**SPEAKER_1** (0:01)
SRF Audio.
**Susanne Brunner** (0:10)
Im Spätsommer 2023 ruft der Muezzin im Flüchtlingslager Dschenin im besetzten Westjordanland noch zum Gebet. Es gibt die Moschee noch, ebenso das Freedom Theatre. Von diesem Theater bleibt mir besonders das Lachen der Kinder, die im Kreuzfeuer zwischen Israeli und Palästinensern aufwachsen.
Einen Monat bevor der verheerendste Krieg ihres Lebens beginnt, besuche ich in Dschenin eine Theateraufführung.
Mit humorvoller Unerschrockenheit wagt sich dieses Theater an jedes politische und gesellschaftliche Tabuthema. Dafür wird es selbst wiederholt zur Zielscheibe. Aber nie so heftig wie Ende 2023 Die israelische Armee zerstört das Theater, vertreibt die gesamte Bevölkerung und nimmt den Theaterdirektor Mustafa Sheta fest.
**Mustafa Sheta** (1:19)
Die Soldaten kamen von allen Seiten, um mich zu verhaften. Durch den Garten, sogar vom Dach. Überall standen Jeeps. Ich kam mir vor wie ein gesuchter Top-Terrorist. Wie Osama Bin Laden.
**Susanne Brunner** (1:35)
15 Monate verbringt Mustafa Sheta im Gefängnis und das Theater in Dschenin, das in den letzten 20 Jahren viele Angriffe überlebt hat, scheint endgültig tot. Aber Totgesagte leben länger. Das Theater ist noch nicht am Ende. Drei Jahre später will ich wieder zu diesem Theater reisen, das sich einfach nicht mundtot machen lässt. International. Ich heisse Susanne Brunner.
Ob wir es überhaupt nach Dschenin schaffen, wissen meine Begleiterin und ich am Anfang unserer Reise nicht. Wir starten an einem Donnerstagmorgen im Juni in Ramallah, im militärisch besetzten Westjordanland. Unter normalen Umständen würde man mit dem Auto etwa zwei Stunden rechnen. Aber die Sicherheitslage ist so angespannt, dass wir dafür einen ganzen Tag einplanen. Im Westjordanland gibt es hunderte von Checkpoints, reguläre der israelischen Armee und irreguläre. Unser israelisches Autokennzeichen erlaubt uns zwar die Benutzung von Straßen, auf denen Palästinenser gar nicht fahren dürfen. Aber selbst mit solchen Privilegien verläuft eine Fahrt von A nach B im Westjordanland selten problemlos. Der erste Checkpoint aus Gangs Ramallahs ist zum Glück unbemannt und offen. Wenn die Armee Kontrollen mache, verzögere sich die Fahrt um bis zu einer Stunde, sagt meine ortskundige Begleiterin.
Nach dem Checkpoint ist die Strasse neu, kilometerlang, beidseitig von israelischen Flakken gesäumt. Israel enteignet stetig mehr der 3,3 Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser und markiert seinen Alleinanspruch auf das Westjordanland. Mit Flakken und Schildern wie Der Messias kommt oder Wir sind nach Hause zurückgekehrt.
Mehr Siedlungen, Gewalt und Straßensperren. Auf der Fahrt von einer palästinensischen Ortschaft zur anderen gibt es mittlerweile so viele Hindernisse, dass sie ein Lokalradio in doppelter Geschwindigkeit aufzählt, um sie in einer Sendeminute unterzubringen.
Wir müssen also mit allem rechnen.
Aber nach genau zwei Stunden kommen wir am Stadtrand von Dschenin an. Ohne einen einzigen Zwischenfall.
Lokale Kontakte raten uns, nicht im Zentrum zu übernachten. Dort komme es oft zu kämpfen zwischen israelischen Soldaten und militanten Palästinensern. Eine kurze Autofahrt und wir sind im Zentrum. Über 70'000 Menschen leben in Dschenin. Hier entstand in den frühen 50er Jahren nach der Staatsgründung Israels ein Lager für palästinensische Flüchtlinge. Im Laufe der Zeit wurde dieses zum Stadtteil, blieb jedoch ein Brennpunkt der Gewalt. Dschenin mit seiner historischen Altstadt, seiner grossen Universität und seinen vielen Cafés und Restaurants wird oft mit dem Flüchtlingslager gleichgesetzt. Von Reisen nach Dschenin wird abgeraten. An diesem Tag wirkt die Stadt friedlich und beliebt. Kriegsschäden an Stromleitungen, Strassen und Häusern sind noch sichtbar, besonders in der Nähe des Flüchtlingslagers. Wir biegen in die Strasse ab, die zum Lager und zum Theater führt. An die improvisierte Kaffeebude auf halbem Weg kann ich mich nicht erinnern. Der Besitzer und ein paar Männer, die auf ihren Kaffee warten, warnen uns.
**Mustafa Sheta** (5:42)
Ins Lager gehen ist verboten.
Es ist jetzt militärische Zone, die schiessen, wenn du weitergehst. Es hat überall Überwachungskameras.
**Susanne Brunner** (5:52)
Der Kaffeebudenbesitzer und seine Kunden erzählen von Bombenangriffen.
Sie seien geflüchtet, vertrieben worden, hätten alles verloren. Wie tausende andere Bewohnerinnen und Bewohner das Lagersund seiner Umgebung auch. Das Lager gibt es heute nicht mehr.
**Mustafa Sheta** (6:12)
Hinter dem Gebäude da ist alles Schutt und Asche.
**Susanne Brunner** (6:15)
Besonders bitter sei es, dass die palästinensische Autonomiebehörde den Israeli geholfen habe. Im Kampf gegen militante palästinensische Gruppierungen in Dschenin töteten Palästinenser auch einander.
Das Freedom Theatre griff auch solche Themen auf. Die palästinensische Führung, die Hamas, der islamische Jihad, die israelischen Besatzer. Alle bekamen ihr Fett weg.
Die geistige Mutter des Theaters war die jüdische Menschenrechtsaktivistin Arna Mer-Chamis. Sie widmete sich auf den ersten Palästinenseraufstand 1987 zusammen mit palästinensischen Frauen der Arbeit mit Kindern im Flüchtlingslager Dschenin. 1993 bekam sie dafür den Alternativen Nobelpreis. 2006 gründete ihr Sohn Juliani das Freedom Theatre. Zusammen mit Zakaria Zubaidi. Für Palästinenser ein legendärer ehemaliger Widerstandskämpfer. Für Israel ein Terrorist. Die Waffen des Theaters sind Worte, nicht Gewehre. Oder wie es der Freedom Theatre-Gründer Juliano Mer-Chamis in einem Video sagte.
**Mustafa Sheta** (7:35)
Zuerst kommt die freie Meinungsäußerung. Erst dann kann es Freiheit von der Besatzung und allen anderen Zwängen geben.
5 more minutes of transcript below
Try it now — copy, paste, done:
curl -H "x-api-key: pt_demo" \
https://spoken.md/transcripts/1000651996090
Works with Claude, ChatGPT, Cursor, and any agent that makes HTTP calls.
From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire.
Using your own key:
curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
https://spoken.md/transcripts/1000776860752