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Wie Tiere den Tod verstehen – und was das über uns verrät

Sternstunde Philosophie

August 29, 2026

Lange galt das Bewusstsein des Todes als letzte Bastion menschlicher Einzigartigkeit. Doch die spanische Philosophin und Tierethikerin Susana Monsó stellt diese Gewissheit infrage. Sie erklärt, was Tiere über den Tod verstehen und warum diese Erkenntnisse unser Bild vom Menschen verändern.
Speakers: Susana Monsó, Barbara Bleisch, Yves Bossart

Topics: Philosophy, Society & Culture

**Susana Monsó** (0:01)
SRF-audio.

**Barbara Bleisch** (0:12)
Delfine, die scheinbar Suizid begehen, Oppossums, die sich vor Feindentod stellen und Wahlmütter, die ihren toten Kälber tagelang mit sich tragen. All das findet sich in der Natur. Dabei dachten wir immer, nur wir Menschen verstehen den Tod. Stimmt nicht, sagt mein heutiger Gast, die Philosophin Susana Monsó.
Frau Monsó, das heisst, so einzigartig, wie wir immer glauben, sind wir Menschen gar nicht auch Tiere haben, einen Begriff, ein Verständnis oder ein Bewusstsein ihrer Sterblichkeit?

**Susana Monsó** (0:43)
Das stimmt. Wir Menschen haben uns schon immer als einzigartig betrachtet, weil wir glaubten, über bestimmte Anlagen zu verfügen, die Tiere nicht haben, wie z.B. Moral, Rationalität oder Sprache.
Zu diesen Anlagen gehört auch ein Konzept vom Tod. So hat Martin Heidegger bekanntlich behauptet, dass ich einzig der Mensch dadurch auszeichne. In meinem Buch und anderen Veröffentlichungen lege ich dar, dass dem nicht so ist. Eine Vorstellung vom Tod ist wahrscheinlich weit verbreitet in der Natur.

**Barbara Bleisch** (1:18)
Wobei man natürlich sagen muss, in der Natur ist es gar nicht so erstaunlich, dass da irgendein Begriff von Tod vorhanden ist, weil das ist ja alltägliche Realität für uns Menschen. Das ist etwas, das wir immer wieder verdrängen für die Tiere, die sehen Tod überall.

**Susana Monsó** (1:35)
Genau. Der Tod wird meist als etwas sehr Abstraktes gesehen. Das hängt mit der Art und Weise zusammen, wie wir Menschen, insbesondere in den Städten des globalen Nordens, mit dem Tod umgehen.
Tote werden einfach weggebracht. Und wir sehen diese Person nie wieder. Entsprechend abstrakt blicken wir auf den Tod.
In der Natur ist der Tod, wie Sie sagten, allgegenwärtig und sehr spürbar. Man kann ihn anfassen, fühlen und riechen. Tiere begegnen ihm anders als wir und erfahren ihn auch anders.

**Barbara Bleisch** (2:20)
Man lernt das in Ihrem Buch, das Schweigen der Schimpansen, dass dieses Buch mehrfach ausgezeichnet wurde und für verschiedene Preise nominiert wurde. Da habe ich etwas ganz Spannendes gelernt, nämlich dass unterschiedliche Tiere ganz unterschiedlich mit dem Tod umgehen. Beginnen wir doch mal bei einer Ameise.
Die Ameise hat offenbar auch ein Verständnis von Tod, dass so weit geht, dass tote Ameisen aus dem Bau geschafft werden, herausgetragen werden. Das ist aber eine total stereotype Reaktion, weil sie auf einen Geruch, also auf etwas Chemisches reagieren. Das riecht nach Tod, also tragen wir das aus dem Ameisenbau.

**Yves Bossart** (3:01)
Richtig?

**Susana Monsó** (3:04)
Das stimmt, auch wenn ich das nicht als ein Todeskonzept werden würde. Was wir bei Ameisen beobachten, ist die Fähigkeit, tote Individuen von Lebenden zu unterscheiden.
Wie Sie sagten, nehmen sie bestimmte chemische Stoffe wahr, die von Kadavern abgegeben werden. Eine sich zersetzende Ameise gibt Ölsäure ab. Das ist ein Signal für die anderen Ameisen, sie aus dem Nest zu entfernen und auf den Abfallplatz zu bringen.
Dies deutet aber nicht wirklich auf ein Verständnis von Tot hin. Denn wenn man Ölsäure auf einen kleinen Kieselstein, ein Stück Blatt oder sogar eine lebende Ameise träufelt, werden die anderen sie wie einen Kadaver behandeln. Sie zeigen also, wie Sie gesagt haben, lediglich eine Stereotype-Reaktion auf einen bestimmten Reiz.

**Barbara Bleisch** (3:56)
Das ist ganz interessant, das ist etwas, das angeboren ist bei diesen Ameisen offenbar, stereotypisch. Und da reagiert jede Ameise völlig egal, wo die aufwächst, genau gleich, oder? Gibt es keine Unterschiede?

**Susana Monsó** (4:12)
Genau. Stereotype-Reaktionen auf den Tod sind bei allen Mitgliedern einer Art einheitlich. Bei kognitiven Reaktionen auf den Tod hingegen zeigt sich eine grosse Variabilität.
Wir sollten Stereotype und kognitive Reaktionen jedoch nicht als strikte Gegensätze betrachten. Manche Tiere können beide Verhaltensweisen haben. Wir Menschen sind offensichtlich kognitiv sehr komplex und reagieren auf den Tod sehr unterschiedlich. Bei einigen Aspekten des Todes aber zeigen auch wir Stereotype-Reaktionen.
Wir teilen z.B. eine Abneigung gegen die Signale, die von Leichen ausgehen, die sog.

**Yves Bossart** (5:04)
Nekrophobie.

**Susana Monsó** (5:06)
Verzeihen Sie das eklige Beispiel, aber wenn hier auf dem Tisch eine verwiesene Leiche läge und ich würde Sie auffordern, sie anzufassen, dann bin ich mir zu 100% sicher, dass Sie das nicht möchten. Niemand wird das tun wollen, denn das ist einfach ein tief in uns verankertes Verhaltensmuster. Verwesene Leuchen sind ekelerregend und wir wollen ihnen nicht nahe kommen.
Dieses Verhalten ist sehr verbreitet und kommt bei vielen Arten vor. Es ist gut für uns, denn es schützt uns vor den Krankheitserregern in den verwesenden Kadavern.

**Barbara Bleisch** (5:39)
Und dann gibt es ja aber diese anderen Aspekte, wo man, wenn man die Tierwelt betrachtet, das Gefühl hat, die machen ja ganz ähnliche Dinge wie wir Menschen. Also z.B.
schildern sie Schimpansen, die toten Artgenossen, mit Grashalmen, glaube ich, die Zähne putzen. Oder sie sprechen von Ameisen und Ratten, die so etwas wie ihre Artgenossen auch begraben oder mit Blättern belegen. Also von daher denkt man dann, die machen dasselbe wie wir und fühlt irgendwie eine Nähe dazu. Sie sagen aber aufgepasst, da projizieren wir teilweise auch etwas in Tiere hinein. Das hilft uns nicht zum Verständnis davon, was Tiere eigentlich verstehen vom Tod.

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