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WISSEN, MACHT, ORDNUNG - Homo Sovieticus, Idealtyp oder Opportunist?

Alles Geschichte - Der History-Podcast

January 23, 2026

Ein neuer Mensch für eine neue Gesellschaft: In den 1930er-Jahren setzt die Sowjetunion alles daran, den Homo Sovieticus hervorzubringen - einen kommunistischen Idealbürger. Durch gezielte Umerziehung sollte ein "Neuer Mensch" entstehen: angepasst, diszipliniert, politisch loyal.
Speakers: Fiona Rachel Fischer, Klaus Gestwar, Maja Soboleva, Alexander Zinoviev
**Fiona Rachel Fischer** (0:05)
Alles Geschichte, Der History-Podcast.

**SPEAKER_3** (0:14)
Man nehme einen starken Körper, Sportlichkeit, dazu einige Schöpfer Loyalität, jetzt noch eine gute Handvoll Bildung und eine Prise Leidenschaft. Dann ist er fertig.

**Fiona Rachel Fischer** (0:29)
Der neue Mensch.

**Klaus Gestwar** (0:34)
Ja, die Idee, dass sich der Mensch neu erfinden kann, dass er sich selbst transformiert, ist ja in der Menschheitsgeschichte wiederholt vorgekommen. Und die Vision vom neuen Menschen gehört, glaube ich, ganz zentral zu den sozialen und politischen Obsessionen des 20 Jahrhundert.

**SPEAKER_3** (0:52)
Sagt Klaus Gestwar, Direktor des Instituts für osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen. Spätestens seit der Verbreitung von Davins Evolutionstheorie weiß man, dass sich der Mensch entwickelt und nicht Gott gegeben ist. Also müsste man doch in diese Entwicklung eingreifen können.

**Fiona Rachel Fischer** (1:14)
Die junge Sowjetunion belässt es jedoch nicht nur beim Träumen. Die kommunistische Partei macht sich ans Werk, einen neuen sozialistischen Menschen zu erschaffen. Denn damit das mit dem Kommunismus klappen kann, da ist man sich unter den Revolutionären sicher, braucht es im ehemaligen Zarenreich eigentlich eine ganz andere Art von Mensch.

**SPEAKER_3** (1:35)
Für eine Herrschaft des Poletariats, die nach der Marxischen Theorie der Revolution folgen soll, benötigt man erst einmal eine Arbeiterklasse. Die gibt es per definitionem aber nur in einer Industriegesellschaft. Und das Zarenreich war keine.

**Klaus Gestwar** (1:53)
Die neuen Moskauer Machthaber sahen sich natürlich auch vor die Herausforderung gestellt, dass sie einen Staat übernahmen, der im Wesentlichen bäuerlich geprägt gewesen ist. Also im Jahr 1917 stellten über 80 Prozent der Bevölkerung des Sowjet Russlands damals noch Bauern und Nomaden da. Und dann ging es jetzt eben darum, auch eine soziale Machtbasis zu schaffen. Und diese soziale Machtbasis sollte eben durch die Formung eines neuen Menschen tatsächlich auch an Stabilität und auch an Festigkeit und Dauerhaftigkeit gewinnen.

**Fiona Rachel Fischer** (2:26)
Die Bewohner der Sowjetunion sollen eine schnelle Entwicklung durchlaufen und zu Menschen werden, die den Kommunismus errichten können.

**Klaus Gestwar** (2:34)
Und da gehört eben die Aufopferung für dieses sowjetische System ganz zentral dazu, das enthusiastische, das kämpferische, was damit verbunden gewesen ist, auch immer wieder das Aufopferungsvolle, dass man als Asket lebt, um eben seine ganze Kraft und um seine ganze Energie einbringen zu können in diesen Aufbau des Sozialismus, der ja in den 20er und in den 30er Jahren ganz oben auf der politischen Agenda stand.

**SPEAKER_3** (2:59)
Es geht also um einen Typus Mensch, den man bislang noch nicht in ausreichender Zahl und Ausprägung vorgefunden hatte. Es geht um die Utopie eines sozialen, moralischen und weltoffenen Menschentyps, die jetzt Wirklichkeit werden soll.

**Fiona Rachel Fischer** (3:16)
Lenin und andere führende Parteimitglieder wollen den neuen Menschen so bald wie möglich und nötigenfalls auch künstlicher schaffen, um mit den Zielen der Revolution voranzukommen. Die Methoden, mit denen sie diese gezielte Beeinflussung der Menschen, Social Engineering betreiben, sind sowohl produktiv als auch repressiv. Ganz vorne bei den produktiven Maßnahmen stehen die Alphabetisierung der breiten Bevölkerungsmasse und enge Bildungswege für junge Menschen an neu eingerichteten Arbeiter- und Bauernfakultäten.

**Klaus Gestwar** (3:49)
Ende der 30er Jahre gab es tatsächlich schon mehrere Millionen Industriearbeiter, die tatsächlich diesem neuen sowjetischen Regime eine feste soziale Basis gegeben haben und auch Hunderttausende von von Spezialisten, die über diese stalinistischen Bildungsprogramme dann auch in Führungsposition aufgestiegen sind.

**SPEAKER_3** (4:09)
Auch die Kultur steht im Dienst der Erschaffung eines neuen Menschen. In Literatur, Bildender Kunst und Theater stellt die neu erfundene Strömung des sozialistischen Realismus die Sowjetgesellschaft und ihre Bürger so da, wie sie werden sollen.

**Maja Soboleva** (4:25)
Propaganda war omnipräsent. Auch die öffentlichen Organisationen, einschließlich der Organisationen für die Jugend, das waren so jugendliche, kommunistische Organisationen wie Pioniere, Kamsamol und so weiter, gab es auch für kleine Kinder eine Organisation für Kinder von sieben bis zehn Jahren. Das waren Oktibriate, so genannt, Oktibriate, das heißt die Kinder des Oktober.

**Fiona Rachel Fischer** (5:00)
Maja Soboleva, außerplanmäßige Professorin am Institut für Philosophie an der Philips-Universität Marburg, ist in den späten Jahren der Sowjetunion aufgewachsen und forscht seit circa 20 Jahren in Deutschland.

**SPEAKER_3** (5:13)
Der sozialistischen Umformung kann niemand entrennen. Auch nicht die, die die Partei eigentlich aus der neuen Gesellschaft ausschließt. Denn während sich die Sowjetbürger mit sozialistischer Literatur bilden und Massensportfeste auf dem Roten Platz feiern, werden diese Ausgestoßenen in Arbeitslagern umerzogen, den Gulags.

**Fiona Rachel Fischer** (5:36)
Perekovka, Umschmiedung, nennt die Propaganda euphemistisch diesen Prozess, der aus ehemaligen Großbauern, Kulaken, Verbrechern oder ganzen unerwünschten Ethnien neue Menschen, also rechtschaffene sowjetische Bürgerinnen und Bürger, machen soll. Neben Zwangsarbeit sollen Bildungsmaßnahmen und Kulturprogramm die Omerziehung abrunden. Die Häftlinge verfassen Berichte oder veranstalten Theaterstücke, nachdem sie stundenlang schwerste körperliche Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen verrichtet haben.

**SPEAKER_3** (6:08)
Ein Vorzeigeprojekt der Sowjetunion in den frühen 30er Jahren ist der Bau des Belomorch. Ein 227 Kilometer langer Kanal von der Baltischen zur Weißen See, der Tausende Todesopfer fordert und in nur 20 Monaten fertiggestellt wird.

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