ABENTEUER MEDIZIN - Chirurgie, ein langer blutiger Weg
Alles Geschichte - Der History-Podcast
September 25, 2026
Festgebundene Patienten, heißes Öl in Wunden, tödliche Schocks - chirurgische Eingriffe waren lange eine blutige und oft lebensgefährliche Angelegenheit. Im 19.
Speakers Lukas Grasberger, Marion Ruisinger, Wolfgang Locher, Thomas Eggelseder, Karl-Heinz Leven, Thomas Birnstiel
TopicsHistory
Lukas Grasberger (0:05)
Alles Geschichte.
SPEAKER_2 (0:08)
Der History-Podcast.
Marion Ruisinger (0:13)
So, Messer bitte.
Lukas Grasberger (0:14)
Wir machen jetzt einen Schnitt direkt über der Haut.
Wolfgang Locher (0:18)
Der Schnitt ist so 20 bis 30 Zentimeter.
Thomas Eggelseder (0:21)
Das reicht in diesem Fall. Die Patientin, die wir jetzt operieren heute, hat eine Lockerung einer Hüftendoprothese.
Wolfgang Locher (0:29)
Das ist künstliches Hüftgelenk.
Thomas Eggelseder (0:31)
Schon über zehn Jahre war ihr implantiert worden.
Karl-Heinz Leven (0:33)
Das hat sich gelockert.
SPEAKER_2 (0:35)
Wir werden das jetzt wechseln.
Lukas Grasberger (0:38)
Und dazu brauchen wir auch wieder unseren Hammer.
Thomas Birnstiel (0:40)
Das ist wie im Handwerk.
Der Austausch einer gelockerten künstlichen Hüfte, vorgenommen im November 2019 in der Uniklinik Köln und begleitet von der Sendung Sprechstunde des Deutschlandfunks. Der Eingriff ist eine Art handwerkliche Routine für den erfahrenen Chirurgen Prof. Pia Eisel.
Über Jahrhunderte, Jahrjahrtausende war ein derartiges Einwirken der Hände auf den Körper, wie es im griechischen Wort Chirurgia steckt, eine recht brutale und gefährliche Angelegenheit, zu der man es meist nur im absoluten Notfall kommen ließ. Etwa bei Unfällen oder Kriegsverletzungen. Wenn es zuerst einmal darum ging, Blutungen zu stillen. Schon der römische Enzyklopädist Aulus Cornelius Celsus berichtet vom Ausfüllen der Wunden mit Verbandstoff, aber auch vom Fassen der blutenden Gefäße mittels Werkzeugen. Und mit dem Ziel, dass sich Venen oder Arterien zurückziehen und ihre Öffnungen verschlossen bleiben. Die beklagenswerten Patienten, die eine größere Operation über sich ergehen lassen mussten, erlitten neben Lebensgefahren kaum vorstellbare Schmerzen. Der Münchner Medizin-Historiker Professor Wolfgang Locher.
Wolfgang Locher (1:59)
Da musste man die Leute ja festbindeln auf irgendwelchen Tischen, so wie wir hier sitzen. Da gab es ein paar Knechte, die den gehalten haben. Und man musste, und das waren ja alle diese Eingriffe, man musste ein Operateur sein, der in Sekundenbruchteilen, wenn Sie so wollen, den Schnitt vollzogen konnte. Wenige Sekunden, Bein amputieren, zack, weg.
Thomas Birnstiel (2:19)
So schildert Wolfgang Locher vom Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wie sich größere Operationen bis weit ins 19 Jahrhundert hineingestalteten.
Oft fielen Patienten wegen der Schmerzen in Ohnmacht. Bei längeren Eingriffen drohte ein tödlicher Schock. Und doch wurden solche Operationen gar nicht so selten durchgeführt. Warum, weiß die Professorin für die Geschichte der Medizin Marion Ruisinger. Sie leitet das Deutsche Medizin Historische Museum in Ingolstadt.
Marion Ruisinger (2:52)
Wenn das Grundleiden so gefährlich ist, mit so großem Schmerz verbunden, mit dauernder Qual verbunden, dann war es für die Betreffenden auch schon in der Antike, die bessere Option, sich operieren zu lassen, weil es wenigstens eine kleine Chance gab, dass ihnen geholfen wird, dass sie weiterleben können, ohne diese dauernden Foltern des Schmerzes. Und wenn die Operation nicht gelang, dann gut, dann war wenigstens die Qual beendet.
Thomas Birnstiel (3:16)
In der Ausstellung ihres Ingolstädter Museums zeigt Marion Ruisinger einen Blasenstein. Ein Übeltäter, der seinem Besitzer unvorstellbare Qualen bereitet haben dürfte.
Marion Ruisinger (3:27)
Wir können heute den Blasenstein unblutig behandeln, aber die längste Zeit war das eine lebensgefällige, sehr schmerzhafte Operation, die aber immer wieder durchgeführt wurde, weil es die einzige Chance war, diese grauenvollen Schmerzen des Blasensteins loszuwerden.
Thomas Birnstiel (3:45)
Der niederländische Chirurg und Autor Arnold van der Laar beziffert die Wahrscheinlichkeit für unsere Ahnen, an einer solchen Blasenstein-Operation zu sterben, auf 40 Prozent. Das wichtigste Zubehör beim Beruf des Steinschneiders sei ein gutes Pferd gewesen, um nach einer misslungenen Operation schnell das Weite suchen zu können, schreibt van der Laar in seinem Buch Schnitt. Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt in 28 Operationen.
Und doch, mögen die meisten dieser Eingriffe ein blutiges Gestümper für Todgeweite gewesen sein, denen kein anderer Ausweg mehr offen stand. Es gab schon in der Antike eine Vorstellung von chirurgischer Handwerkskunst und Wundergeschichten des Heilgots Asklepios, erklärt der Medizinhistoriker Prof. Karl-Heinz Leven.
Karl-Heinz Leven (4:33)
Er kann zum Beispiel den Bauch aufschneiden, irgendwas rausmachen oder reinmachen, wieder zunehmen und der Patient ist sofort wieder gesund. Oder er kann den Kopf abmachen, da was rausholen und was säubern im Hals und den Kopf wieder aufsetzen. Und dann ist der Patient geheilt. Das sind Traumoperationen und sind natürlich nicht wirklich stattgefunden. Aber der Heilgott Asklepios arbeitet im Grunde wie ein Chirurg nur mit fantastischen Mitteln. Man könnte sagen, das ist die Science-Fiction der Antike.
Thomas Birnstiel (5:04)
Kunstfertige chirurgische Eingriffe gab es im Altertum nicht nur in der Imagination, betont Karl-Heinz Leven.
Er lehrt und forscht an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Prominente Patienten wie Alexander den Großen pflegte dessen Leibarzt selbst nach schweren Kriegsverletzungen wieder zusammen. Auch für die byzantinische Zeit im zehnten Jahrhundert ist eine durchaus spektakuläre Operation überliefert.
Karl-Heinz Leven (5:29)
In Konstantinopel haben Ärzte, ein Ärzteteam, siamesische Zwillinge getrennt. Und das war wirklich spektakulär. Und die Operation ist gelungen.
Thomas Birnstiel (5:41)
Gelungen bedeutet, immerhin einer der Zwillinge überlebte. Für die Zeit des frühen Mittelalters ein großer Erfolg. Die Epoche war, auch was die chirurgischen Kenntnisse anbelangt, keinesfalls so finster wie der Laie vermuten würde. Dänische Mönche etwa hatten einen Ritter mit einer klaffenden Schädelverletzung zu versorgen. Mit einem speziellen Meißel befreiten sie die Wunde von Knochensplittern. Dann pflegten sie den Versehrten derart kundig, dass er überlebte.
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