Topics: News
**Samuel Lemsch** (0:07)
In einer Halle zwischen riesigen Gewerksäusern rotten Plastikplatten mit zylinderförmigen Vertiefungen über ein Fliesband. Maschinen füllen Erde in die Vertiefungen und stecken Samen in die Erde.
**Duan Gehong** (0:22)
120'000 Samen werden hier in 5 Stunden gepflanzt.
**Samuel Lemsch** (0:26)
So viel wie 60 Bauern in einem Tag schaffen, sagt die Zuständige des Agrarkonzerns Transfarm. Sie geht zu einem garagengrossen Metallkubus, der an einen Balkentresor erinnert. Als sie die grosse Türanspalt öffnet, kommen uns Nebelschwaden entgegen. Im grellen Licht sind durch den Nebel die Konturen von Gestellen mit hunderten Tablaren zu erkennen.
**Duan Gehong** (0:54)
Hier keimen unsere Pflanzen. Wir können Licht, Feuchtigkeit und Temperatur kontrollieren.
So sprießen die Pflanzen nach drei Tagen. In der Natur würde dies acht bis fünfzehn Tage dauern.
**Samuel Lemsch** (1:06)
Die chinesische Landwirtschaft wird gerade auf Hochleistung getrimmt.
**SPEAKER_3** (1:12)
China muss seine Reisschüssel selbst in den Händen halten und sie vor allem mit Getreide aus eigenem Anbau füllen.
**Samuel Lemsch** (1:22)
Diese Aufforderung ruft der chinesische Präsident Xi Jinping seinen Parteikadern regelmässig in Erinnerung. Ernährungssicherheit hat oberste Priorität für den Staatschef, der in seinen Jugendjahren Selbsthunger erlebt hat. Heute produziert China so viel Lebensmittel wie sonst niemand auf der Welt. Dennoch ist es stärker denn je auf Importe angewiesen. Und im Streben nach maximaler Produktivität bleiben die Kleinbauen auf der Strecke.
Das ist International, mein Name ist Samuel Lemsch.
Fabrikgrosse Gewächshäuser reihen sich im Dörfchen Xiexia in der südchinesischen Provinz Zhejiang aneinander. Manshohe Nomen beschriften die Treibhäuser des Transfarkonziens. Bei B3 gehen wir rein. Hier trennen Glaswände Wohnzimmergrosse Parzellen voneinander. Die 28-jährige Duan Gehong tippt einen Geheimcode ein, um die Tür zu ihrer Klimakammer zu öffnen. In der feuchtwarmen Zelle wachsen Mais, Raps und Tomaten. Es sind alles neue Sorten, die Duan mit ihrem Start-up Woü entwickelt hat und hier eingemietet beim Grosskonzern Transfar zu Mark 3 verzüchten will.
**Duan Gehong** (2:50)
Unser Labor und unser Büro sind gleich da, die Strasse runter.
Dort machen wir den Grossteil der Arbeit. Hier züchten wir die Pflanzen.
Zusätzlich haben wir ein Feld, das 6-7 Mu gross ist, wo wir beobachten, wie unsere Pflanzen in einer natürlichen Umgebung wachsen.
**Samuel Lemsch** (3:09)
6-7 Mu, das sind rund 4000 Quadratmeter, auf denen die gentechnisch veränderten Pflanzen getestet werden.
**Duan Gehong** (3:21)
Wir nutzen die CRISPR-Technologie, um den Nährstoffgehalt, die Krankheitsresistenz und den Ertrag von Nutzpflanzen zu verbessern. Wir entwickeln Sorten, die sich besser für die Landwirte eignen und ihnen höhere wirtschaftliche Erträge ermöglichen.
Sobald wir Entwicklungen aus dem Labor in die Praxis überführen, testen wir sie hier, um zu sehen, wie sie sich unter realen Bedingungen tatsächlich bewähren.
**Samuel Lemsch** (3:47)
Wir setzen uns auf Schemel zwischen Töpfen. Duan zeigt auf einem Pflänzchen neben uns.
**Duan Gehong** (3:56)
Hier zum Beispiel Raps.
Dieser Raps ist resistent gegen Sklerotien, den Rapskrebspilz. Wenn dieser in den Zellkern eindringt, stirbt die Pflanze. Diese Pflanze ist jedoch resistent. So ist es für den Pilz schwieriger, in die Pflanze einzudringen.
**Samuel Lemsch** (4:16)
Die junge Unternehmerin merkt, dass uns die technischen Fachbegriffe herausfordern. Trotz einer gewissen Skepsis in der Bevölkerung hat China gentechnisch veränderte Pflanzen zugelassen. Bis eine neue Sorte angebaut werden darf, ist der Weg durch die Behörden allerdings lang und kompliziert. Das bremst die Forschung und Entwicklung. Pflanzen, die mit der Genschere CRISPR verändert wurden, können deshalb seit wenigen Jahren vereinfacht registriert werden. Peking hat die Vorgaben gelockert.
Schliesslich muss China 17% der Weltbevölkerung ernähren und das mit lediglich 8% der globalen Ackerfläche. Dafür setzt China unter anderem auf Gentechnik.
Regierungsvertreter bezeichneten Saatgut dabei auch schon mal als Microchips der Landwirtschaft. Duan dreht sich auf dem Hocker und nickt in Richtung Tomaten am Rand der Parzelle.
**Duan Gehong** (5:16)
Gewisse Anträge werden derzeit bearbeitet, einige wurden bereits genehmigt.
**Samuel Lemsch** (5:23)
Das Start-up erhält bei bürokratischen Prozessen Unterstützung von Transfah.
Der Konzern baut hier im Dorf Sietia ein Innovationszentrum für die chinesische Landwirtschaft. Labore und Gewächshäuser stehen bereits und über sieben Quadratkilometer Landwirtschaftsland in den umliegenden Dörfern sind gepachtet. Unterstützt wird das Projekt von den lokalen Behörden und öffentlichen Forschungszentren. Das Ziel ist, bis in fünf Jahren 200 Start-ups und Agrarunternehmen anzulocken, die hier neben neuen Pflanzensorten auch innovative Zuchtmethoden und Verarbeitungsprozesse für Lebensmittel entwickeln. China will auch in der Landwirtschaft weltweit Spitze werden. So wie die bekannten chinesischen Elektroautos, Roboter und die künstliche Intelligenz soll auch die Agronomie global führend sein.
Boyu gehört zu den ersten Start-ups, die aufs Land gezogen sind.
**Duan Gehong** (6:30)
Ein Grund ist, dass die Infrastruktur hier insgesamt relativ gut ausgebaut ist, etwa mit Laboren, Forschungseinrichtungen, Gewächshäusern und Versuchsfeldern. Zudem bestehen vorgelagerte Verbindungen zu Forschungsinstituten und nachgelagerte Verbindungen zu Anbau- und Verarbeitungsunternehmen.
Dadurch ist die gesamte Wertschöpfungskette vollständig miteinander verknüpft.
**Samuel Lemsch** (6:58)
Geschäftlich macht das Sinn.
Persönlich sei es für die junge Unternehmerin aber schwierig gewesen, wieder von der Stadt aufs Land zu ziehen. Duan zuckt mit den Schultern.
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