**Christina Jochim** (0:06)
Letztendlich ist psychische Gesundheit für mich nicht nur ein Schlüssel der Gesellschaft, sondern eigentlich auch ein Fundament. Psychische Gesundheit entscheidet über Teilhabe. Also auch darüber, ob jemand arbeiten kann oder nicht. Ob jemand gut Beziehungen erleben, führen kann oder nicht. Ob man einem gesellschaftlichen Leben teilhaben kann oder nicht. Und damit wird es letztendlich zu einem tragenden, wichtigen Fundament.
Als erstes waren die Psychotherapeuten plötzlich von dieser Honorarkürzung betroffen. 4,5 Prozent des psychotherapeutischen Honorars wird gekürzt. Und zwar mitten im laufenden Praxisbetrieb. Also in einer Situation, in der letztendlich die Verantwortung der Psychotherapeutin immer weiter wächst, die Krankheitslast mit vielen psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft geschultert werden muss, kriegen wir statt Unterstützung eine Kürzung bei laufenden Kosten, die er in der Praxis trägt.
**Matze Hielscher** (1:09)
Willkommen im Hotel Matze. Es geht mal los mit ein paar Daten. Eine von drei Personen in diesem Land lebt jetzt gerade mit einer psychischen Erkrankung. Eine von drei. Und nur einen Bruchteil bekommt aktuell die Hilfe, die er oder sie überhaupt braucht. Und die Therapeutinnen und Therapeuten, die diese Hilfe geben, sind zu 77 Prozent Frauen. Sie sind die schlecht bezahlteste Facharztgruppe in Deutschland. Die begleiten die Menschen in tiefsten Krisen und werden gerade jetzt noch dafür mit Honorarkürzungen bestraft. Mein heutiger Gast ist Dr. Christina Jochim. Sie ist Psychotherapeutin und Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung. Wir sprechen darüber, was Therapie wirklich ist und was sie nicht ist und was es bedeutet, Therapeut oder Therapeutin zu sein. In einem Beruf, der gleichzeitig natürlich systemrelevant ist, wie nie zuvor und systemisch unterschätzt und unterbezahlt wird. Christina gibt einen sehr, sehr tiefen Einblick. Kein leichtes Thema, aber ein wichtiges Thema, also für mich. Und ich wünsche euch viel Vergnügen im Hotel Matze mit Dr. Christina Jochim.
Gibt es eine Zahl darüber, wie viele Menschen in Deutschland eine Therapie bräuchten und wie viel einen Platz kriegen?
**Christina Jochim** (2:22)
So exakt leider nicht. Was es gibt, sind eben Zahlen, wie viele Menschen sind von psychischen Erkrankungen betroffen. Also da ist so die Zahl bei ungefähr 38 Prozent Jahresprävalenz. Das Robert Koch-Institut hatte eine Erhebung 2024, wo die sagen sogar 39 Prozent. Aber das war sozusagen eine Jahresdiagnoseprävalenz.
Also wie viele Menschen im Jahr einmal eine psychische Erkrankungsdiagnose hatten.
**Matze Hielscher** (2:48)
Wir reden von knapp 40 Prozent aller deutschen Menschen haben pro Jahr.
**Christina Jochim** (2:54)
Ja, also sicherer ist sozusagen in immer wieder wiederholten und langfristig angelegten epidemiologischen Studien diese circa 30 Prozent Zahl.
**Matze Hielscher** (3:04)
Wow.
**Christina Jochim** (3:04)
Ja. Das ist in der Zahl zu...
**Matze Hielscher** (3:06)
30 Prozent. Das kommt mir wahnsinnig viel vor.
**Christina Jochim** (3:10)
Ja.
**Matze Hielscher** (3:11)
Also...
**Christina Jochim** (3:12)
Ja.
**Matze Hielscher** (3:13)
Oder?
**Christina Jochim** (3:13)
Richtig.
Das ist viel. Ja.
**Matze Hielscher** (3:17)
Und kann man...
Gibt es eine Zahl darüber, wie viele davon kommen in die... bekommen eine Behandlung und wie viele davon nicht?
**Christina Jochim** (3:24)
Das Robert-Koch-Institut hat dazu...
Letztes Jahr eine Zahl. Ich würde sagen, die Menschen mit einer psychischen Diagnose, die mal eine Behandlung in Anspruch nehmen, aber da wurde nicht differenziert, welche sozusagen genau... Also es kann auch sozusagen eine fachärztliche Behandlung, weil Psychotherapie ist ja eine Möglichkeit, aber...
**Matze Hielscher** (3:41)
Wir gehen gleich noch mal durch, was es alles gibt.
**Christina Jochim** (3:43)
Genau, was es sonst noch gibt. Da sind sagen Menschen mit einer psychischen Erkrankung, davon sind ungefähr 40% in fachärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung. Nur 40%.
**Matze Hielscher** (3:56)
Das kommt mir dann wiederum sehr wenig vor von den 100%.
**Christina Jochim** (3:59)
Ja.
**Matze Hielscher** (4:00)
Okay, du hast mal gesagt, psychische Gesundheit ist für mich ein Schlüsselelement unserer Gesellschaft. Welche Tür kann es aufschließen?
**Christina Jochim** (4:09)
Insbesondere die Tür der Teilhabe und der Lebenszufriedenheit. Und letztendlich ist psychische Gesundheit für mich nicht nur ein Schlüssel der Gesellschaft, sondern eigentlich auch ein Fundament unserer Gesellschaft und Teil gesellschaftlicher Infrastruktur. Wir haben ja ganz häufig diesen Dualismus, also diese Trennung Körper-Psyche. Und wenn man eine körperliche Erkrankung hat, ist es meistens, man spricht halt darüber. Bei der psychischen Erkrankung wissen wir, stellt sich das ganze deutlich schwieriger an, dass da weniger darüber gesprochen wird. Also wie du schon sagst, 30% klingt wahnsinnig viel. Stimmt. Aber wenn wir dann noch mal genauer so hinhören, eigentlich kennt jeder irgendjemanden in der Familie, im Umkreis oder selbst mal so, der von der psychischen Erkrankung betroffen war oder ist. Das heißt, eigentlich ist das gar nicht so unsichtbar. Und gleichzeitig ist es das halt doch, weil eben dieses Stigma, Tabuisierung viele Jahrzehnte riesig war, in den letzten Jahren durchaus einen Abbau erfahren hat, aber immer noch absolut präsent ist.
Und das ist deshalb dann ein Schlüssel, weil es über körperliche Gesundheit einfach manchmal mitbestimmt.
Und ja eigentlich gar nicht trennbar ist. Das heißt, es geht Hand in Hand und hat deshalb eine Schlüsselposition. Und psychische Gesundheit entscheidet über Teilhabe. Also auch darüber, ob jemand arbeiten kann oder nicht. Ob jemand gut Beziehungen erleben, führen kann oder nicht. Ob man einem gesellschaftlichen Leben teilhaben kann oder nicht. Und damit wird es letztendlich zu einem tragenden, wichtigen Fundament.
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