**SPEAKER_1** (0:01)
SRF Audio In der Ausländerreportage-Sendung International geht es diese Woche um ein palästinensisches Theater, das sich einfach nicht Mundtot lassen lässt. Auch mit aller Gewalt nicht. Und Gewalt erlebt das Freedom Theatre in der Stadt Dschenin im besetzten Westjordanland seit Jahrzehnten.
Vor gut zweieinhalb Jahren ist das Theater, das international bekannt wurde, sogar ganz zerstört worden. Und die israelische Armee hat Theaterdirektor ohne Anklage ein Vierteljahr in das Gefängnis geworfen. Trotzdem, das Theater macht weiter. Susanne Brunner, du hast eine recht gefährliche Reise zu diesem Theater gemacht. Wieso?
**Susanne Brunner** (0:39)
Weil mich der Mut von diesen Theaterleuten beeindruckt. Und weil ich finde, gerade aus Kriegsgebieten dürfen wir nicht immer nur über Tod und Zerstörung reden, auch über Opfer und Täter, sondern über wie Menschen unter den schlimmsten Umständen eben Menschen bleiben. Und so Menschen sind gehört Kultur, gehört Theater, gehört sich auszudrücken über das, was passiert und was man darüber denkt. Und auf einer persönlichen Ebene, ich war im September 2023 schonmal in diesem Theater und habe dann lange mit dem Theaterdirektor Mustafa Shetta gesprochen. Einen Monat bevor Tamas Israel angegriffen hat und dann der Gasekrieg angefangen hat. Als ich im Dezember 2023 nochmals mit dem Theaterdirektor ein Interview machen wollte, hat er auf WhatsApp plötzlich nicht mehr geantwortet. Und ich habe dann erfahren, dass er genau an diesem Tag verhaftet worden ist. Aber monatelang wusste niemand, wo er genau ist und wie es ihm geht.
Das ging mir ziemlich nahe, weil er von dem gesprochen hat, also von verhaftet zu werden und der Angst vor dem, was man im Gefängnis mit ihm machte.
**SPEAKER_1** (1:51)
Weiss man dann, wieso er verhaftet wurde?
**Susanne Brunner** (1:55)
Die israelischen Behörden geben prinzipiell keine Auskunft über Verhaftungen und wollten auch über seine Verhaftung nichts sagen. Anklagt wurde der Theaterdirektor nicht. Und es gibt Tausende von Palästinenserinnen und Palästinensen, die diese Erfahrung machen. Die Praxis der sogenannten Administrativhaft wird nicht nur international, sondern auch von israelischen Menschenrechtsorganisationen und Anwälten fest kritisiert und das seit Jahrzehnten. Die israelischen Behörden müssen nur sagen, Terrorverdacht oder eine Gefahr für die Sicherheit. Und schon sitzt jemand monatelang im Gefängnis.
Zum Theater-Dschenin muss man aber auch sagen, das hat nie ein Blatt vor den Mund genommen und auch kein Tabuthema gehabt. In einer Umgebung, die sozial und politisch und auch buchstäblich ein Minenfeld ist.
**SPEAKER_1** (2:48)
Hast du ein Beispiel für diese Tabullosigkeit?
**Susanne Brunner** (2:52)
Ja, das Theater hat sich einerseits sehr kritisch über die israelische Besatzung geäussert. Immer schon. Andererseits hat es aber auch die eigene palästinensische Führung und Gesellschaft unter die Lupe genommen, oder respektive auch auf die Schippe genommen. Zum Beispiel das Macho-Gebar von bewaffneten Kämpfern und der Heldenkult, um die man es um sich herum macht.
Oder es hat sich über die eigene konservative Moralvorstellung und Doppelmoral lustig gemacht. Zum Beispiel, dass die palästinensische Gesellschaft kein Problem hat, wenn ein Junge zu der Waffe greift, aber ein riesiges Problem hat mit einem Mädchen, der im Theater mitmachen will oder überhaupt mit dem Theater. Der erste Direktor des Theaters, der Sohn einer jüdischen Mutter, der die Idee für das Theater hatte, wurde 2011 von einem maskierten Täter erschossen. Man munkelt bis heute, dass Thomas hinter diesem Anschlag stand.
**SPEAKER_1** (3:49)
Und 2023 haben die Israeli sein Nachfolger ins Gefängnis geworfen. Ist er dann wieder freien?
**Susanne Brunner** (3:55)
Im letzten März, also im März 2025, haben die Israeli freien. Was er von seinen 15 Monaten im Gefängnis erzählt hat, kommt zum Haushalten. Es ist wirklich grauenhaft. Und trotzdem, kaum war Mustafa Shetta draussen. Er hat einen neuen Ort für das Theater gesucht, der ja jetzt zusammen mit dem ganzen Stadtteil, also mit dem ganzen Stadtteil, wo es früher stand, nur noch Schutt und Essen ist. Und ich finde, das braucht Mut.
**SPEAKER_1** (4:25)
Das ist der Talk zur Sendung International. Es geht um ein Theater in Dschenin, einer Stadt im Westjordanland. Ein Theater, das kein Blatt vor den Mund nimmt und trotz Gewalt von allen Seiten weitermacht. Susanne Brunner, wie kommt man auf das Dschenin?
**Susanne Brunner** (4:41)
Unter normalen Umständen könnte man in Israel bis auf Nazareth im Norden fahren. Das ist im Norden des Landes.
Von dort wären es noch etwa 25 Minuten mit dem Auto auf Dschenin. Das ist also sehr nah. Aber mit dem Gasakrieg haben die israelische Regierung und die Armee den Zugang zum militärisch besetzten Westjordanland massiv schwieriger gemacht. Die üblichen Checkpoints sind häufig zu. Man muss weite Umwege fahren oder stundenlang warten wegen Kontrollen. Ich bin von Jerusalem her ins Westjordanland. Die Fahrt von dort auf Dschenin dauert im besten Fall zwei Stunden.
**SPEAKER_1** (5:18)
Das EDA ratet von Reisen ins Westjordanland ab wegen der unberechenbaren Sicherheitslage. Wie hast du als jemand, der in dieser Region unterwegs ist, die Reise erlebt?
**Susanne Brunner** (5:29)
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