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Warum Deutschlands Jobs wirklich in Gefahr sind. Mit Simon Jäger

RONZHEIMER.

August 28, 2026

Paul Ronzheimer spricht mit Simon Jäger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University und Arbeitsmarktforscher, über Friedrich Merz’ Forderung nach mehr Arbeit und die Frage, ob die Deutschen tatsächlich zu wenig arbeiten.
Speakers: Simon Jäger, Paul Ronzheimer

Topics: Politics, News, Daily News

**Simon Jäger** (0:00)
Das heißt, wir haben im Grunde genommen nicht wirklich ein Faulheitsproblem, würde ich sagen, sondern die Gründe dafür liegen eigentlich darin, dass der Staat Anreize zum Teil falsch setzt. Dadurch arbeiten sehr viele Leute Teilzeit und dadurch haben wir dann auch ein Produktivitätsproblem.

**Paul Ronzheimer** (0:16)
Es gibt in Sachen Arbeitsmarkt einige Thesen, die in Deutschland seit Monaten, ja in Wahrheit seit Jahren diskutiert werden. Die Deutschen arbeiten zu wenig. Die jungen Deutschen finden immer schwerer einen Job. Die älteren Deutschen hören bald in Rekordzahl auf zu arbeiten. Die Arbeit der Deutschen ist zu teuer. Die Deutschen behalten zu wenig von dem, was sie erarbeiten und die Deutschen bezahlen zu viel für die, die nicht arbeiten gehen. Die Bundesregierung will diesen Arbeitsmarkt mit ihrem Reformpaket flexibler machen. Will, dass die Wirtschaft wieder anspringt. Bundeskanzler Friedrich Merz spricht davon, Zitat, die Fesseln für Unternehmen zu lösen.
Doch was ist von diesen Maßnahmen zu halten? Reichen sie aus? Was ist mit jungen Menschen, die gerade verzweifelt Jobs suchen? Liegen die eigentlichen Probleme tiefer? Was ist mit KI? Was bedeutet das für die kommenden Jahre? Es gab viele Hörer, die uns geschrieben haben, redet genau mal über dieses Thema. Und das wollen wir heute machen mit Simon Jäger. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University, einer der renommiertesten Arbeitsmarktforscher Deutschlands. Und ich freue mich, dass er heute hier ist. Grüß dich, Simon.

**Simon Jäger** (1:29)
Herzlichen Dank für die Einladung. Freue mich.

**Paul Ronzheimer** (1:31)
Simon, Friedrich Merz hat ja die Debatte angestoßen und glaube ich, das haben viele mitbekommen, gerade jetzt auch rund um die Urlaubsfrage, dass die Deutschen zu wenig arbeiten. Hat er mit der Diagnose recht?

**Simon Jäger** (1:46)
Ja, ich glaube, da ist wichtig, erstmal auf die Zahlen zu schauen, um die Debatte ein bisschen einzuordnen. Also in Deutschland haben wir mit circa 80 Prozent sehr hohe Erwerbsbeteiligung. Das heißt, ein hoher Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter arbeiten tatsächlich. Das ist erstmal, könnte man jetzt aus Friedrich Merz Perspektive sagen, gut.
Gleichzeitig ist es so, dass in Deutschland 40 Prozent derjenigen, die arbeiten, Teilzeit arbeiten. Und das ist sowohl im internationalen Vergleich als auch historisch, wo wir als deutsche Arbeitsmarker kommen, sehr, sehr hoch. Das heißt, viele Menschen arbeiten, aber viele von denen, die arbeiten, arbeiten dann Teilzeit. Das heißt, wir haben im Grunde genommen nicht wirklich ein Faulheitsproblem, würde ich sagen, sondern die Gründe dafür liegen eigentlich darin, dass der Staat Anreize zum Teil falsch setzt. Dadurch arbeiten sehr viele Leute Teilzeit und dadurch haben wir dann auch ein Produktivitätsproblem.

**Paul Ronzheimer** (2:36)
Wie sind die Vergleichszahlen? Also wenn du sagst, 80 Prozent der Deutschen im erwerbsfähigen Alter arbeiten, wie ist das in anderen europäischen Ländern?

**Simon Jäger** (2:45)
Wir sind da im oberen Drittel der OECD.
Das ist meistens so eine Vergleichsgruppe, die man nimmt, OECD, so eine Gruppe der wirtschaftsstarken Länder Europa, aber auch USA, Kanada, Japan sind da mit dabei. Und da sind wir schon oben mit dabei.

**Paul Ronzheimer** (3:00)
Wo sind die anderen so?

**Simon Jäger** (3:02)
Das kommt so ein bisschen drauf an. Der Durchschnitt ist, glaube ich, bei 72 Prozent.

**Paul Ronzheimer** (3:06)
Okay, also wir sind überm Durchschnitt. Ja.
Und diese Teilzeitquote, 40 Prozent, wie stehen wir da international?

**Simon Jäger** (3:14)
Die ist sehr hoch, da ich bin nicht ganz sicher, ob wir ganz vorne mit dabei sind. Aber wir sind auf jeden Fall mit Blick auf die Zeiträume, wo wir in Deutschland herkommen, auf dem höchsten Stand und auch international weit vorne mit dabei.

**Paul Ronzheimer** (3:26)
Woran liegt es, dass das gerade in Deutschland so hoch ist? Und wie hat sich das in den letzten Jahren entwickelt?

**Simon Jäger** (3:30)
Es ist hochgegangen und das ist zum Teil durchgetrieben, dass mehr Leute in den Arbeitsmarkt gekommen sind. Das ist natürlich zuerst mal auch positiv. Allerdings, die Forschung ist man sich zu zwei Hauptgründen festgemacht, an denen das liegt. Das eine ist, dass der Staat selber durch das Steuer-, Abgabentransfersystem Fehlanreize setzt, die Menschen davon abhält, zu arbeiten. Das macht sich insbesondere an so einer Art Zweitverdiener-Falle fest.

**Paul Ronzheimer** (3:55)
Was sind diese Anreize, die falsch sind aus Australien?

**Simon Jäger** (3:58)
Ganz genau. Wir haben beispielsweise in Deutschland das Ehegattensplitting. Das heißt, dass innerhalb eines verheirateten Paares das erarbeitete Einkommen gepoolt wird, also zusammengebracht wird. Und das sorgt dafür, dass derjenige, der der Zweitverdiener ist, deutlich höhere Steuerraten zahlt und dadurch viele Zweitverdiener, das sind in Deutschland insbesondere Frauen, wenig Anreize haben, mehr zu arbeiten, weil einfach weniger vom zusätzlichen Euro in der Tasche bleibt. Das ist ein entscheidender Punkt dabei.

**Paul Ronzheimer** (4:26)
Wie ist das in anderen Ländern geregelt? Warum ist das in anderen Ländern anders?

**Simon Jäger** (4:30)
Andere Länder haben sich, zum Beispiel Schweden, schon vor 50 Jahren dazu entschieden, diesen Weg, wo Deutschland noch inzwischen ein ziemlicher Ausnahmefall ist, aufzulösen. Das heißt, dass Ehegatten nicht mehr gemeinsam veranlagt werden, entweder getrennt oder im Rahmen von einem Familiensplitting, wo man sozusagen nicht mehr diese ganz starken Anreize hat, die den Zweitverdiener davon abhalten, am Arbeitsmarkt teilzunehmen. Wir haben in Deutschland natürlich auch noch mit den Minijobs ein weiteres Instrument geschaffen, die sind steuerfrei. Das ist natürlich sehr attraktiv, einen steuerfreien Minijob zu machen. Da ist dann die Steuerrate im Grunde fast null.

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