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ZEITREISE: Wie Putins Reich schon einmal zerfiel. Mit Claudia Weber

RONZHEIMER.

August 1, 2026

1991 verschwand mit der Sowjetunion eines der mächtigsten Imperien der Welt – überraschend, rasant und weitgehend friedlich. Doch warum zerbrach das System ausgerechnet, als Michail Gorbatschow es mit Glasnost und Perestroika retten wollte?
Speakers: Filipp Piatov, Claudia Weber
**Filipp Piatov** (0:00)
Herzlich willkommen bei Zeitreise, dem History-Format im Ronzheimer Podcast. Mein Name ist Philipp Piertow, ich bin Journalist und Kollege von Paul Ronzheimer. Und bei Zeitreise spreche ich mit Experten über Themen, die zwar schon eine Weile her sind, aber uns bis heute sehr beschäftigen, weil sie eben größte politische Relevanz haben. In der heutigen Folge geht es um ein Ereignis, das für meine Familie und mich ein ganz großer Segen war. Aber für den russischen Präsidenten beziehungsweise Diktator Vladimir Putin war es die größte geopolitische Katastrophe des 20 Jahrhunderts.
Im Jahr 1991, meinem Geburtsjahr, hörte die Sowjetunion auf zu existieren und zerfiel in ihre Einzelteile. Und manch ein Experte sprach da vom Ende der Geschichte und ganz viele Menschen dachten, dass jetzt alles freier und friedlicher wird. Und jetzt, 35 Jahre später, sehen wir erneut einen großen Konflikt zwischen Russland und dem Westen. Wir haben einen Krieg in Europa. Und es ist auch nicht auszuschließen, dass der Krieg womöglich noch größer wird. Und wenn man nach Russland schaut, dann sieht man, dass jede Art von Demokratie und Freiheit eigentlich im Keim erstickt wurde. Wie konnte das passieren? Was ist da schiefgelaufen und hat vielleicht auch der Westen Fehler gemacht? Darüber spreche ich heute mit der Historikerin Claudia Weber. Sie ist Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viedrina in Frankfurt an der Oder und eine der besten Expertinnen, wenn es um die Geschichte Osteuropas geht.
Frau Weber, herzlich willkommen.

**Claudia Weber** (1:43)
Ja, vielen Dank. Freue mich, hier zu sein.

**Filipp Piatov** (1:45)
Das ist sehr, sehr schön. Auf Wikipedia in ihrem Eintrag steht, dass sie 1987 angefangen haben zu studieren.
Da war ja die Perestroika, also die Modernisierung der Sowjetunion, etwa ein Jahr alt. War damals schon klar, dass die Sowjetunion zerfallen würde? Lag da schon irgendwas in der Luft? Oder was war das damals für eine Stimmung?

**Claudia Weber** (2:08)
Na ja, in der Luft lag schon einiges. Also zunächst einmal eine große Verwunderung, dass sich da etwas bewegt in der Sowjetunion. Die man ja, wir hatten uns angewöhnt in den Jahren zuvor unter Andropov und Schenenko, als so ganz oder auch Brezhnev, die letzten Brezhnev Jahre, die große Zeit der Stagnation, die so wahrzunehmen, als etwas ganz Festes. So der unumstößliche Bruder im Osten. Also so wurde das ja in der DDR mal, wurde die Sowjetunion in der DDR mal bezeichnet. Und dann kam plötzlich was in Gang und ich erinnere mich gut daran, dass ich in Leipzig studiert.
Zur Dokfilmwoche liefen plötzlich kritische Filme, die sich mit der Umweltgeschichte auseinandergesetzt haben.
Rasputin schrieb so was wie Abschied von Majora. Also plötzlich gab es eine interessante Literatur. Wissen Sie, wir haben uns nicht für die Literatur aus der Sowjetunion interessiert als junge Menschen. Aber wir haben uns natürlich für die westliche Literatur interessiert. Und plötzlich ist das ja spannend, was aus der Sowjetunion kommt. Nie war etwas spannend, was aus der Sowjetunion kam.
Und wir entdeckten plötzlich Liedermacher, die natürlich viel älter schon waren, aber wie Wladimir Wissotski. Und die Sowjetunion wurde plötzlich interessant. Und ich erinnere mich gut daran, dass dann im Laufe so 1987, 1988 uns die DDR viel verknöcherter vorkam als die Sowjetunion. Da passierte plötzlich was. Da fing man an über Stalin zu sprechen. Und man fing an, Dinge aus der Geschichte zu benennen, von denen ich einfach nichts wusste. Also meine Eltern vielleicht, aber ich wusste davon überhaupt nichts. Von den stalinistischen Säuberungen. So, das passierte alles. Aber damit gerechnet, dass die Sowjetunion untergeht. Also dass 1991 im Dezember dann sozusagen die Auflösung der Sowjetunion passiert. Das war unvorstellbar. Also das Motto von Gorbatschow war doch Glasnost und Perestroika. Das waren doch diese beiden Schlagworte. Also Glasnost, beschäftigen wir uns durchlässiger, transparenter mit dem, was in der Vergangenheit passiert ist. Also mit dem Archipel Gulak, Salchenglitzin. Alles Bücher, die man natürlich in der DDR ja überhaupt nicht lesen konnte. Ich erinnere mich an Ribakov, hieß er, glaube ich. Die Kinder vom Abad. Also die Bücher wurden dann, ich war ja dann so in mein Teenager, langsam ging ich auf die 20 zu. Also plötzlich tauschten wir diese Bücher aus und lasen die mit großem Interesse. Also das war Glasnost. Am Perestroika war dann natürlich die Reform dieses Systems. Das hat uns weniger interessiert als junge Menschen. Mich hat vor allen Dingen die Geschichte interessiert und was da eigentlich gewesen ist.
Aber dass die Sowjetunion dadurch zusammenfallen würde, nein.

**Filipp Piatov** (5:25)
Sie sind in Ostdeutschland aufgewachsen. Was für ein Bild hatten Sie damals als auch Bürgerin der DDR von der Sowjetunion? Was ist ein Bild davon? Und auch was für ein Verhältnis?

**Claudia Weber** (5:38)
Na ja, es gibt nicht ein Bild, das wir, würde ich auch für meine Generation sagen, von der Sowjetunion hatten. Also ich muss vielleicht dazu sagen, und so kann ich das auch ganz gut illustrieren. Ich wollte unbedingt Germanistik studieren in der DDR, aber ich komme aus einem kleinen brandenburgischen Dorf. Und da konnte man nicht Germanistik studieren. Also das war für mich ganz unmöglich. Und weil da gab es nur drei, vier Studienplätze in der ganzen DDR und so ein No Name irgendwie aus einem brandenburgischen Dorf studiert, nicht Germanistik. Und darum war ich abgelehnt und bekam dann den Vorschlag, also die Umlenkung, so nannte sich das in der DDR, Deutsch-Russisch-Lehrerin zu werden. Und das zeigt eigentlich ganz schön meine Haltung gegenüber der Sowjetunion. Ich habe mich so geschämt.

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