**SPEAKER_1** (0:01)
SRF-Audio.
**Anna Drexel** (0:11)
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahus als Arzt computergeneriert. Im weissen Kittel mit Stethoskop tritt er in diesem KI-Video auf. Die Patienten sind drei landesweit bekannte Journalisten und scharfe Kritiker des Premiers. Der eine hat die Korruptionsaffären aufgedeckt, wegen derer der Premier vor Gericht steht, auch der zweite bezichtigte Netanjau der Misswirtschaft. Der dritte hat über schwerste sexuelle Folter an einem palästinensischen Gefangenen berichtet. Netanjau spricht von Obsessionen, Angstzuständen und Negativismus. Zum Glück gibt es eine Kur, sagt Dr. Netanjau im Video, schaltet den Fernseher aus.
Netanjaus Medienleute haben sich das ausgedacht. Es ist die Imitation eines KI-Videos des US-Präsidenten, in dem ein Dr. Trump seine Kritiker heilt. Es ist Wahlkampf in Israel. Im Oktober werden ein neues Parlament und eine neue Regierung gewählt. Nach vier Jahren unter der radikalsten Regierung seit der Staatsgründung fürchten viele Israeli um die Zukunft ihres Landes als demokratischer Rechtsstaat. Auch die Rolle der Medien steht zur Debatte. Medien, von denen Netanjahu behauptet, sie hätten sich gegen ihn und seine Anhänger verschworen. Doch es gibt einen Fernsehsender, der sich stramm rechts positioniert und Netanjahu treu zur Seite steht. Das ist die Sommerausgabe von International über Israels Kanal 14 Ich bin Anna Drexel.
Die Studios von Kanal 14 befinden sich in einem Aussenquartier von Modiin, einer Stadt auf halber Strecke zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Irit Linur holt mich am Empfang ab, eine Veteranin des israelischen Journalismus, wie sie selber sagt. Linur ist politische Kommentatorin beim Sender, Mitte 60, trägt die braunen Haare zum Dutt hochgesteckt, dunkle Brille, eleganter grauer Anzug.
In der Garderobe zwischen Kleiderständern und Schminkspiegeln finden wir Platz für ein Gespräch über die abendliche Polit-Talkshow Ha Patriotim, Die Patrioten, in der Linur auch an diesem Abend mit ihren sechs Mitpanalisten die israelische Politik setzieren wird.
**Irit Linur** (2:45)
Die Sendung gibt es seit 10, 12 Jahren. Wir haben klein angefangen, lange kannte uns niemand, nur unsere Konkurrenz und die hasste uns.
**Anna Drexel** (2:59)
Die Konkurrenz, das sind vor allem der öffentlich-rechtliche Kanal 11 und die kommerziellen Sender 12 und 13
**Irit Linur** (3:08)
Wir hatten kaum Einschaltquoten. Die linken Medien machten sich über uns lustig.
**Anna Drexel** (3:15)
Und dann änderte sich alles. Die Wahlen vor vier Jahren brachten eine ultra-rechte Regierung ans Ruder. Deren Versuche, die israelische Justiz nach ihren Vorstellungen umzubauen, führten Anfang 2023 zu Massenprotesten.
**SPEAKER_4** (3:33)
Während der Protest gegen die juristische Reform sind die Mainstream-Media verrückt.
**Irit Linur** (3:41)
Es passierten zwei Dinge gleichzeitig. Die Mainstream-Medien drehten durch. Sie verkauften ihren Zuschauern das Horrorszenario Israel werde zur Diktatur. Das grenzte an eine Massenpsychose.
Und zur selben Zeit investierten die Besitzer in den Sender. Wir wurden besser und professioneller.
Das Publikum hatte genug von diesem Geschwätz über Diktatur und das Ende der Demokratie. Genug von all den Verrückten, die die Proteste organisierten. Das war einfach widerlich.
**SPEAKER_4** (4:26)
Und dann hatten wir einen Bump in den Ratings.
**Anna Drexel** (4:33)
Die Einschaltkoten stiegen. Der Sender ist nun die Nummer 2 hinter Kanal 12
Kritiker sagen, die Sendung, Die Patrioten, sei Benjamin Netanjahus Sprachrohr.
**SPEAKER_4** (4:45)
Es ist verrückt. Es ist infantil.
**Anna Drexel** (4:50)
Irit Linur winkt ab. Lächerlich sei der Vorwurf infantil. Sie sei rechts und habe Netanjahus gewählt, weil sie an seine Politik glaube, wie eine Million andere Israeli auch.
Die altgediente Journalistin und Autorin Irit Linur war früher eine Linke. Sie habe aus ihren Ehrtümern gelernt, sagt sie.
Wie ein Chameleon, das sich seiner natürlichen Umgebung anpasst und die Hautfarbe wechselt, so passt sich auch ein fiktiver Journalist der politischen Landschaft an. Chameleon heisst der Roman des Schriftstellers und Rechtsanwalts Yishai Sarid. Ich treffe ihn in Tel Aviv zum Gespräch, auf einer Parkbank an einer Strasse unter schattenspendenden Bäumen.
**SPEAKER_5** (5:38)
Er ist 50 und lebt hier in Tel Aviv.
**Yishai Sarid** (5:51)
Es ist die Geschichte von Shaitamouz, einem Mann um die 50 aus Tel Aviv. In den 90er-Jahren war Shai ein Starjournalist im Mittellinx-Milieu, ein gefragter Kommentator auch am Fernsehen. Aber im Zuge des Niedergangs des Print-Journalismus gerät er in Vergessenheit.
Seine Artikel interessieren keinen, seine Frau liebt ihn nicht mehr. Genügend Geld verdient er auch nicht.
**SPEAKER_5** (6:17)
His wife doesn't love him very much anymore. He doesn't earn enough money. So his life is actually in shambles and he's looking for a way to reinvent himself.
**Anna Drexel** (6:29)
Das Leben der Romanfigur? Ein Trümmerhaufen. Shai Tammuz will sich selber neu erfinden und seinen grössten Wunsch realisieren, wieder im Fernsehen aufzutreten.
Wie ihm das gelingt? Durch Anpassung, wie ein Chameleon eben.
**Yishai Sarid** (6:53)
Er versteht, dass sich etwas verschoben hat in Israels Politik und Gesellschaft. Die Menschen wenden sich scharf nach rechts, werden nationalistischer. Will er ein mediales Comeback, muss er sich anpassen. Und es eröffnet sich tatsächlich eine Chance. Ich hoffe, sie lesen das im Buch nach.
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