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**Katja Hoyer** (0:01)
Naja, ich glaube, der Anspruch, den die AfD dort stellt, der geht ja weit über, ich sag mal einen Politikwechsel hinaus. Man möchte ja wirklich eine neue Politik in dem Sinne aufstellen, dass man ein neues, ja fast Zeitalter beginnen möchte.
**Paul Ronzheimer** (0:16)
Ich bin zurück in Berlin und möchte mich heute aus dem tagespolitischen Geschehen ein wenig entfernen und etwas tiefgehender über die Wahl in Sachsen-Anhalt sprechen. Denn der 6 September wird der wohl wichtigste politische Tag des Jahres. Dann nämlich wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag und es ist möglich, dass die AfD die absolute Mehrheit holt und damit erstmals einen Ministerpräsidenten stellt. Mit Folgen für die Parteichefs in Berlin, für die Arbeit der Bundesregierung und aller Bundesländer und womöglich ja auch für unser politisches System als Ganzes.
Ich möchte heute darüber sprechen, was die deutsche Geschichte mit dieser Wahl zu tun hat und wie die AfD die deutsche Geschichtspolitik verändern möchte, wenn sie diese Wahlen gewinnen sollte. Darüber spreche ich heute mit der Historikerin Katja Hoyer vom King's College London. Sie war auch schon im Zeitreise-Podcast meines Kollegen Philipp Jatow zu Gast und sie hat gleich zwei Bücher geschrieben, die perfekt zu diesem Gespräch passen. Einmal das viel diskutierte DDR-Buch Diesseits der Mauer und das neue Buch Weimar. Frau Hoyer, herzlich willkommen.
**Katja Hoyer** (1:25)
Vielen Dank.
**Paul Ronzheimer** (1:28)
Frau Hoyer, mal ganz allgemein gefragt, was würde es für die Bundesrepublik bedeuten, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt tatsächlich die absolute Mehrheit holt? Ist das ein normaler Wahlsieg oder würden sie das als Historikerin doch etwas höher hängen?
**Katja Hoyer** (1:46)
Ich würde das schon etwas höher hängen. Nicht zuletzt, weil das die AfD ja selbst auch tut. Da redet man ja auch ständig von, man möchte Geschichte schreiben. Man möchte als eine Art Vorreiterposition dienen in Sachsen-Anhalt, was dann also aufs ganze Land ausgeweitet werden kann. Der Anspruch ist schon von der Partei selbst da, dass es hier nicht nur um Landespolitik geht, sondern um einen geschichtlichen Moment, den man selber so einrichten möchte.
Auf der anderen Seite, aus bundesrepublikanischer Perspektive, wäre das natürlich zum ersten Mal die Tatsache, dass eine Partei, die rechts von der CDU, CSU sitzt, an einer Landesregierung beteiligt wäre. Damit also auch schon ein historischer Moment. Das kann man so sagen, sowohl aus geschichtlicher, als auch aus politischer Perspektive.
**Paul Ronzheimer** (2:35)
Jetzt sind wir Journalisten schnell damit zu sagen, dass es historisch oder ein historischer Moment ist. Aber wenn das aus Ihrem Mund kommt, dann bedeutet das im Meer, weil Sie Historikerinnen sind. Können Sie das genauer definieren, warum das ein tatsächlich historischer Moment wäre? Also was ist dafür notwendig, damit Sie als Historikerin sagen, jawohl, das wäre das?
**Katja Hoyer** (3:00)
Ich glaube, der Anspruch, den die AfD dort stellt, der geht ja weit über, ich sage mal, ein Politikwechsel hinaus. Man möchte ja wirklich eine neue Politik in dem Sinne aufstellen, als dass man ein neues, fast Zeitalter beginnen möchte dort. Also so wird das zumindest von der AfD selbst dargestellt. Wenn dann also gesagt wird, man will auf, ob das jetzt um Bildung, um Wirtschaft, um Gesellschaftspolitik geht, jetzt sozusagen nicht nur sagen, wir machen jetzt Dinge anders, sondern wir fangen ja völlig neu an und machen was grundsätzlich anderes, dann muss man das ernst nehmen, glaube ich. Zumal in Deutschland natürlich auch die Bundesländer sehr, sehr viel Macht haben, innerhalb ihres Bereichs, aber auch über den Bundesrat auf Bundesebene.
Von daher denke ich schon, dass man den Anspruch der AfD selbst dort, was komplett Neues zu machen, ernst nehmen sollte, selbst wenn immer viel gesagt wird, so viel könnten die dann eh nicht machen. Darüber können wir noch reden, ob und inwiefern da sozusagen viel verändert werden kann. Aber der Anspruch ist erst mal da. Und deshalb denke ich, ist das schon eine historische Sache in der Hinsicht, als dass die Ambition eine historische ist. Und auf der anderen Seite wurde ja lange gesagt, dass im Endeffekt rechts von der CDU nichts existieren sollte. Und das ist jetzt nicht nur auf Bundesebene der Fall, sondern auch in ganz realpolitischer Ausführung auf Landesebene auch. Und von daher denke ich schon, dass das zumindest in der Nachkriegsgeschichte ziemlich einzigartig ist.
**Paul Ronzheimer** (4:24)
Wenn Sie auf die Menschen blicken in Sachsen-Anhalt, wie nehmen Sie das wahr? Finden Sie das gut, dass auch bundespolitisch so viel von dieser Wahl abhängt und dass alle Medien hinschauen?
**Katja Hoyer** (4:34)
Also ich komme selber nicht aus Sachsen-Anhalt. Ich bin ursprünglich aus Brandenburg, aber kann zumindest für Brandenburg sagen, dass mein Gefühl damals, zum Beispiel 2024 bei der Landtagswahl, so war, dass die Leute da eher das Unangenehm fast fanden, dass ständig Journalisten dort waren, Fragen gestellt haben. Ich bin selber auch mit der BBC damals ziemlich viel herumgezogen in Brandenburg und habe versucht, dort Leute zu interviewen. Und das ist schon mal vielleicht, kennen Sie das ja auch, relativ schwierig, sogar Leute zu finden, die dann tatsächlich mit einem sprechen wollen, weil da immer so ein gewisses Misstrauen da ist. Was macht man jetzt mit der Geschichte? Wie stellt man das dann da? Und von daher glaube ich nicht, dass jetzt die Mehrheit der Leute sagt, okay, jetzt stehen wir endlich mal im Rampenlicht. Aber auf der anderen Seite gibt es schon das Gefühl, dass die Probleme, die dort vor Ort sind, nicht genug Gehör finden auf Bundesebene und vielleicht sogar auf internationaler Ebene. Und wenn es dann also um Inhalte geht, glaube ich schon, dass die Leute der Meinung sind, dass das gehört werden sollte, was da also zum Beispiel wirtschaftlich gerade ziemlich den Bach runtergeht und wie sich die Leute dort auch teilweise allein gelassen fühlen.
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