Topics: Politics, News, Daily News
**Hanna Notte** (0:00)
Das, was man bisher noch wenig öffentlich diskutiert hat bei uns, was aber auch schon diskutiert wurde, ist so die Frage, will man denn nicht mal Gleiches mit Gleichem vergelten? Also wenn Russland sozusagen Cyberangriffe auf Krankenhäuser in Polen macht oder hybride Kriegsführung, warum machen wir nicht das Gleiche mit Russland?
**Paul Ronzheimer** (0:21)
Steht Europa vor einer neuen Phase der russischen Kriegsführung? Diese Frage stellt sich nach dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig, Halle, über den wir gestern hier schon mit Peter Neumann gesprochen haben. Russland wird bislang nicht offiziell, das muss man sagen, als möglicher Täter genannt. Und benannt, es gibt Andeutungen, aber das Wort Russland fällt nicht.
Aber trotzdem stellt sich die Frage, erhöht der Kämmerl den Druck auf Europa und die NATO und verschwimmen die Grenzen zwischen Krieg und Frieden auch bei uns immer weiter? Auch darüber hinaus verändert sich Russlands außenpolitische Strategie. Moskau baut seine Partnerschaft mit China, Iran und Nordkorea aus. Nach dem Angriff der Ukraine auf ein iranisches Schiff im kaspischen Meer stellt sich zudem die Frage, geraten der Ukraine-Krieg und der Konflikt im Nahen Osten immer stärker miteinander in Berührung? Nachdem wir uns in den vergangenen Russland-Folgen mit Sabine Adler und Alexander Graf Lambsdorff vor allem auf die Innenpolitik in Russland konzentriert haben, richten wir heute den Blick nach außen. Wie blickt Vladimir Putin auf die Welt und welche Strategie verfolgt der Kreml? Dafür ist Hanna Notte wieder bei mir zu Gast. Sie ist Expertin für russische Außen- und Sicherheitspolitik und für Russlands Beziehungen zum Nahen Osten. Sie leitet das Eurasia Non-Profiliallet, mein Gott. Sie leitet das Eurasian Programm am James Martin Center und ist Senior Associate beim Center for Strategic and International Studies und beschäftigt sich seit Jahren mit Putins Außenpolitik. Hanna, schön, dass du wieder bei uns bist.
**Hanna Notte** (2:00)
Danke für die Einladung, Paul.
**Paul Ronzheimer** (2:01)
Lass uns anfangen mit dem, was in Leipzig passiert ist. Also der Fund einer mit Sprengstoff bestückten Drohne am Flughafen sorgt weiterhin für große Unruhe. Die Ermittlungen laufen. Russland wird bislang nicht offiziell verantwortlich gemacht.
Wie ordnest du diesen Vorfall ein?
**Hanna Notte** (2:23)
Ich denke, wir sehen schon was qualitativ Neues, denn wir hatten zwar viele Drohensichtungen in Europa über vor allem die letzten zwei Jahre, aber das waren eigentlich Drohnen, die für Ausspähung, Aufklärung wohl verwendet wurden. Und jetzt zum ersten Mal ein Fall, dass so eine Drohne eben auch mit Sprengstoff versehen war, also gezielt einen Sabotageakt verüben sollte.
Gleichzeitig würde ich aber auch sagen, also die hybride Kampagne, die Russland gegen Europa führt, die läuft natürlich seit Jahren. Und die läuft nicht nur mit Drohnen, sondern sie läuft mit versuchten oder auch erfolgreichen Landanschlägen. Es gab mal einen gegen die Ikea in Litauen. Wir hatten Pläne wohl für Attentate, auch auf einen Chef eines deutschen Rüstungskonzerns. Wir haben die vermutlich versuchte Sabotage von Unterseekabeln. Also da passiert sehr viel in der hybriden Kriegsführung. Deswegen muss man das auch in dem Rahmen betrachten.
**Paul Ronzheimer** (3:21)
Wie bewertest du von dem, was du da gesehen, gelesen gehört hast, auch von deinen Quellen, wie bewertest du diese Drohne und die Fast-Explosion an diesem Flughafen?
**Hanna Notte** (3:32)
Naja, also Russland argumentiert seit Monaten, dass Deutschland, aber auch andere europäische Staaten die Ukraine massiv unterstützen. Rüstungskonzerne unterstützen die Ukraine. Und damit ist Deutschland zum sogenannten strategischen Hinterland der Ukraine geworden.
Das russische Verteidigungsministerium hat bereits im April eine Liste veröffentlicht, mit 21 Unternehmen, da waren auch deutsche Niederlassungen drauf, wo man eben bezichtigt, ihr unterstützt die Ukraine. Und der Subtext war eben, das sind auch legitime Ziele für die russische Seite. Das heißt, dass da jetzt bei diesem Drehkreuz in Leipzig, was versucht wird mit einem Sprengstoff, mit einer Drohne, finde ich vor diesem Hintergrund zunächst nicht überraschend.
**Paul Ronzheimer** (4:22)
Was war das für eine Liste? Hatte man da konkret gedroht, dann dort auch anzugreifen?
**Hanna Notte** (4:26)
Es gab keine konkrete Drohung, aber es gab dann zum Beispiel Dimitri Medvedev, der ehemalige russische Präsident, der ja auch führend ist in den nuklearen Drohungen über die letzten Jahre, der dann eben dazu getweetet hat, süße Träume Europäer. Also da war dann der Subtext schon, ihr könnt euch hier auf was gefasst machen. In dem Kontext ist diese Liste aufgetaucht.
**Paul Ronzheimer** (4:49)
Jetzt auch nach unserer Folge mit Peter Neumann, für den das auch sehr klar schien, dass das Russland dahinter steckt und auch viele andere Beobachter sagen das, kommentieren auch ganz viele und sagen ja Moment, vorsichtig. Also bei Nord Stream habt ihr auch alle argumentiert, dass es Russland war in den ersten Tagen und Wochen und dann kam was ganz anderes dabei heraus. Und das waren jetzt nicht nur Leute, die irgendwie Russland nahe stehen oder, sondern mein Eindruck war, dass da einfach ein Gefühl vorherrscht, warum so schnell Schlüsse daraus sind. Wie blickst du auf diese Vorsicht auch von Leuten, die sagen naja, also woher wisst ihr das jetzt schon sofort so schnell?
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