschuld.
Elisabeth Scala (4:59)
Ja, die rote Ampel gibt uns diese Sache, die uns klar ein literarisches Motiv hat. Oder vielleicht auch ein literarisches Motiv ist, das die Songs in einer größeren Beziehung mit den anderen poetischen Produktionen oder musikalischen Produktionen auf diesem Album macht. Und also muss man sie beide für ihre Fans sehen, ich will nicht sagen referential value, es ist ein wirkliches Stück Wissen von etwas, aber es ist auch ein fiktives Element, das sie auf diesen ganzen Text, Red, erheben.
Stefan Niederwieser (5:30)
Ja, der rote Schal ist für uns sehr greifbar, sagt Elisabeth Scala. Gleichzeitig ist der Schal aber auch ein literarisches Motiv. Er verwebt den Song mit dem restlichen Album Red.
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