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Wie Libertäre Staat und Demokratie bedrohen

Das Wissen | SWR

June 25, 2026

"Steuern sind Raub", darin sind sich alle Libertären einig. Wollen sie Staat und Solidaritätsprinzip ganz abschaffen oder nur möglichst wenig staatliche Regulierung?
Speakers: Johanna Cota, Philipp Bargus, Mark Felix Otto, Andreas Tank, Elias Hechinger, Markus Krall, Stefan Kohleff, Hans-Hermann Hoppe, Peter Böhringer, Alice Weidel
**SPEAKER_1** (0:02)
ARD, Das Wissen.

**Johanna Cota** (0:04)
Einen wunderschönen guten Abend.

**SPEAKER_3** (0:08)
Eine Wahlkampfveranstaltung von Team Freiheit, Anfang November 2025 in Stuttgart. Die neue Partei will in den baden-württembergischen Landtag einziehen. Sie fordert weniger Staat und mehr Eigenverantwortung. Das kommt beim Publikum an.

**SPEAKER_4** (0:24)
Also ich bin Fahrzeugingenieur, ich lebe hier in Stuttgart. Wenn eigentlich von seit ich denken kann, eher lass ich mir nicht gern was vorschreiben, sondern Eigenverantwortung zählt für mich, Eigeninitiative.

**SPEAKER_3** (0:40)
Auf Plakaten von Team Freiheit ist eine Kettensäge zu sehen. Neben den Metallzähnen in Großaufnahme steht Sozialstaat absägen. Die Kettensäge ist offenbar eine Anspielung auf den argentinischen Präsidenten Javier Millay, der sie als Symbol für seinen radikalen Staatsabbau nutzt. Auch in Deutschland finden solche Forderungen, lautet der jüngsten Bielefelder Mittelstudie, bei einem Viertel der Bevölkerung Zuspruch. Für Das Wissen haben wir uns bei Parteien wie Team Freiheit und Vereinen wie der Atlas-Initiative umgehört, haben Zeitschriften ausgewertet und sind den Ursprüngen des Libertarismus nachgegangen.

**SPEAKER_6** (1:24)
Wie Libertäre Staat und Demokratie bedrohen. Von Florian Barth und Kai Laufen. Von der SWR Recherche Unit.

**SPEAKER_3** (1:33)
Auf der Wahlkampfveranstaltung von Team Freiheit in Stuttgart beklagt der Fahrzeugingenieur, dass Parteienfilz und Bürokratie ein Problem in Deutschland seien. Und er kritisiert, wie das politische System mit der Corona-Pandemie umgegangen sei. Er will anonym bleiben.

**SPEAKER_4** (1:49)
Mit welcher Schnelligkeit, aber auch Brutalität, der Start da vorgegangen ist. Auch mit der Einseitigkeit.
Ich nehme nur gewisse Experten, die anderen, die zensiert werden. Das macht mir schon Angst, weil Meinungsfreiheit, Redefreiheit, körperliche Unversehrte sind absolute Grundlagen für ein freiheitliches Zusammenleben.

**SPEAKER_3** (2:14)
Ein Unternehmer aus Leonberg, der ebenfalls anonym bleiben will, teilt das Misstrauen gegen den Staat.

**SPEAKER_7** (2:20)
Wir Bürger haben dem Staat ja gewisse Aufgaben. Übertragen, unter anderem zum Beispiel auch das Thema Sicherheit. Wir haben gesagt, wir verzichten auf Waffen als Bürger, um uns zu verteidigen. Der Staat ist dafür zuständig, für unsere Sicherheit zu sorgen. Und dafür kriegt er von uns Geld. Aber was wissen wir im Moment? Er sorgt nicht für unsere innere und äußere Sicherheit.

**SPEAKER_3** (2:41)
Der Staat liefere nicht, was er verspricht. Daher stimmt der Unternehmer einem Satz zu, der das Weltbild der Libertären in drei Worten zusammenfasst. Steuern sind Raub.

**SPEAKER_7** (2:52)
Aber das ist es ja auch. Oder zahlen sie freiwillig Steuern. Und das Gleiche ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Das sind keine Steuern. Aber sie werden dazu gezwungen, dieses Geld zu bezahlen.

**SPEAKER_3** (3:03)
Dieser tiefsitzenden Ablehnung des Staates will die Partei Team Freiheit ein Libertärersversprechen entgegensetzen. Weniger Staat, weniger Steuern, weniger Sozialstaat, dafür mehr Freiheit und Eigenverantwortung. Gegründet wurde sie 2025 von der ehemaligen AfD-Parteivorsitzenden Frauke Petry zusammen mit Thomas Kemmerich und Johanna Cota. Thomas Kemmerich saß früher für die FDP im Landtag von Thüringen und im Bundestag. 2020 wurde er bundesweit bekannt, weil er sich mit Stimmen der AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten wählen ließ. Johanna Cota war Bundestagsabgeordnete und verließ die AfD im Streit. Doch sechs Wochen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg hat die Partei überraschend ihre Liste zurückgezogen. Ähnliches ist in Rheinland-Pfalz Anfang des Jahres geschehen. Auch hier tritt Team Freiheit doch nicht zur Wahl an.
Libertarismus ist nicht zu verwechseln mit Liberalismus, wie ihn die FDP vertritt. Was also ist libertäres Denken? Wo kommt es her? Libertäre weltweit bauen ihr Denken auf der sogenannten österreichischen Schule der Nationalökonomie auf, einer Wirtschaftstheorie aus dem frühen 20 Jahrhundert. Heute gilt diese Theorie in der akademischen Welt als Nebenstrang der Wirtschaftswissenschaften und wird an deutschen Hochschulen weitgehend ignoriert. Doch an der staatlichen spanischen Hochschule Rey Juan Carlos in Madrid lehrt ein deutscher Experte für Libertarismus, der Volkswirtschaftler Professor Philipp Bargus. Das Interview für Das Wissen führt Bargus per Videocall.

**Philipp Bargus** (4:45)
Die Hauptthese der Österreichischen Schule ist, der Staat ist nicht notwendig. Alle Güter und Dienstleistungen können im Miteinander des Marktes besser, effizienter, gerechter, billiger hergestellt werden, als der Staat das kann.

**SPEAKER_3** (4:56)
Die Erkenntnisse der Österreichischen Schule haben die Wirtschaftswissenschaftler Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises weiterentwickelt. Beide lehrten lange Zeit in den USA, wo der Libertarismus schon viele Anhänger hat.

**Philipp Bargus** (5:10)
Das Ludwig von Mises-Institut in Alabama, Auburn, ist einer der größten Thinktanks der Welt, von der Besucherzahl der Webseite her. Murray Rothbard, der ist nach Ludwig von Mises in der Generation danach einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste österreichische Ökonomen gewesen und er wird auch genannt Mr. Libertarian.

**SPEAKER_3** (5:29)
Der Wirtschaftswissenschaftler und politische Philosoph Murray Rothbard lebte von 1926 bis 1995 und verband die Volkswirtschaftslehre der österreichischen Schule mit dem uramerikanischen Freiheitsdrang, der auf den Unabhängigkeitskrieg zurückgeht. Murray Rothbard prägte den Begriff Anarchokapitalismus und trat für das Nicht-Aggressionsprinzip ein. Es besagt, ein zivilisiertes Zusammenleben ist nur durch Freiwilligkeit und den Verzicht auf Aggression möglich. Zur Freiwilligkeit gehört auch das Recht zur Sezession. Also das Recht, eine Gemeinschaft zu verlassen.

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