**Mareike Aden** (0:07)
Die Brexit-Entscheidung von vor zehn Jahren, sie halt nach, auch in diesem Club im Zentrum von Manchester, im Norden Englands. Auf der Bühne die Punkband Witch Fever. Die vier Bandmitglieder wollen an diesem Abend das Finale ihrer Großbritannientour feiern. Seit einigen Jahren stehen sie bei einem großen Label unter Vertrag.
Um auch international bekannter zu werden, touren sie bald auch durch einige EU-Länder. Doch der Brexit macht ihnen und der ganzen britischen Musikszene das Leben schwer, sagt Alex Thompson, die Bassistin von Witch Fever.
**Alex Thompson** (0:39)
Vor dem Brexit konntest du einfach so in den Van springen und auf Tour gehen. Man musste sich eigentlich um nichts kümmern. Du hast einfach Merch wie T-Shirts mitgenommen und los. Damit verdienen Bands ja das meiste Geld.
Du bist gefühlt eine glorifizierte T-Shirt-Firma. Aber seit dem Brexit kannst du keine Ware mitnehmen, ohne Abgaben zu bezahlen. Auf dem Hinweg und zurück.
**SPEAKER_3** (1:02)
10 Jahre Brexit kommt die Kehrtwende von ARD-Korrespondentin Mareike Aden.
**Mareike Aden** (1:08)
Hier in Großbritannien können sie problemlos T-Shirts, Platten, Aufnäher verkaufen. Das bringt das Geld, das Witch Fever dringend braucht. Trotz Labelvertrag haben alle von ihnen noch Nebenjobs, um sich ihre Leidenschaft zu finanzieren, erzählt Sängerin Amy Walpole.
**Dylan Law** (1:25)
Auf Konzerten und auf Instagram und so, da sehen die Leute ausverkaufte Shows, große Auftritte. Sie sehen, dass wir einen Vertrag mit einem großen Label haben und glauben, wir sind wirklich erfolgreich.
**SPEAKER_5** (1:36)
Aber in Wirklichkeit kämpfen wir immer noch damit, genug Geld zum Leben zu haben und klarzukommen.
**Mareike Aden** (1:45)
Vor 10 Jahren beim Brexit-Referendum waren drei der vier Bandmitglieder gerade alt genug und stimmten für den EU-Verbleib. Bassistin Alex Thomson erinnert sich genau an den Moment, als sie herausfand, Großbritannien hatte knapp für den Brexit gestimmt.
52 zu 48 Prozent.
**Alex Thompson** (2:03)
Ich war beim Glastonbury Festival. Es war fast wie Weltuntergang. Die meisten Leute da sind ja eher links und waren pro EU.
Es war traurig, so im Zelt aufzuwachen.
**Mareike Aden** (2:15)
Gitarristin Alicia Yawut war damals noch 17, zu jung, um wählen zu dürfen. Vielleicht, so scherzt sie mit den anderen im Green Room, hätte ihre Stimme den Unterschied gemacht.
**Alex Thompson** (2:24)
Ich war 17, aber wenn ich gewählt hätte, wüsste ich, was ich wählen würde.
**Samuel Hussay** (2:28)
Vielleicht hätte ich den Unterschied gemacht.
**Mareike Aden** (2:32)
Mit der Brexit-Entscheidung und ihren Folgen muss auch Witch Fever leben. Zahlen der größten britischen Musikgewerkschaft zeigen, für 59 Prozent der britischen Bands lohnen sich EU-Touren seit dem Brexit finanziell nicht mehr.
Witch Fever hat sich damit abgefunden, dass sie in Europa vermutlich draufzahlen werden. Aber jetzt geht es erst einmal in Manchester auf die Bühne und in ein paar Tagen dann auf Tour.
Die Bürokratie und die Zollvorschriften, die der EU-Austritt mit sich gebracht hat, sie schaden der britischen Wirtschaft insgesamt. Es gibt weniger Handel und Investitionen. Handelsabkommen mit Ländern wie Australien, Indien oder einem Zusammenschluss von Pazifik-Nationen haben das Fehlen des EU-Binnenmarktes nicht kompensieren können. Wegen des Brexit ist die britische Wirtschaftsleistung massiv kleiner ausgefallen und bis zu 8 Prozent so eine Studie der US-Universität Stanford. Und all das trifft besonders Menschen mit geringem Einkommen. Und darum auch viele junge Briten. Der Londoner Dylan Law war 10 beim Referendum. Der heute 20-Jährige wuchs in eher armen Verhältnissen im Londoner Stadtteil Hackney auf.
**Dylan Law** (3:41)
Durch den Brexit hat unser Land so viel Geld verloren, dass Geld hätte in unsere Gemeinden gehen können. Und dann heißt es oft, wir können das nicht ändern. Aber das war damals einfach eine schlechte Entscheidung. Jetzt reden viele über ein zweites Referendum. Ja, ich möchte ein zweites Referendum.
**Mareike Aden** (3:56)
Umfragen zeigen, mehr als 80 Prozent der unter 25 Jährigen wollen zurück in die EU.
Es waren damals vor allem die Älteren, die die Brexit-Entscheidung trafen. Zahlen des Umfrageinstituts Lord Ashcroft direkt nach dem Referendum zeigten, je älter die Wähler, desto größer die Mehrheit für den Brexit. Bei den über 45-Jährigen stimmte eine knappe Mehrheit für den Austritt. Bei den über 65-Jährigen waren es schon 60 Prozent. Und außerdem nutzten viele jüngere Briten ihre Stimme nicht.
Dylan Law will, dass sich solche Fehler nicht wiederholen.
Er ist Mitglied der Green Party geworden, die derzeit bei jungen Britinnen und Briten die beliebteste Partei ist.
**Dylan Law** (4:36)
Ich verstehe, warum so viele in meinem Alter apathisch sind. Das heißt immer, wenn du das und das machst, dann gehst du zur Uni, findest einen guten Job und kannst dir Haus und Familie leisten.
Aber dieses Versprechen gilt nicht mehr. Kaum jemand kann sich eine Wohnung leisten.
Und wenn jemand dann z.B. mit 23 merkt, dass das Versprechen gebrochen wurde, dann glauben sie den Politikern nicht mehr. Sondern denken, die lügen. Und oft tun sie das ja auch.
**Mareike Aden** (5:09)
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