**SPEAKER_1** (0:02)
ARD, Sounds, Das Wissen.
**SPEAKER_2** (0:04)
Drei, zwei, eins, Free!
**Nora Noll** (0:12)
Schreiminute statt Schweigeminute.
Es ist Mitte April 2026 und die ca. 2000 Demonstrantinnen vor dem Brandenburger Tor in Berlin sind wütend. Wegen der krassen Fälle sexualisierter Gewalt, die regelmäßig die Öffentlichkeit erschüttern. Peliko, Epstein, zuletzt der Fall von Colleen Fernandes, der als Anlass für die Kundgebung dient. Wütend auf die Männernetzwerke, die Frauen missachten und missbrauchen. Und auf die Männer um sie herum, die Feminismus natürlich gut finden, aber nichts gegen die Gewalt oder Benachteiligung von Frauentum.
**SPEAKER_2** (0:45)
Eine Sache, die wir noch machen können mit unserer Wut ist, uns immer wieder die Straße zu nehmen.
**Nora Noll** (0:55)
Auch ich bin wütend und manchmal ratlos. Ich entdecke mich selbst dabei, wie ich die Männer in meinem Leben misstrauisch beobachte. Übernimmt mein Kumpel beim Dating Verantwortung für sein Handeln?
Würde mein Freund wirklich gegenreden, wenn in einer Männergruppe sexistische Kommentare fallen? Und wird mein Lieblingskollege beruflich Abstriche machen, um für sein Kind da zu sein?
**SPEAKER_1** (1:19)
Können Männer Feministen sein? Von Nora Noll.
**Nora Noll** (1:26)
Es sind die ständigen Geschichten von Belästigungen im Alltag und Übergriffen, die das Misstrauen vieler Frauen nähern. Auch von mir. Catcalling, heimliches Fotografieren, unerwünschte Berührungen, Gewalt bis hin zu Femiziden. In der bundesweiten Dunkelfeld-Studie von März 2026 Lesubia, durchgeführt von Bundeskriminalamt und zwei Bundesministerien, sagten vier von zehn Frauen, dass sie in ihrem Leben schon sexualisierte Gewalt oder körperliche Belästigung erlebt haben. Die Täter seien zu über 90 Prozent männlich gewesen.
Selbst der Vorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter Dirk Peglow sagte im April 2026 in einem Interview mit Dunje Hayali im ZDF-heute-Journal auf ihre Frage, wie Frauen sich vor Gewalt schützen sollten.
**Dirk Peglow** (2:14)
Wenn man nach der statistischen Anzahl geht, besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Da ist das Risiko erheblich höher, Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden.
**Nora Noll** (2:22)
Männer nicht mehr vertrauen, um sich als Frau vor Gewalt zu schützen. Das klingt drastisch und kann nicht die Lösung sein. Ich finde Peglows Worte drücken viel mehr aus, dass sich in unseren Geschlechterverhältnissen dringend etwas ändern muss.
Die Gewaltstatistik ist dabei das krasse Ende einer Reihe alltäglicher Ungleichheiten. So leisten Frauen durchschnittlich pro Woche in neun Stunden mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer. In ihren Jobs verdienen sie weniger und sind dadurch deutlich häufiger von Altersarmut bedroht, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Trotzdem zeigt eine Umfrage von YouGov von 2025, die Hälfte der befragten Männer denkt, dass Männer und Frauen in Deutschland gleichgestellt sind. Und 53 Prozent der Männer hält Feminismus sogar eher für schädlich für Gleichstellung.
In dieser Folge von Das Wissen möchte ich verstehen, warum verhalten sich viele Männer weniger fürsorglich als Frauen? Warum übernehmen sie seltener Verantwortung für gute Beziehungen? Wie hängt das mit Stereotypen über Männlichkeit zusammen? Und was braucht es, damit Männer aus diesen Mustern ausbrechen und sich tatsächlich für Feminismus einsetzen?
Es geht also vor allem um Männer in unserem Umfeld. Väter, Brüder, Liebespartner, Kollegen. Und wenn ich von Männern spreche, meine ich übrigens nicht trans Männer, sondern Männer, die das männliche Geschlecht bei der Geburt zugewiesen bekamen. Denn antifeministischer Hass richtet sich auch gegen queere Personen.
**SPEAKER_5** (3:49)
Wir sind nirgendwo gescheit.
**SPEAKER_2** (3:50)
Am gefährlichsten ist es für uns zuhause. In den eigenen vier Bänden.
**Nora Noll** (3:55)
Bei der Kundgebung möchte ich mit den Demonstrantinnen über Feminismus reden. Also die Überzeugung, dass alle Menschen unabhängig von Geschlecht und Sexualität gleich viel wert sind und gleichberechtigt leben sollten. Und ein Handeln, das uns näher an diese Vision bringt.
Ich will wissen, sind Männer dazu in der Lage?
**SPEAKER_6** (4:13)
Wir brauchen Männer, die Feministen sind, aber halt nicht nur auf dem Papier oder wenn es gerade passt, sondern halt irgendwie ja sich mit Machtstrukturen und mit Männlichkeit und mit Patriarchat auseinandersetzen und nicht nur für Lob und Anerkennung, sondern einfach weil es wichtig ist und auch Männer davon profitieren Feministen zu sein und sich mit Geschlechterrollen auseinanderzusetzen.
**SPEAKER_5** (4:37)
Ich denke einmal sie können keine Feministen sein, weil sie einmal in der Situation selber nicht sind, die eine Frau täglich erlebt und außerdem ich glaube auch, dass kein Mensch gerne Macht abgibt und die Männer haben eigentlich viel zu viel Macht nach wie vor.
**Anne Dittmann** (4:50)
Ich bin momentan immer noch dabei in meinem Kopf zu sortieren, wie wollen wir miteinander umgehen? Wie soll das gehen, nicht jeden unter Generalverdacht zu stellen, aber dann kommt doch auch die Wut auf, dann kommen da die Zweifel auf, den eigentlich netten, vertrauten Männern gegenüber.
**Nora Noll** (5:15)
Ich fahre zur Uni Potsdam auf den Campus Gollm. Dort arbeitet Olaf Stuwe im Bereich Grundschulpädagogik.
Der Soziologe forscht seit Jahren zu Männlichkeit und setzt sich mit geschlechterkritischer jungen Arbeit auseinander. Er hat schon viele Workshops für Jugendliche zum Thema Männlichkeit und Gleichstellung gehalten. Von ihm möchte ich wissen, was ist Männlichkeit überhaupt und lässt sie sich mit feministischen Überzeugungen vereinbaren.
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