Topics: Politics, News, Daily News
**Paul Ronzheimer** (0:00)
Und ich find's auch ein bisschen begott, wenn jetzt gerade aus der eher rechtspopulistischen Seite der neuen Medien gesagt wird, oh Gottes Willen, also wie kann der SPIEGEL nur, ja also wenn ich mir dann wünsche ich mir da vielleicht ein bisschen Selbstreflektion, was die so den ganzen Tag 24-7 an abstrusisten Titeln und nicht nur über Zeichnungen, sondern auch, egal, ich will mich da nicht reinsteigern, aber man ist immer sehr hart gegenüber anderen und sehr großzügig gegenüber sich selbst. Ja und das ist dann immer so, ja wie können die nur dem Ulrich Siegmund und so, aber wenn es dann gegen Merz, Klingball oder sonst wen geht, ja dann kann es alles nicht hart genug sein.
Es ist sehr lange her, dass in Deutschland so sehr diskutiert wurde über die Wirkung von Journalismus, von Überschriften, von Titelseiten, von Interviews auf die Politik. Und zwar geht es natürlich um Ulrich Siegmund, den Spitzenkandidaten der AfD in Sachsen-Anhalt und was medial mit ihm gemacht wird, was er aber auch daraus macht aus dieser Berichterstattung über ihn. Es geht um das Cover des SPIEGEL, es geht um das Interview bei Ben Berndt und im Prinzip ja der perfekte Sturm für die AfD. In diesem Wahlkampf ein ungeheures Momentum, das sich gerade entfaltet hat, nachdem eigentlich alle Experten sich einig waren. Die AfD nähert sich da einer gläsernen Decke, hat ihr Potenzial vielleicht sogar schon erreicht in diesem Bundesland. Und ja, vielleicht ist nach diesen Tagen wieder alles anders. Über all das sprechen wir heute und natürlich auch, was gerade in Berlin passiert, während dieser Sommerpause, während alle eigentlich nach Sachsen-Anhalt schauen, gärt und brodelt es natürlich hinter den Kulissen. Das ist unser Thema heute. Mein Name ist Filipp Piatov, ich bin Journalist und Kollege von Paul Ronzheimer. Hallo Paul. Hi Filipp. Tja, Paul, der gefährlichste Mann Deutschlands soll Ulrich Siegmund sein. Als du dieses Cover, ich glaube am Freitag war das zum ersten Mal gesehen hast, waren das so deine ersten Gedanken. Und warum denkst du denn, hilft es der AfD, falls du das überhaupt denkst? Aber das ist zumindest der aktuelle Vorwurf, der sich natürlich gegen den SPIEGEL richtet.
Also vielleicht bin ich da einfach noch ein bisschen oldschool, als jemand, der sein Leben lang, seitdem er sich für Journalismus interessiert, den SPIEGEL liest und sich die Geschichten anschaut. Und ich dachte, als ich das Titelbild gesehen habe, krass, die werden da jetzt wirklich irgendetwas ausgegraben haben, was auf den Punkt bringt, warum aus ihrer Sicht, aber eben sehr wahrscheinlich dann auch aus Sicht vieler anderer, Ulrich Siegmund so gefährlich ist. Also ich hatte erwartet, da muss es jetzt irgendwelche Dokumente geben, Videos aus der Vergangenheit, Aussagen, das, was er vielleicht gemacht hat oder nicht gemacht hat. Und dann habe ich die Geschichte gelesen und dachte, das ist nicht euer Ernst. Also was genau wollt ihr mir damit sagen? Ich erst mal als Leser, denn die Headline, das Bild und so, wie die Geschichte geschrieben ist, passt es nicht zusammen. Nicht nur, dass es keine große Enthüllung gab, da war vieles Interessantes dabei. Einiges wusste man schon, anderes nicht. Ich zum Beispiel habe mehr über diejenigen erfahren, die ihn direkt beraten, die eng mit ihm sind, über ihre Vergangenheit, über ihre rechtsradikale Vergangenheit. Aber es war eben nichts, was man im Journalismus als Smoking Gun oder irgendwie eine Enthüllung nennen würde. Und das ist das, was ich, wie gesagt, vielleicht passe ich auch nicht mehr in diese Zeit, Filipp, aber was ich erwartet habe, was ein SPIEGEL nach hoffentlich Wochenlanger oder Monatelanger Recherche dann hätte liefern müssen, wenn man so einen Titel wählt. Das waren meine ersten Gedanken. Und dann habe ich natürlich verfolgt, wie das Ganze dann von allen Seiten irgendwie ausgeschlachtet wurde. Bist du denn der Meinung, dass dieses Cover der AfD hilft? Das war nämlich mein erster Gedanke. Interessanterweise kamen bei mir die Gedanken, die du dir sofort gestellt hast, ein wenig später. Ich dachte, wenn das so wichtig wäre, also so eine große Enthüllung, dann wüssten wir bereits irgendwie durch Agenturmeldungen, durch Tweets, dass der SPIEGEL wirklich irgendwas Großes hat. Aber wenn man zum ersten Mal das Cover sieht, dachte ich, das ist einfach nur das Cover. Aber was macht dieses Cover zu einer Hilfe für Siegmund? Du hast viele Titelseiten, glaube ich, mitgemacht bei BILD, bis seit vielen, vielen Jahren Journalist. Du saßt oft in den Konferenzen, in denen die Schlagzeile besprochen wurde, in der Chefredakteure und stellvertretende Chefredakteure und Blattmacher und, und, und, darüber diskutiert haben, was zur Überschrift wird, welche Überschrift was auslöst, was auch womöglich natürlich gut verkauft. Denn auch das ist immer das Ziel von Überschriften. Welche Wirkung hat dieses SPIEGEL-Cover deiner Meinung nach?
Ich weiß das ehrlich gesagt nicht. Also ich hab mich gewundert, ich hab auch deinen Tweet dazu gesehen. Du hast ja geschrieben, dass du glaubst, dass das eine wahnsinnige Wahlkampfhilfe ist. In den ersten Stunden war ich mir da nicht so sicher. Und zwar aus einem Grund. Diese Entschiedenheit, mit der die einen sagen, das ist eine absolute Wahlkampfhilfe. Andere im Übrigen, das sind weniger prominente Stimmen, aber die hab ich auch gelesen oder in den sozialen Medien verfolgt, die gesagt haben, was regt ihr euch so über das Cover auf? Allein die Tatsache, dass Siegmund mit einer Alleinregierung und absoluter Mehrheit regieren könnte und dann eben an den Schaltstellen der Republik ist, mit seiner Vergangenheit, mit denjenigen, die ihn beraten. Allein das macht ihn für den gefährlichsten Mann der Welt. Muss man nicht so sehen, aber es ist durchaus eine Argumentation, die man so betracht. Der gefährlichste Mann Deutschlands der Welt noch nicht. Das ist vielleicht noch der nächste SPIEGEL-Cover. Das war jetzt eine bewusste Überspitzung, um zu verkaufen.
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