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100 Jahre Michel Foucault: Der Wahnsinn der Freiheit

Sternstunde Philosophie

October 10, 2026

Denkikone, Jahrhundertgenie, Skandalfigur. Der 1926 geborene Philosoph Michel Foucault ist der bis heute einflussreichste Denker der Gegenwart. Was macht den besonderen Reiz seines Denkens aus? Und wie können seine Einsichten den Menschen befreien?

Speakers Wolfram Eilenberger, Philipp Felsch, Michel Foucault

TopicsPhilosophySociety & Culture

Wolfram Eilenberger (0:11)

Der einflussreichste Denker unserer Gegenwart, er wurde vor genau 100 Jahren geboren. Sein Name lautet Michel Foucault. Was macht Foucaults Philosophie aus? Wie und weshalb verspricht sie unser Denken, unser Begehren, unser Wissen von seinen tiefsten Irrtümern zu befreien?

Das bespreche ich heute mit dem in Berlin lehrenden Kulturhistoriker und Foucault-Experten Philipp Felsch. Herr Felsch, schön, dass Sie da sind.

Philipp Felsch (0:38)

Ich freue mich.

Wolfram Eilenberger (0:39)

Ich sprach vom einflussreichsten Denker unserer Gegenwart. Was hatte denn dieser Foucault, was die anderen nicht hatten?

Philipp Felsch (0:47)

Foucault hat der Philosophie nicht nur ein paar neue Ideen hinzugefügt, sondern er hat eine neue Art, einen neuen Stil des Philosophierens erfunden.

Und dieser neue Stil des Philosophierens lebt von einer ungeheuer produktiven und faszinierenden Spannung, die wir glaube ich bis heute diesen Büchern entnehmen. Auf der einen Seite hat Foucault einen alten Traum der Philosophie, spätestens seit dem späten 18 Jahrhundert, realisiert, nämlich Philosophie, bloße Philosophie in Forschung zu verwandeln. Der Mann hat dickleibige, hochgelehrte Bücher geschrieben, historische Untersuchungen über die Geschichte europäischen Wissenschaften, der europäischen Institutionen. Wir haben zwei Exemplare hier auf dem Tisch liegen. Und auf der anderen Seite verbindet sich mit diesen Büchern ausnahmslos der Eindruck, dass hier der Autor, aber auch die Leser eine tiefgreifende existenzielle Erfahrung machen, eine transformative Erfahrung, die ganz offensichtlich Foucault, den Autor, verändert hat beim Schreiben dieser Bücher, aber auch die Leser und Leserinnen. Und das ist eine Erfahrung, die auf der einen Seite das individuelle Ich, betrifft und auf der anderen Seite möglicherweise betrifft diese Transformation, aber auch die ganze Gesellschaft.

Wolfram Eilenberger (1:58)

Also sie sprechen von einer Doppeltransformation. Einerseits, die Philosophie selbst hat sich verändert. Sie wurde zu einer Wissenschaft, einer Geschichtswissenschaft unter den Händen von Foucault. Und andererseits geht sie mit dem Versprechen einer Transformation der eigenen Existenz, nicht nur des Autors, sondern auch der Leser einher. Das kann man sagen, ein nüchterner Historiker, der sich in den Archiven vergräbt. Wie sollte denn unsere Existenz verändern? Es klingt nicht wie eine Spannung, es klingt wie ein Widerspruch.

Philipp Felsch (2:24)

Das ist es auch. Foucault ist eine zutiefst paradoxe, widersprüchliche Figur. Und ich glaube, das macht ihre Faszination aus. Bis heute. Im Normalfall, wenn wir uns die Geschichte der Philosophie in den letzten zwei Jahrhunderten anschauen, fallen diese beiden Seiten ja auseinander. Wir haben die wissenschaftlichen Philosophen, ein Jürgen Habermas etwa.

Und wir haben auf der anderen Seite Philosophen, die eher diesen existenziellen Zweig der Philosophie bedienen, vielleicht auch die Frage nach einer philosophischen Lebenskunst.

Wolfram Eilenberger (2:54)

So wie der Existenzialismus vielleicht in Frankreich noch.

Philipp Felsch (2:56)

Ein Jean-Paul Sartre etwa, genau.

Foucault ist einer der wenigen in dieser Pointierung, würde ich vielleicht sogar sagen, fast der einzige moderne Philosoph, der diese beiden zunächst einmal widersprüchlichen, nur in Form einer Paradoxie miteinander zu verbindenden Seiten der Philosophie zusammengebracht hat. Wie hat er das gemacht? Ich glaube, er hat es gemacht. Und das ist das Zweite, was Foucault hat, was viele andere nicht hatten. Er hat es durch sein persönliches Charisma zusammengebracht. Insofern ist Foucault auch so eine einzigartige Gestalt. Ist ja ein ikonischer Philosoph. Jeder kennt die Glatze, jeder kennt den beigefarbenen Rollkragenpullover. Ironischerweise ist Foucault ein Philosoph, der zugleich das Subjekt, das Autosubjekt, aus der Philosophie austreiben wollte. Und zugleich ist er eines der stärksten Autoren-Subjekte geworden, aber...

Wolfram Eilenberger (3:52)

Herr Felsch, das ist jetzt noch ein großer Widerspruch. Einerseits sagt er, die Philosophie wird wissenschaftlich, sie wird gleichsam anonym. Es ist egal, wer spricht. Andererseits sagen sie, es ist ein charismatischer Lehrer, der aufgrund seiner Erscheinung diese Wirkung hat. Und ich höre und entnehme in dem, was Sie sagen, der hat auch Sie selbst erfasst. Da gibt es eine Glut, ein Feuer in diesem Denken, den man sich schwer entziehen kann.

Philipp Felsch (4:15)

Enorm. Foucault ist eine Ikone der Philosophie in mehreren Gestalten. Also er verkörpert im Grunde diesen Widerspruch, diese Paradoxie und hat sie einfach inkarniert. Er hat sie repräsentiert in seiner Person. Wir verbinden ja mit Foucault auf der einen Seite den Gelehrten in der Bibliothek.

Foucault ist ein Philosoph gewesen, der jahrelang die Bibliothek Nationale in Paris aufgesucht hat.

Wolfram Eilenberger (4:42)

Einer der belesensten Menschen seiner Zeit, kann man sagen.

Philipp Felsch (4:44)

Ja, also wirklich ein Bücherwurm.

Das ist das erste ikonische Bild von Foucault. Und dann ist er aber auch ein Philosoph, der seine persönlichen Befindlichkeiten, seine Homosexualität etwa, durchaus auch seine psychischen Probleme, mit denen er in der Frühzeit seiner philosophischen Aktivität gerungen hat. Die Suche nach einer eigenen Identität und einer noch sehr repressiven Nachkriegsgesellschaft öffentlich gemacht hat. Also wir kennen Foucault nicht nur in der Bibliothek, wir kennen ihn auch in den Schwulenbars des Nachkriegs Paris, wir kennen ihn in den Dark Rooms von San Francisco in den frühen 80er Jahren. Und es kommt noch eine dritte Gestalt hinzu, nämlich Foucault mit dem Megaphone auf der Straße, also der Aktivist. Das heißt, diese drei Figuren machen die Faszination dieses philosophischen Charisma aus und das ist relativ einzigartig und hat sich auf Generationen von Lesern übertragen, auch auf mich.

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