Topics: Politics, News, Daily News
**Annette Dittert** (0:00)
Dass Farage jetzt wieder populär geworden ist, auch wenn er im Moment eine Delle hat, ist natürlich eigentlich völlig verrückt, weil er hat das Ganze ja erst ursprünglich angerichtet.
Aber dass die leben eben von der Unzufriedenheit und in gewisser Weise sind Rechtspopulisten, das ist wie so ein Perpetuum mobile in der Politik, das von der eigenen, von eigenen Versagen lebt. Je schlechter es den Leuten danach geht, je populärer werden die in der zweiten Runde. Und das ist das, wo ich denke, das muss Deutschland verstehen, bevor es zu spät ist.
**Paul Ronzheimer** (0:32)
Die große, altehrwürdige Demokratie Europas Großbritannien kämpft, das kann man durchaus sagen, mit sehr ähnlichen Problemen wie Deutschland. Politische Instabilität, erstarkende Ränder, Migrations- und Wirtschaftskrisen beschäftigen Großbritannien.
Und jahrelang haben die britischen Konservativen ihre Premierminister ausgetauscht, von Bolz-Johnson über List Trust bis Rishi Chunak. Und dann gewann mit Kirstama ein linker Labour-Politiker. Und man dachte, dass die Briten zur Ruhe kommen. Aber nein, nach zwei Jahren im Amt musste Stama zurücktreten. Und der frühere Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, hat übernommen.
Und weil auch in Deutschland sehr ähnliche Themen diskutiert werden, von den Krisen bis zum Kanzlertausch, möchte ich jetzt mit der langjährigen UK-Korrespondentin der ARD und Bestseller-Autorin Annette Dittert sprechen. Ihr Buch Dear Briten, ich kann es nur jedem empfehlen, steht seit vielen Wochen auf Platz 1 der Spiegel Sachbuchbestsellerliste. Und ich finde es toll, dass Annette wieder bei uns ist. Hallo Annette.
**Annette Dittert** (1:37)
Hallo Paul, ich freue mich.
**Paul Ronzheimer** (1:40)
Annette, weil ich es gerade gesagt habe, mal vorweg zu deinem Buch. Also wir finden dich toll, ganz viel im Internet finden dich toll. Das sieht man an deinen Instagram-Zahlen.
Aber wie erklärst du dir, dass so viele Deutsche sich so sehr für Großbritannien interessieren, dass ein Sachbuch über UK seit 13 Wochen auf der Bestsellerliste steht?
**Annette Dittert** (2:03)
Ich könnte jetzt ganz unverschehen sagen, weil es ein gutes Buch ist, aber ganz ehrlich, ich bin selbst total überrascht darüber und habe das überhaupt nicht erwartet. Ich habe erwartet, dass es gut läuft, weil es gibt ein Rieseninteresse an Großbritannien. Ich glaube, das unterschätzen viele, wie anglophil die Deutschen doch sind. Und es gibt, das habe ich auch auf der Lesereise gemerkt, es gibt zunehmend das Gefühl, da ist was verschoben, dass jetzt zehn Jahre nach dem Brexit man es ihnen doch verzeiht und mal wissen will, wie es denn da weitergegangen ist. Denn in gewisser Weise war ja das, was mit dem Brexit passiert, der erste große Ausbruch des Rechtspopulismus in Europa. Und viele wollen einfach wissen, wie geht das dann weiter, wenn man in der zweiten oder gar jetzt dritten Runde ist. Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum so viele dieses Buch gern lesen.
**Paul Ronzheimer** (2:52)
Also der Gedanke, dass das, was in Großbritannien schon früher passiert ist, jetzt in Deutschland passiert oder passieren könnte und was man daraus lernen kann.
**Annette Dittert** (3:03)
Genau. Also das ist sicher auch ein Grund. Und das habe ich, warum jetzt viele noch mal genauer wieder hingucken wollen, was da jetzt eigentlich los ist. Und natürlich aber auch die Hoffnung, die es ja zumindest mit Stama am Anfang gegeben hat, dass die Briten sich möglicherweise auch wieder auf Europa zubewegen. Und da muss man jetzt eben gucken, was der neue Premier Andy Burnham da jetzt unternehmen wird.
**Paul Ronzheimer** (3:24)
Du hast die Hoffnung angesprochen, die viele hatten in Bezug auf Kirstama, als er 2024 nach dieser langen, chaotischen Regierungszeit der Konservativen gewählt wurde. Welche Hoffnung waren das genau?
**Annette Dittert** (3:40)
Also, das war vor allem die Hoffnung, dass Kirstama dieses totale Chaos unter den Tories beendet, die ja nach dem Brexit immer schneller die Premiers ausgewechselt haben, das Land immer größere Turbulenzen gebracht haben. Und Starmer hat im Wahlkampf 2024 versprochen, dass das mit ihm endet und dass das wieder eine Rückkehr zu einer normalen, ruhigen Politik der Langeweile wird. Und ja, das ist ihm leider so gar nicht gelungen. Und das muss jetzt Burnham noch einmal neu probieren.
**Paul Ronzheimer** (4:11)
Starmer hatte ja eine riesige Mehrheit im Unterhaus und musste dann nach rund zwei Jahren aufgeben. Aus deiner Sicht, wie konnte seine Autorität dann so schnell zerfallen? Und ist das etwas, was viel mit Großbritannien zu tun hat? Oder sehen wir das auch überall, dass einfach ein Premierminister, egal wo, sich heute kaum noch irgendwo halten kann?
**Annette Dittert** (4:38)
Also ich glaube, generell ist das Regieren viel schwieriger geworden. Also für jede Regierung, gerade auch mit Trump und einer globalen Krise, die ja auch ständig wieder nationales Echo hat und wo wir gar nicht oft wissen, also gerade in Europa, wie man damit wieder umgehen soll. Also das ist garantiert schwieriger geworden, auch durch die sozialen Medien.
Ich glaube aber, dass Starmer's Scheitern doch sehr viel mit seiner Person zu tun hatte. Also der ist einfach kein Politiker gewesen. Und das ist etwas, was man von außen gar nicht so leicht versteht, weil er hat ja als Außenpolitiker eigentlich immer eine sehr gute Figur gemacht. Also gerade in Deutschland war man ja auch dankbar dafür, dass er eben Trump ausgehalten hat, die Ukraine unterstützt hat. Die Koalition der Willigen, da hat Großbritannien eine große Rolle gespielt. Also er hat da ja mit Macron das angeschoben. Also er hat außenpolitisch vieles richtig gemacht. Aber genauso viel hat er innenpolitisch komplett falsch gemacht und hat eben von Anfang an massive Fehler gemacht. Er hat einen Change, einen Wandel versprochen und trat dann in seiner ersten großen Haushaltsrede mit seiner Finanzministerin an, mit einer düsteren Vorhersage, dass jetzt alles noch viel schlimmer wird und hat erst mal Winterheizkostenzuschüsse gestrichen für alle, auch für die Armen, hat das nicht richtig kommuniziert. Und das war dann eine so massive Enttäuschung gleich am Anfang. Die ist ja nie mehr richtig los geworden. Er hat das dann wieder umgedreht, hat dann gesagt, ich nehme das wieder zurück ein paar Monate später. Da hat ihm aber schon keiner mehr geglaubt, dass er eigentlich weiß, was er will. Und damit hat auch die Partei dann zunehmend den Glauben an ihn verloren. Er hat gerade im Sozialbereich dann die Kinder Sozialhilfe, also für die Kinder nach dem dritten Kind, also Familien mit mehr als zwei Kindern kriegen oder kriegten seit den Tories keine zusätzliche Sozialhilfe mehr, was wirklich brutal war. Und das hatte er eigentlich versprochen, dass er das zurücknimmt. Allerdings, als er in der Zeit sich hieß es, ne, das geht nicht, wir haben kein Geld. Dann wurden dafür Parteimitglieder, die dagegen protestiert haben, aus der Partei geworfen. Er wollte aber eben den brutalen Tory zeigen, dass er eben auch nicht noch mehr Schulden aufnehmen will. Das hat dann aber so einen Aufschrei gegeben, dass er das auch wieder zwei Monate später zurücknehmen musste. Also er hat einen Zickzackkurs hingelegt, hat dann zwischendurch vor allem den großen Fehler gemacht, dass er Farajs populistische Parolen nachgebetet hat, diese berühmte Rede, wo er dann erklärte, er würde sich auch fürchten, dass Großbritannien eine Island of Strangers werde, also eine Insel der Fremden, was eben wirklich ein düsterer Nachhall von alten rassistischen Reden, zum Beispiel eines Ennard-Paul war. Er hat dann hinterher also seinen Aufschrei gab, zwei Wochen später gesagt, er hätte die Rede gar nicht gelesen.
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