ABENTEUER MEDIZIN - In der Eisernen Lunge
Alles Geschichte - Der History-Podcast
September 25, 2026
Sie wirkt wie ein metallener Sarg: Die Eiserne Lunge gilt als eines der ersten klinischen Geräte zur Beatmung von Patienten.
Speakers Inga Pflug, Marion Ruisinger, Hartmut Bettin, Roland Francis
TopicsHistory
SPEAKER_1 (0:05)
Alles Geschichte, Der History-Podcast.
Inga Pflug (0:15)
Ein Tisch hohes, weiß lackiertes, metallenes Gestell auf Rädern, darauf eine Röhre, Kippschalter, Druckanzeige und Leuchtknöpfe auf einem Armaturenbrett, Metallgriffe und Hebel an einem gebogenen Klappdeckel, darin eine Glasscheibe mit zwei Eingriffslöchern.
Das Gerät im Medizin-Historischen Museum in Ingolstadt wirkt futuristisch und altertümlich zugleich. Es ist etwa eine Armspannweite lang und steht auf einer kleinen Erhöhung. Auf der Wand dahinter ein Foto einer ähnlichen Röhre im Großformat. Das Foto nimmt die gesamte Fläche ein und hier liegt in der Röhre ein Mensch. Auf dem Rücken, den Blick an die Decke gerichtet, die Arme dicht am Körper und umgeben von Schwestern und Ärzten. Die Hauben und Kittel des medizinischen Personals verorten die Szenerie in den 1950er Jahren.
Marion Ruisinger (1:15)
Es hat so was von einem Metallsarg, einem zylindrischen Sarg, wo der ganze Mensch drinsteckt bis auf den Kopf.
Inga Pflug (1:20)
Beschreibt Marion Ruisinger das Objekt, die sogenannte Eiserne Lunge. Die Professorin ist die Direktorin des Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt.
Marion Ruisinger (1:32)
Der Kopf schaut vorne raus und wichtig ist dieser so gut wie luftdichte Abschluss um den Hals des Patienten, der in dieser Eiserne Lunge liegt, schließt sich so ein orangefarben in unserem Fall Ring aus einem festen Schaumstoffmaterial. Dieser luftdichte Abschluss war ganz wichtig, denn das Ganze hat dadurch funktioniert, dass sich der Druck im Innenraum, um den Körper herum geändert hat, immer rauf runter, rauf runter im Rhythmus der Atmung und der Kopf war im Freien. Das war so das Grundprinzip.
Inga Pflug (2:03)
Die Eiserne Lunge gilt als eines der ersten klinischen Geräte zur Beatmung eines Patienten. Als wären der Polioepidemien in den 1950er Jahren tausende Menschen an Poliomyelitis, der Kinderlähmung, erkranken und viele von ihnen nicht mehr selbstständig atmen können, sterben fast 10 Menschen.
Vielen rettet nur der Metallsarg das Leben. Erwachsenen wie auf dem Foto und auch Kindern, so wie das kleinere Originale in der Ausstellung.
Marion Ruisinger (2:36)
Die Situation eines Kranken in dieser Eiserne Lunge hat viele Aspekte, die man sich nur mit Grauen vorstellt. Allein dieses Eingefangen sein, dieses Unselbstständiges sein. Man kann sich nicht mehr an der Nase kratzen. Man kommt ja nicht an den Kopf ran, ans Gesicht ran.
Wenn man was lesen will, dann muss ein Buch in Erhalterung eingesperrt werden. Es wird dann umgeblättert von der Pflegekraft, wenn sie mal wieder vorbeikommt. Das ist aus einer Zeit der analogen Welt, wo man noch nicht über einen Knopf im Ohr sich was vorlesen lassen konnte. Das ist alles sehr belastend für den Patienten. Aber mich persönlich, mich schreckt dieses dauernde Geräusch was dabeiste.
Ruhe ist schon was Kostbares. Ruhe hat jemand nicht, der in der Eiserne Lunge liegt.
Inga Pflug (3:18)
Beschreibt die Professorin für Medizingeschichte. Der Elektromotor zwischen den Beinen des fahrbaren Gestells unter der Röhre funktioniert heute nicht mehr. Doch historische Aufnahmen vermitteln, welcher Geräuschkulisse die Betroffenen in der Druckkammer der Eiserne Lunge Tag und Nacht ausgeliefert waren.
Wie ein überdimensionaler Blasebalk übernimmt die Eiserne Lunge für die gelähmten Patienten das lebensnotwendige Luft holen.
Marion Ruisinger (3:55)
Die wenigsten Menschen machen sich ja überhaupt bewusst, wie Atmung funktioniert. Man denkt nicht drüber nach, weil es so selbstverständlich ist. Es begleitet vom ersten Schrei an bis zum letzten Atemzug. Zum Glück geht das automatisch. Wenn wir dran denken müssten, wenn wir verloren, dann würden wir es mal vergessen und wäre schon tot. Also Atmen ist etwas, was einfach passiert, worum sich unser Körper selber kümmert.
Dass der wichtigste Muskel für die Atmung das Zwerchfell ist, dass ich zusammenziehen muss, um die Lunge aufzudehnen und dann die Luft rein strömen zu lassen, ist den wenigsten bewusst. Aber genau um das geht es eigentlich.
Inga Pflug (4:31)
Genau dort, am Zwerchfell, liegt aber das Problem der Polyomyelitis-Erkrankten. Polio-Viren können zu schwerwiegenden Lähmungen führen. Häufig sind die Extremitäten betroffen, also Arme und Beine.
Werden das Zwerchfell und die Atemhilfsmuskulatur zwischen den Rippen befallen, wird es tödlich. Die Lunge selbst ist intakt, aber Luft holen wird unmöglich, die Patienten ersticken.
Marion Ruisinger (4:59)
Es atmet ja nicht die Lunge. Die Lunge ist kein Muskel, der sich aufdehnen kann und zusammenziehen, so wie das Herz. Die Lunge ist ein passiver Schwamm, der aufgespannt ist im Brustkorb und der aufgedehnt wird, wenn sich das Zwerchfell zusammenzieht und aus dieser Kuppel des Zwerchfells eine flache Scheibe wird. Dadurch wird die Lunge aufgedehnt, Luft strömt rein. Und wenn das Zwerchfell wieder loslässt, die Artenhilfsmuskulatur wieder loslässt, dann schnurrt die Lunge zusammen und die Luft geht wieder raus. Und diese Funktion des Zwerfes und der Artenhilfsmuskulatur, die übernimmt die Eiserne Lunge.
Inga Pflug (5:32)
Die somit im Wortsinn also eigentlich eher ein eiserner Brustkorb ist.
Nicht die Lungenfunktion an sich wird ersetzt, sondern rein mechanisch die Arbeit, die sonst das Zwerchfell und die Muskeln zwischen den Ritten und rund um den Schultergürtel leisten. Medizin-Historikerin Marion Ruisinger vergleicht die Funktionsweise der Eiserne Lunge mit einer Spritze.
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