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ABENTEUER MEDIZIN - Ein halber Liter Blut verändert alles

Alles Geschichte - Der History-Podcast

September 25, 2026

Als James Blundell 1818 die erste Bluttransfusion durchführt, ist das eine medizinische Sensation. Vorausgegangen waren viele tödliche Versuche. Die Bluttransfusion - eine Geschichte waghalsiger Experimente und mutiger Ärzte. Ein Podcast von Roana Brogsitter (BR 2026)

Speakers Roana Brogsitter, Robert Offner, Florian Steger

TopicsHistory

Roana Brogsitter (0:15)

Als James Blundell nach dem Medizinstudium in Edinburgh nach London zieht, platzt die Stadt schier aus allen Nähten. Fünf und mehr Geburten bei Frauen aus der Arbeiterschicht sind in dieser Zeit normal.

Gleichzeitig ist die Kindersterblichkeit hoch und viele Frauen überleben Geburts- und Wochenbett nicht, beobachtet der junge Mann, der als Geburtshelfer arbeitet.

SPEAKER_2 (0:39)

Vor einigen Monaten wurde ich gebeten, eine Frau zu besuchen, die unter einer Gebärmutterblutung litt.

Ihr Schicksal war entschieden und trotz aller Anstrengungen der medizinischen Betreuer starb sie im Laufe von zwei Stunden. Ich konnte nicht umhin zu überlegen, dass die Patientin sehr wahrscheinlich durch eine Bluttransfusion gerettet hätte werden können.

Roana Brogsitter (1:03)

Als Blundell 1818 diese Zeilen schreibt, ahnt er nicht, dass er einmal als Vater der modernen Bluttransfusion in die Geschichte eingehen wird. Noch muss der 28-Jährige hilflos zusehen, wenn Wöchnerinnen verbluten.

Bald wird er der ersten durch seine Erfindung das Leben retten. Ein Meilenstein in der Medizingeschichte, sagt Professor Robert Offner. Er leitet an der Uniklinik Regensburg die Abteilung Transfusionsmedizin und ist Lehrkoordinator für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin.

Robert Offner (1:38)

James Blundell würde man heutzutage also sicherlich für einen Nobelpreis nominieren.

Roana Brogsitter (1:44)

Bluttransfusionen werden dank James Blundell und all derer, die sie nach ihm weiterentwickeln, Millionen von Leben retten. Der Weg dahin ist jedoch voller Rückschläge und nicht wenige bezahlen ihn mit ihrem Leben.

Blut ist in der Antike ein magisches Elixir und einer der vier Körpersäfte. Blut, schwarze Galle, gelbe Galle und Schleim. Blut ist, so glaubt man, nicht nur Sitz des Lebens, sondern auch menschlicher Eigenschaften und Qualitäten. Die Vorgeschichte der Hämotherapie, also der Übertragung von Blut zur medizinischen Behandlung, ist voller Mythen und aus heutiger Sicht fragwürdiger Therapien.

Robert Offner (2:31)

Da gibt es von Plinius dem Alpen Aufzeichnungen, wonach nach Gladiatorenkämpfen zugelassen war, dass das Publikum in die Arena strömt und gegen ein Ticket durften sie sich in Anführungszeichen bedienen. Das klingt makaber, aber es war erlaubt, das frische Blut des verstorbenen Gladiators in sich aufzunehmen. In Glaubens auch die Eigenschaften des vorher noch so vor Kraft und gesundheitstotzenen Gladiators in sich aufzunehmen.

Roana Brogsitter (3:02)

Genauso gut hätten sie einfach Blutwurst essen können, sagt Robert Offner.

Versuche, Blut über die Adern zuzuführen, sind aus der Antike nicht bekannt. Praktiziert wird sogar das genaue Gegenteil, der Aderlass, erklärt der Medizin-Historiker Professor Florian Steger. Er ist Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm.

Florian Steger (3:26)

Der irren Vorstellung, dass wir unendlich viel Blut haben, weil es immer wieder produziert wird. Und was letztlich aus heutiger Sicht zu einer Schwächung der Menschen geführt hat, dadurch, dass sie immer weniger Blut hatten. Und das war eine ganz andere Vorstellung, weil man eben gedacht hat, wenn du zu viel Blut hast, müssen wir Blut nehmen. Und dann geht es dir schon wieder besser.

Roana Brogsitter (3:50)

Gemäß der Lehre der Vierkörpersäfte, der sogenannten Humoralpathologie, die auch große Mediziner der Antike wie Galen vertreten, ist ein Mensch gesund, wenn seine Säfte im Gleichgewicht sind und krank, wenn sie ins Ungleichgewicht geraten. Man heilt sie, indem man beispielsweise Blut ablässt. Diese Auffassung besteht bis ins 19 Jahrhundert.

Noch 1799 stirbt der erste US-Präsident George Washington an den Folgen einer mit Adalas behandelten Halsentzündung. Seine Ärzte zapfen ihm so viel Blut ab, dass sein Kreislauf versagt.

Washingtons Tod hätte wohl verhindert werden können, wenn seine Ärzte die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hätten aus dem, was der englische Anatom William Harvey rund 170 Jahre zuvor beschrieben hatte. Harvey hatte festgestellt, dass der Mensch einen geschlossenen Blutkreislauf besitzt und das Herz, das Blut wie eine Pumpe durch den ganzen Körper zirkulieren lässt. Eine der großen Entdeckungen in der Geschichte der Medizin, sagt Florian Steger.

Florian Steger (5:06)

Aber, wie es immer ist in der Geschichte, man muss viel Überzeugungsarbeit leisten. Und so ist es hier auch. Galen, der letztlich bis dahin, das sind 1500 Jahre circa, Wissen geprägt hat, den kippen sie nicht so einfach vom Tisch durch einen William Harvey, der ein Experiment gemacht hat. Und so müssen wir das auch verstehen. Da brauchen wir Geduld und Verständnis. Wenn wir heute auch sagen würden, hätten sie es doch nur gleich anders gemacht.

Roana Brogsitter (5:40)

Wenn der Körper Blut nicht konstant verbraucht und neu bildet, könnte man es dann nicht einfach von außen zuführen und vielleicht sogar austauschen?

Es gibt Mediziner, die von dieser Idee fasziniert sind und experimentierfreudig genug es auszuprobieren. Einer davon ist Richard Lauer. Der englische Arzt weist 1666 als erst danach, dass eine Blutübertragung zwischen zwei Lebewesen technisch möglich ist. Lauer experimentiert mit Hunden. Ein Tier wird ausgeblutet, das zweite bekommt das Blut über eine direkte Verbindung der Blutgefäße verabreicht. Es heißt, es sei danach vom Tisch gesprungen und habe sich artgerecht im Gras gewälzt. Weniger gut, ergeht es dem Spendertier. Das ist tot.

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