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Wie viel Schuld empfinden wir gegenüber Russland?

Der Ostcast

July 16, 2026

Geschichtspolitik ist ein Fundament der Ideologie Wladimir Putins. Der russische Herrscher begründete den Überfall auf die Ukraine mit dem angeblichen Betrug des Westens an Russland – und mit der Vergangenheit. Die Geschichte Russlands lässt er systematisch umschreiben.
Speakers: Alice Bota, Michael Thumann, Rüdiger von Fritsch
**SPEAKER_2** (0:10)
Der Ostcast, ein Podcast über Russland und alle, die auf keinen Fall Teil davon werden wollen.

**Alice Bota** (0:25)
Liebe Hörerinnen und Hörer, der meistgelesene Beitrag auf der Homepage der Zeit ist in diesem Jahr die Nsdap-Mitgliederkartei.

**Michael Thumann** (0:34)
Ich hab natürlich auch reingeschaut.

**Alice Bota** (0:36)
Ja, und was ist rausgekommen?

**Michael Thumann** (0:38)
Eigentlich alles, was ich schon wusste. Mein Opa Väterlicherseits war ab 1933 in der Partei und der andere Großvater, der hatte jüdische Wurzeln und damit ziemlich gute Gründe, kein Parteimitglied zu sein.
Und meine Eltern, die waren bei Kriegsende noch ganz kleine Kinder.

**Alice Bota** (0:56)
Ich bin schon die nächste Generation, aber bei mir gab es auch keine Treffer. Mein polnischer Großvater war Zwangsarbeiter in Deutschland, also logisch, dass ich dazu nichts gefunden hab. Mein deutscher Großvater, der war in der Wehrmacht, aber nicht in der Partei. Und ich bin damit aufgewachsen, dass es hieß, er sei in der russischen Kriegsgefangenschaft gewesen. Fünf Jahre lang, er hatte diese überlebt.
Und er ist als Reporterin in der Ostukraine. Als ich unterwegs war bei Donetsk, habe ich erfahren, was sich hinter russischer Kriegsgefangenschaft verbarg. Er wurde nämlich bei Donetsk in der heutigen Ukraine gefangen genommen.

**Michael Thumann** (1:32)
Ja, also, wir sehen die Nsdap-Datei bringt nicht immer Neues. Auf jeden Fall aber Bestätigung. Und in manchen Familien hat sie auch für ziemliche Überraschungen gesorgt.

**Alice Bota** (1:44)
Ja, und vielleicht haben sie auch schon hineingeschaut dieses Tool, wo sie nach ihren Vorfahren suchen können, liebe Hörerinnen und Hörer. Es ist schon bemerkenswert, dass so viele Menschen sich mit der Vergangenheit beschäftigen, die immer wieder hochkommt oder auch nie ganz weg war.

**Michael Thumann** (1:59)
Früher war in Deutschland ja oft die Rede vom Schlussstrich, der doch mal kommen müsse. Wir wissen, es gibt diesen Schlussstrich nicht. Jede Generation setzt sich aus neu mit der Geschichte auseinander und jede Generation entwickelt ihren ganz eigenen Blick auf Geschichte und eben auch auf die Geschichte des deutschen Vernichtungskriegs in Osteuropa.

**Alice Bota** (2:23)
Darüber wollen wir heute sprechen, über deutsche Vergangenheitsbewältigung, über nicht aufgearbeitete Erinnerung, aber auch über Russland, über das deutsche Sonderverhältnis zu dem Land und den Umgang mit der Vergangenheit unter Wladimir Putin. Welche Folgen hat es, wenn ein Land sich den dunklen Seiten seiner eigenen Geschichten nicht stellt?
Ich bin Alice Bota, ich war Osteuropa-Korrespondentin der Zeit und sitze nun in Berlin, beschäftige mich vor allem mit deutscher Außenpolitik.

**Michael Thumann** (2:51)
Und ich bin Michael Thumann, Osteuropa-Korrespondent der Zeit, Leiter unseres Moskauer Büros.
Heute haben wir wieder einen Gast, über den wir uns sehr freuen. Es ist Rüdiger von Fritsch. Er war deutscher Botschafter in Warschau und in Moskau. Er war stellvertretender Chef des Bundesnachrichtendienstes und in den 90er-Jahren war er im Pressereferat des Auswärtigen Amtes. Und damals haben wir uns kennengelernt. Willkommen im Ostcast Rüdiger von Fritsch.

**Rüdiger von Fritsch** (3:19)
Herzlichen Dank für die Einladung, liebe Frau Bota, lieber Thumann.

**SPEAKER_5** (3:25)
Der Abonnent Hallo, ich bin Monika Pilat und zuständig für unsere Nachrichten. Wir sorgen mit einem Team von 60 festen und freien Mitarbeitern dafür, dass sie rund um die Uhr bestens aktuell informiert sind über alles, was in der Welt und in Deutschland passiert.
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**Alice Bota** (3:59)
Herzlich willkommen auch von mir. Sie haben ja aktuell ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Die Geschichte in mir. Eine deutsche Familie im 20 Jahrhundert. Das ist bei Siedler erschienen. Und darin beschreiben sie die Geschichte ihrer Familie und setzen sich mit ihrem Vater auseinander, der nicht nur in der NSDAP war, sondern eben auch eine hohe Position, eine wichtige Position im besetzten Litauen-Innerherte.
Und bis zu seinem Tod blieb er seinen Überzeugungen treu. Herr von Fritsch, wie ist es, wenn man einen überzeugten Nazi als Vater hatte?

**Rüdiger von Fritsch** (4:32)
Zunächst ist es selbstverständlich. Als Kind nimmt man ja alles, was die Erwachsenen einem erzählen, was man hört, als selbstverständlich gegeben hin. Das stimmt ja auch. Man zweifelt daran nicht. Und beginnt sich so aus den verschiedenen Erklärungen, die man sich selbst gibt, aus den Erzählungen, die Arten erreichen, einen Flickenteppich der Vergangenheit zusammenzusetzen. Und dazu gehörte eben, dass einerseits die Familie meiner Mutter, die Familie meines Vaters unendliche Verluste im Krieg erlebt hatten. Davon war immer wieder die Rede.
Verluste an Heimat, an Hab und Gut, aber vor allem Menschen, die Brüder. Beide Eltern waren gefallen. Und eine Erklärung dazu. Und die reichte unser Vater uns und sagte, ja, das ist, weil die anderen Krieg gegen uns geführt haben. Deutschland wurde angegriffen und die Brüder musste sich verteidigen. Und die anderen sind schuld an dem, was geschehen ist. Und heranwachsend realisiert man dann, realisierte ich, dass die Dinge sich anders zugetragen haben. Und daraus muss dann unweigerlich an einem bestimmten Zeitpunkt eine Kontroverse werden.

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