**SPEAKER_1** (0:01)
SRF Audio.
**Olivia Röllin** (0:12)
Nichts im Leben ist so gewiss wie der Tod und kaum jemand hat uns gelehrt, so offen darüber zu reden wie die Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. Damit revolutionierte sie die Medizin. Dieser Tage wäre sie 100 Jahre alt geworden. Heute im Zeitalter von Longevity und einer rasch alternden Gesellschaft stellt sich erneut die Frage, ob wir angemessen mit dem Tod umgehen und wie sich das Sterben in Zukunft verändern wird.
Und um all das zu besprechen, habe ich eine der profiliertesten Stimmen hier bei mir am Tisch, der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio. Herzlich willkommen, schön sind Sie hier bei mir.
**Gian Domenico Borasio** (0:48)
Vielen Dank für die Einladung.
**Olivia Röllin** (0:49)
Jemand, der auch Bestseller über das Sterben zu schreiben weiß, kann ich schon vorweg sagen, sind Sie. Lassen Sie uns doch gleich beim Grundsätzlichen beginnen. Sie haben Ihre Studierenden im ersten Semester jeweils gefragt, wie Sie denn eigentlich sterben möchten.
Wie hat sich das auf die Stimmung im Hörsaal ausgewirkt?
**Gian Domenico Borasio** (1:10)
Das muss man sich vorstellen, so 500 Studierende, und das sind sehr junge Studierende, weil sie im ersten Semester, also gerade aus der Schule gekommen, 18 Jahre, die haben alles erwartet, bloß nicht diese Frage. Und dann kamen aber tatsächlich, wenn man die Studierenden ein bisschen hat reden lassen, kamen tatsächlich die Themen, um die es in der Palliative Care geht. Das heißt, die Studierenden sagten ja also, schmerzfrei möchte ich sterben, ohne zu leiden.
Das ist zwar klischeehaft, aber es stimmt, das waren vor allem die Männer, die das gesagt haben. Und die Frauen, unter denen die Studentinnen, haben gesagt, ja, also zu Hause und mit meiner Familie, also der relationale Aspekt. Und dann gab es immer wieder jemand, der gesagt hat, ja, in Frieden mit mir selbst.
**Olivia Röllin** (2:06)
Das ist aber eine schöne Antwort.
**Gian Domenico Borasio** (2:07)
Ja, und das ist die spirituelle Seite. Das heißt, ich konnte dann den Studierenden sagen, ja, die wichtigsten Themen für das Lebensende, die haben sie alle benannt. Die kennen sie alle.
**Olivia Röllin** (2:18)
Und was wäre ihre eigene Antwort darauf, auf diese Frage?
**Gian Domenico Borasio** (2:21)
Für mich ist es so, dass ich weiß um die großen Möglichkeiten der Palliative Care.
**Olivia Röllin** (2:30)
Das müssen wir vielleicht kurz ausführen.
**Gian Domenico Borasio** (2:31)
Ja, wir haben tatsächlich die Möglichkeit, heute die physischen Symptome, also Schmerzen und Atemnot und andere Symptome wirklich sehr wirkungsvoll zu lindern.
Dafür stehen uns sehr wirkungsvolle pharmacologische Maßnahmen zur Verfügung. Das heißt, das ist nicht so sehr das Problem. Es gibt immer wieder einzelne Patienten, die leider auch Therapierefraktäre Symptome haben, also Symptome, die sich nicht so gut behandeln lassen, aber das ist wirklich eher die Ausnahme. Wo wir noch besser werden sollten, ist bei der psychologischen und sozialen Betreuung der Patienten und bei der spirituellen Begleitung. Da gibt es, glaube ich, noch viel Forschung zu machen, auch über Aspekte, die bisher so ein bisschen unbekannt waren, wie der Altruismus der Patienten. Und da ist es für mich so, wenn ich mir das vorstelle, dann möchte ich gerne nicht diesen plötzlichen Tod durch Herzinfarkt, den sich viele Menschen wünschen, sondern schon einen Tod, den ich mich vorbereiten kann.
**Olivia Röllin** (3:37)
Das gibt dann natürlich eine gewisse Krankheit auch, die dann palliativ gut gepflegt werden kann. Also Sie sagen ja, das finde ich ganz spannend, aber Angst vor dem Sterben, vor diesem Prozess, muss man im Grunde genommen nicht haben, wenn es bedeutet, man hat Angst vor Schmerzen und so weiter, weil die hat man inzwischen total gut im Griff. Aber das ist natürlich auch eine Zeit, wo man sich mit dem eigenen Tod beschäftigen kann und vorbereiten kann, sagen Sie.
**Gian Domenico Borasio** (3:59)
Das ist richtig. Allerdings ist es ein bisschen spät.
**Olivia Röllin** (4:04)
Da würden Sie früher beginnen, meinen Sie?
**Gian Domenico Borasio** (4:05)
Die Beschäftigung mit dem Tod sollte sinnvollerweise früher beginnen.
Alle großen spirituellen Traditionen der Welt sagen uns, wie wichtig es ist, sich rechtzeitig mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Also Buddha sagt, von allen Spuren ist die des Elefanten die größte und von allen Meditationen ist die über den Tod die höchste. Und in der Bibel steht, Psalm 90 bekannterweise, Herr, lass uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.
**Olivia Röllin** (4:41)
Da nehme ich zwei Dinge raus. Das eine, dass sie natürlich eben auch spirituell und religiös gebildet sind. Sie sind katholisch aufgewachsen. Sie sagen von sich selber auch, sie sind gläubig. Wenn man dieses Buch liest über das Sterben, das ein absoluter Bestseller geworden ist, dann merkt man auch, eben sie sind mit der Meditation vertraut. Und genau zum Beispiel auch tibetischen Buddhismus gibt es ja auch. Meditation führten Tod, auch die Pova-Meditation beispielsweise.
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