Topics: History
**Christian Schaaf** (0:13)
Wir haben ja neulich mal zusammen gekocht.
**Michael Zametzer** (0:15)
Tayatele a ragu, also Bolognese ohne Tomaten. Holst du mal bitte die Milch aus dem Grillschrank?
**Christian Schaaf** (0:24)
Bitte was?
**Michael Zametzer** (0:25)
Die Milch. Die Vollmilch.
**Christian Schaaf** (0:27)
Milch? Ja.
**Michael Zametzer** (0:29)
In Srago a la Bolognese gehört traditionell Vollmilch.
**Christian Schaaf** (0:32)
Nee.
**Michael Zametzer** (0:32)
Doch, die nimmt dem Ganzen die Säure und verbindet den Geschmack vom Fleisch und vom Gemüse zu einem wahnsinnig schönen weichen Gesamtkonstrukt.
**Christian Schaaf** (0:41)
Und beim Kochen sind wir auf die Frage gekommen, warum kochen wir eigentlich so, wie wir kochen?
**Michael Zametzer** (0:46)
Warum kochen wir eigentlich so selbstverständlich ein Nudelgericht, das aus Italien stammt?
**Christian Schaaf** (0:51)
Und warum wir dann noch Musik aus Italien angemacht haben, kochen, auch eine gute Frage.
**Michael Zametzer** (1:01)
Muss ja sein, oder? Weil auch die Musik transportiert ja sofort das Bild und das Gefühl, oder?
**Christian Schaaf** (1:05)
Absolut. Und ich meine, irgendwie brauchen wir anscheinend so ein Bild von ferne Italien mehr.
**Michael Zametzer** (1:13)
Und das ist einfach, gell? In Italien kann man sich ganz schnell flüchten, indem man die passende Musik und auch die überall zugängliche Küche genießt.
**Christian Schaaf** (1:21)
Man muss sagen, die Italiener machen es einem sehr einfach, sich dahin zu teleportieren, oder?
**Michael Zametzer** (1:26)
Ja, und ich weiß, das geht ja dir genauso. Italien ist halt auch irgendwie Europa. Also nicht irgendwie Europa, sondern Italien ist nicht weit weg.
**Christian Schaaf** (1:36)
Okay, das sind einfach so die netten, lustigen Nachbarn im Süden, oder?
**Kadir Nurman** (1:40)
Wahrscheinlich, oder? So war es schon.
**Michael Zametzer** (1:44)
Wir haben da noch viel geplaudert über Italien, übers Essen und warum wir uns mit dieser Art zu kochen ebenso wohlfühlen.
**Christian Schaaf** (1:51)
Aber das war nicht immer so. Und darüber, was wir heute selbstverständlich kochen und vor allem essen hier in Deutschland, darüber wollen wir heute sprechen bei Alles Geschichte. Und wir fragen uns, wie war das damals, als der Döner und die Pizza und Co. nach Deutschland gekommen sind?
**Michael Zametzer** (2:06)
Und aus der Küche heraus hinter das Mikrofon geschwungen haben sich Christian Schaaf und Michael Samitzer.
**Christian Schaaf** (2:12)
Ja, die Deutschen und ihr Essen, das ist ein Thema, das war längst nicht immer so entspannt, wie es heute vielleicht wirkt.
**Michael Zametzer** (2:18)
Denn Essen ist zwar ein Ausdruck von Kultur, von Gewohnheit und manchmal auch Bequemlichkeit, Essen war aber auch über Jahre hinweg ein Thema, bei dem es im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod gegangen ist, auch hier in Deutschland.
**Christian Schaaf** (2:31)
Zum Beispiel im Winter 1946-47.
Endlich ist der Krieg vorbei, aber der Frieden fühlt sich eben noch lange nicht nach Frieden an. Denn das Leben wird jetzt nicht mehr durch Bomben und Granaten und Kugeln bedroht, sondern durch Kälte und Hunger.
**Michael Zametzer** (2:45)
Es geht also ums Überleben in diesem zweiten Nachkriegswinter 46-47. Der ist geprägt von knappen Lebensmitteln und strengen Rationen, Brot, Butter, Milch, Fleisch. All das gibt's nicht einfach so im Laden zu kaufen, sondern nur mit Lebensmittelmarken. Für viele Erwachsene bedeutet das Tagesrationen von gerade mal etwa 1000 Kilokalorien. Zum Vergleich, heute wird empfohlen, als Erwachsener mit einem Schreibtischjob, so wie wir hier, sollten etwa 2000 Kilokalorien zu sich genommen werden. Also 1000 Kilokalorien im Jahr 1946 bei der Kälte. Das ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.
**Christian Schaaf** (3:25)
Und wenn die Lebensmittelmarken verbraucht sind, ist noch viel Hunger übrig. Da wird dann auf dem Schwarzmarkt verhandelt. Ein Kilo Rindfleisch kostet den Gegenwert von etwa 60 Reichsmark. Ein Kilo Fett rund 400 Reichsmark. Zum Vergleich ein durchschnittlicher Monatslohn liegt damals bei etwa 140 Reichsmark.
Satt werden ist praktisch Luxus und eigentlich unmöglich.
**Michael Zametzer** (3:46)
Besonders schlimm trifft es die Menschen in den Städten. Viele Wohnungen sind zerstört und Bau- und Heizmaterial bekommt man kaum noch. Und so kommt es, dass der Berliner Bürgermeister Otto Ostrovski Anfang 1947 die Besatzungsmächte regelrecht anfleht.
**SPEAKER_6** (4:02)
Und wie im Oedipus des Sophokles seufzt die Bevölkerung unter der schweren Last und ruft um Hilfe.
Wir können nicht mehr. Hält uns. Rettet uns.
**Christian Schaaf** (4:18)
Und das Flehen wird erhöht. Die US Army verteilt ab 1946 in Zusammenarbeit der privaten US-Hilfsorganisation CARE Lebensmittelpakete, die CARE-Pakete. Und darin ist Fleisch, Fett und Konservendosen ein überlebenswichtiges Geschenk.
**Michael Zametzer** (4:35)
Aber der eigentliche Gamechanger wird in den westdeutschen Besatzungszonen das neue Geld sein. Die D-Mark, die es ab dem 20 Juni 1948 gibt. Damit sind Lebensmittelmarken Geschichte.
**SPEAKER_7** (4:52)
Kurz nach der Währungsreform macht die Kamera einen Bummel über den Wochenmarkt und fängt dabei Bilder ein, die noch vor kurzer Zeit wie Trugbilder gewirkt hätten. Gemüse in Hülle und Fülle, alles frisch und zum aussuchen und Ware von bester Qualität. Man fragt nach dem Preis, kauft und geht befriedigt nach Hause. Mit der Währungsreform wurde über Nacht auch das Obst reiben.
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