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Gotland: Schwedens Ferieninsel wird zur Nato-Front gegen Russland

International

August 12, 2026

Die grösste Insel der Ostsee gehört zu den Tourismushotspots im hohen Norden. Nach dem Beitritt des über zwei Jahrhunderte lang neutralen Schwedens zur Militärallianz Nato wird Gotland nun aber zu einem militärischen Stützpunkt gegen Russland ausgebaut. Die Bevölkerung gerät zwischen die Fronten.
Speakers: Bruno Kaufmann, Henrik Sundberg, Ulrika Sundberg, Michael Claesson, Felix Prax

Topics: News

**SPEAKER_1** (0:01)
SRF-Audio.

**Bruno Kaufmann** (0:08)
Die Ostsee, das grösste Pragwassermeer der Welt. Wegen ihrer einzigartigen Mischung aus Salz und Süsswasser schmeckt sie ganz anders als viele andere Meere dieser Erde. Das Wasser der Ostsee tauscht sich nur einmal alle 30 Jahre aus. Und auch geopolitisch erlebt das Meer mit seinen neuen Anrainerstaaten in diesen Abständen einen grossen Wandel. Ein solcher findet gerade statt auf der grössten Insel der Ostsee, auf Gotland. Seit Russland die Ukraine angegriffen hat, ist das Leben hier nicht mehr dasselbe.
Auf Gotland üben an diesem Tag schwedische und ausländische Soldatinnen und Soldaten einen möglichen Drohnenangriff aus dem Osten.
Mit dem Beitritt Schwedens zu NATO vor zwei Jahren hat sich die Stellung und Rolle von Gotland über Nacht verändert, sagt der stellvertretende Chef des neu eingerichteten Regimentes der schwedischen Armee auf der Insel Joakim Marklund.

**Henrik Sundberg** (1:16)
Wir haben eine neue Situation. Jetzt muss Gotland nicht einfach verteidigt werden, sondern als offensiver Stützpunkt für Aktionen in Richtung Ostendiehe.

**Bruno Kaufmann** (1:29)
Die populäre Ferieninsel Gotland, mitten in der Ostsee, gerät ins Fadenkreuz der Geopolitik. Was heisst das für diesen abgelegenen Teil Schwedens? Und wie reagieren die Gotländerinnen und Gotländer auf die plötzliche Zeitenwende? International, ich heisse Bruno Kaufmann.
Die Anfahrt in das kleine Dorf Katamarsvik von der Hauptstadt Stockholm aus nimmt fast einen ganzen Tag in Anspruch. Zuerst mit dem Zug an den Hafen auf dem Festland, dann vier Stunden mit der Fähre nach Wiesbü, dem Hauptort von Gotland und dann mit dem Überlandbus quer über die Insel, die etwas kleiner ist als der Kanton Watt. Ich bin der einzige Fahrgast an diesem Nachmittag und steige im Zentrum von Katamarsvik aus. Hier gibt es neben einer Bushaltestelle auch ein Anschlagbrett sowie ein kleines Lebensmittelgeschäft und ein bückte Gurt, ein Gemeinschaftszentrum für die knapp 1000 Einwohnerinnen und Einwohner der Ortschaft.
Aus einem parkierten Auto steigt eine freundliche Frau mit kräftigem Händedruck, Brille und blonden Haaren. Sie stellt sich als Ulrika vor und nimmt mich auf ihren Hof.

**Ulrika Sundberg** (3:02)
Schon als Kind stellte ich mir vor, hier auf diesem Bauernhof zu wohnen. Damals waren wir oft in den Ferien auf Gotland. Später kauften meine Eltern den Hof und jetzt haben wir diesen übernommen.

**Michael Claesson** (3:14)
Die Kinder fragten uns, ob wir ihn nicht verkaufen konnten.

**Bruno Kaufmann** (3:18)
Das war vor drei Jahren. Zusammen mit ihren drei Kindern bewirtschaften Ulrika und Henrik Sundberg jetzt das 42 Hektar grosse Gut mit Weiden und Gemüsegärten. Es gibt Gänse und Hühner, die frei auf dem Gelände herumschreiten.
Der 13 Jahre alte Vigo schaut jeden Tag nach der Schule zum Rechten im Gelände, wo sich die Schafe aufhalten.

**Henrik Sundberg** (3:46)
Ich brauche etwa eine Stunde, um zu sehen, wo alle Schafe sind. Das mache ich mit meinem Velo.

**Bruno Kaufmann** (3:54)
Vigo besucht eine Sekundarschule, etwa 40 Minuten entfernt von Katamashvik. Sein vier Jahre älterer Bruder Vidar fährt täglich ins fast zwei Stunden entfernte Wiesbüh. Nur die gerade zehn Jahre alte Daisy kann noch eine Primarschule im Dorf besuchen. Hier unterrichtet auch Vater Henrik.
Mutter Ulrika betreibt auf dem Hof eine Sattlerei und arbeitet zwei Tage in der Woche in einem Gesundheitszentrum als Krankenschwester in Wiesbüh.

**Ulrika Sundberg** (4:25)
Wir wohnen nicht hier, weil wir Geld sparen wollen. Alles auf Gotland ist teuer.
Aber wir haben diesen Lebensstil selber gewählt, weil es uns hier so gut gefällt und wir viele Freiheiten haben.

**Bruno Kaufmann** (4:37)
Tatsächlich liegen die Boden- und Hauspreise auf Gotland weit über dem schwedischen Durchschnitt. Das hat nicht zuletzt mit dem hohen Anteil an Zweitwohnungen zu tun. In Katamarschwy liegt dieser bei fast 75 Prozent. Gotland gilt das Ferienparadies. 60'000 Menschen leben hier fix. Der Traum vom Eigenheim auf der sonnigen Ostseeinsel lockt nicht nur junge Familien wie die Sundbergs an, sondern eben auch viele gut betuchte Festlandschwedinnen und Schweden, die für ein paar Monate jeden Sommer die Einwohnerzahl Gotlands vervielfachen. In diesem Jahr aber begann sich dieses gewohnte Bild zu verändern. Denn zusätzlich zu den Fährschiffen vom schwedischen Festland, mit denen Wohnmobile und vollgepackte Volvos auf die Insel gelangen, kommen immer öfters auch Marinefahrzeuge in gotländischen Häfen an. Mit diesen gelangen Panzer, Transporter und Rettungswagen nach Gotland und Tausende von Soldatinnen und Soldaten, die den Ernstfall proben. Nach Jahrzehnten der Demilitarisierung ist das Militär zurück und es macht sich auch deutlich bemerkbar.
Zudem fällt auf, dass bei Grossmanövern, wie zuletzt vor dem Sommer bei Aurora 26, nicht mehr Schwedisch, sondern Englisch gesprochen wird.
Für den erfahrenen Berufsoffizier, Oberstleutnant Joachim Marklund, den ich am Rande einer Stabsübung im Inseln-Innen treffe, kam dieser Wechsel sehr rasch.

**Henrik Sundberg** (6:21)
Alle unsere Befehle und Aufträge werden heute in Englisch kommuniziert. Noch vor einem Jahr war Schwedisch die Verkehrssprache. Das ist schon eine grosse Veränderung.

**Bruno Kaufmann** (6:33)
Joachim Marklund leitet stellvertretend das neu etablierte Regiment der schwedischen Armee auf Gotland. Seine Karriere widerspiegelt die geopolitischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte.

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