**Barbara Bleisch** (0:01)
SRF Audio.
All you need is love, sagen die Beatles 1967 Heute ist von dieser Utopie der Hippie-Jahre nicht viel geblieben. Was wir offenbar brauchen, ist ein knallharter Deal, eine dicke Haut, die Fähigkeit, sich zu immunisieren gegen die Kälte der Welt. Daniel Schreiber mag hierin nicht einstimmen, sondern rumpft zu Liebe und zu radikaler Freundlichkeit auf. Ein nett gemeinter, aber naiver Vorschlag oder eine Idee mit politischer Sprengkraft. Das besprechen wir jetzt und ich freu mich sehr. Herzlich willkommen, Daniel Schreiber.
**Daniel Schreiber** (0:44)
Danke für die Einladung.
**Barbara Bleisch** (0:46)
Ja, Daniel Schreiber, das Jahr ist noch jung. Haben Sie sich irgendeinen Vorsatz genommen?
**Daniel Schreiber** (0:50)
Ich möchte weniger arbeiten und ich weiß, das sagen viele Leute und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich mir diesen Vorsatz nehme. Aber ich hoffe, dass ich es dieses Mal hinkriege und tatsächlich mehr Urlaub nehme und solche Dinge.
**Barbara Bleisch** (1:03)
Ich muss fast ein bisschen schmunzeln, weil Sie haben ja gerade ein neues Buch geschrieben und touren damit durch die Welt. Ich weiss nicht, wie das wirkt mit der weniger Arbeit.
**Daniel Schreiber** (1:10)
Das ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, das vorzunehmen. Aber es geht ja dabei um so eine Art von Selbstfürsorge. Und ich habe das Gefühl, ich habe da zu wenig drauf geguckt in den vergangenen Monaten.
**Barbara Bleisch** (1:22)
Schön, dass Sie es so ausdrücken, weil die Sache mit den Vorsätzen ist ja, dass wir alle wissen, Vorsätze haben so etwas Rationales und die Vernunft ist nicht besonders gut darin, uns zu motivieren, dann wirklich regelmässig schwimmen zu gehen oder wirklich weniger zu lästern oder weniger zu arbeiten. Sondern es sind mehr so die Sehnsuchtsorte. Mir fällt dann immer Nelly Sachs ein mit dem schönen Zitat Alles beginnt mit der Sehnsucht.
**Daniel Schreiber** (1:45)
Schön, das ist so ein schönes Zitat. Und ich glaube auch, dass das ist das, wie es funktionieren kann, wenn man etwas verinnerlicht und wenn man wirklich daran glaubt. Und ich glaube, so Vorsätze, die darauf beruhen, einfach ein besserer Mensch sein zu wollen oder sich irgendwie zu optimieren, ich glaube, die können gar nicht halten, weil man eben nicht wirklich daran glaubt. Und wenn man diese Veränderlichung nicht schafft, dann glaube ich, kann man es auch lassen mit den Vorsätzen.
**Barbara Bleisch** (2:15)
Und wenn wir über Sehnsucht sprechen, dann ist Ihre grosse Sehnsucht derzeit ja die Liebe. Und Sie haben ein Buch geschrieben, Liebe ein Aufruf, heißt es. Und es geht jetzt nicht darum, dass Sie gerne mehr geliebt werden möchten oder mehr romantische Liebe möchten. Das ist alles auch schön, vielleicht wollen Sie das auch. Aber in diesem Buch geht es um die Liebe im öffentlichen Raum, im politischen Raum. Und Sie sagen ganz klar, Liebe ein Aufruf. Das Buch liest sich für mich ein bisschen wie so ein Last Call, ein letzter Aufruf in politisch explosiven Zeiten. Rieche ich das richtig?
**Daniel Schreiber** (2:49)
Ja, definitiv. Und danke für die schöne Beschreibung, weil ich glaube genau das ist es. Und genau so hat es sich angefühlt beim Schreiben. Es gab eine extreme Dringlichkeit für mich. Und ich wusste, ich muss das in die Welt bringen. Und ich muss meinen Beitrag leisten zu dem, was gerade passiert. Und vielleicht einen Beitrag dazu, dagegen anzugehen. Und die Grundidee war, ich hab mich gefragt, wie man auf die Welle des Hasses reagieren kann, die so gerade über uns schwappt. Und die so was von beunruhigend ist für mich. Und von der ich auch persönlich mich sehr retraumatisiert fühle. Und da ist mir immer wieder die Liebe eingefallen. Und ich hab zum Anfang gedacht, ja, das ist so eine nette Idee. Und das heisst letztlich nur, seid alle nett zueinander und seid doch lieb.
Und je mehr ich darüber gelesen hab, desto mehr ist mir aufgefallen, dass es das überhaupt nicht ist. Sondern dass es eine ganz radikale Idee ist.
**Barbara Bleisch** (3:47)
Und das wollen wir jetzt in diesem Gespräch auch herausfinden, was die Radikalität daran ist und was Sie damit überhaupt meinen. Lassen Sie mich kurz aufnehmen, was Sie gesagt haben, dieses retraumatisiert sein. Man muss dazu wissen, Sie schreiben das im Buch auch, dass Sie in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen sind. Sie hatten zwei Geschwister, drei Geschwister.
**Daniel Schreiber** (4:05)
Drei Geschwister.
**Barbara Bleisch** (4:05)
Drei Brüder, glaube ich. Und beschreiben das auch, wie Sie vor allem in den 90er Jahren sich sehr bedroht gefühlt haben durch die Szene der Neonazis. Als junger schwuler Mann eigentlich das Gefühl von Unorten, da darf ich nicht hingehen, da ist es richtig gefährlich. Und die jetzige politische Grosswetterlage, auch in Deutschland, erinnert Sie an diese Zeiten. Versteht das richtig?
**Daniel Schreiber** (4:26)
Ja, definitiv. Und es war eine Zeit, wo es einfach klar war, dass diese Schläger-Trupps, diese Neonazi-Gruppen die Macht über bestimmte Regionen hatten und den öffentlichen Ton angaben. Und es lag immer die körperliche Gewalt, es lag immer eine Drohung von körperlicher Gewalt in der Luft, wenn man zu einer Minderheit gehörte, wenn man sichtbar zu einer Minderheit gehörte.
39 more minutes of transcript below
Try it now — copy, paste, done:
curl -H "x-api-key: pt_demo" \
https://spoken.md/transcripts/1000651996090
Works with Claude, ChatGPT, Cursor, and any agent that makes HTTP calls.
From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire.
Using your own key:
curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
https://spoken.md/transcripts/1000743599874