**Stefan Nölke** (0:13)
Herzlich willkommen zum Diskurs von MDR Kultur zu Gast beim ARD-Podcast Alles Geschichte. Mein Name ist Stefan Nölke. Heute bin ich im Gespräch mit Marc Baumgart, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden einer Stiftung, die die Aufarbeitung der Geschichte von Nazitätern und Täterinnen fördert. Es geht um das Personal der NS-Konzentrationslager, der Waffen-SS und der Polizei.
Dazu muss man wissen, der Großvater von Marc Baumgart, Karl Baumgart, gehörte selbst zu dieser Gruppe. Er war zunächst im KZ Sachsenburg, 20 Kilometer nordöstlich von Chemnitz gelegen, als SS-Mann tätig, später dann im berüchtigten KZ Mauthausen in Österreich. Marc Baumgart hat zunächst jahrelang privat recherchiert, dann aber diese Stiftung gegründet, die ganz allgemein nach dem mittleren und kleineren Personal der NS-Terrormaschine fragt. Wie wichtig und notwendig ist diese Aufarbeitung? Darüber möchte ich mit ihm sprechen. Und damit herzlich willkommen, Marc Baumgart.
**Marc Baumgart** (1:17)
Ja, einen schönen guten Tag.
**Stefan Nölke** (1:18)
Marc Baumgart, es gibt gerade einen großen Nachforschungshype, die Wochenmagazine Der Spiegel und Die Zeit stellen digitale Suchmaschinen zur Verfügung, mit denen man herausfinden kann, ob die Vorfahren Mitglied der NSDAP waren. Die Aufarbeitung der Familiengeschichte ist ein Thema, das offenbar in der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration auf großes Interesse stößt. Oder ist das alles nur eine Marketing-Aktion von Spiegel und Zeit, die nur so ein bisschen an der Oberfläche kratzt und womöglich schnell wieder verpufft? Wie nehmen Sie das wahr?
**Marc Baumgart** (1:53)
Es ist ja inzwischen sogar so, dass, glaube ich, auch die Süddeutsche Zeitung eine solche Suchmaschine anbietet, also es scheint sich ja zu lohnen.
Und ich glaube, das Besondere an diesen Suchmaschinen ist, dass man da eine Art spielerischen Zugang hat. Das heißt, man kann während der Arbeit mal kurz Spiegel online aufrufen, gibt da einfach mal ein paar Namen und ein paar Orte in das Suchfeld ein und dann erscheint da irgendetwas. Das ist natürlich ein viel einfacherer und spielerischerer Zugang, als wenn ich mich offiziell um eine Auskunft bei einem Archiv bemühe. Und ich glaube, dieser vereinfachte Zugang, der macht die Sache natürlich interessant.
**Stefan Nölke** (2:27)
Ja, es ist doch erstaunlich jetzt auch bei mir im Bekanntenkreis, wie viele Freunde nachforschen. Oft hatte man, wenn überhaupt, ja nur so ein bisschen so ein Halbwissen, ob der Großvater in der NSDAP war, wann er eingetreten ist. Ja, geschweige denn, dass man überhaupt etwas wusste über das Verhalten und die Motive.
**Marc Baumgart** (2:48)
Ja, vor allem, weil das Verhalten und die Motive stehen in diesen Karteikarten ja gar nicht drin.
Das heißt, es ist ja tatsächlich, wie sie schon sagt, nur die Oberfläche ein Stempel er war in der NSDAP oder nicht. Ein Verständnis oder ein Nachvollziehen der Beweggründe ist damit ja gar nicht möglich. Dafür sind viel, viel weitere Recherchen erforderlich. Und das geht dann schon in die wissenschaftliche Forschung, die dann eben in der Lage ist, da Thesen aufzustellen und Erklärungsmodelle zu liefern. Und das ist eben das, was ich mit unserer Stiftung verfolge.
Da geht es eben um sehr, sehr viel weitreichendere Recherchen, insbesondere eben auch auf den Personenkreis der Menschen, die im Konzentrationslager tätig waren. Das sind 40 bis 80 Menschen in Deutschland gewesen, die aber heute ungefähr eine Million Nachkommen haben. Das heißt, eine Million Menschen haben Vorfahren, die im Konzentrationslager Dienst taten.
**Stefan Nölke** (3:45)
Ja, es ist auch ganz kurios, wenn man sich überlegt, was da bei regelmäßigen Umfragen zur NS-Vergangenheit der eigenen Vorfahren herauskommt. Die heutigen Deutschen neigen offenbar dazu, die Familienmitglieder von damals zu idealisieren.
Eine Studie der Uni Bielefeld hat ergeben, dass teils über 50 bis 60 Prozent der Befragten meinen, ihre Vorfahren hätten während der NS-Zeit Verfolgten geholfen oder seien selbst Opfer des Regimes gewesen. Also das kann ja auch alles statistisch gar nicht sein und widerspricht so dermaßen den historischen Tatsachen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
**Marc Baumgart** (4:26)
Ja, es ist ja die Verdrängung und teilweise die Verleugnung, die wir ja alle kennen und die wir ja auch letztendlich erwarten.
Was ich bei meiner Forschung Erstaunliches erlebt habe, ist, dass wenn ich auf Nachkommen hochrangiger Funktionäre im KZ-System zugehe, dass es dort eigentlich keinen Unterschied macht. Ich habe also dort Fälle erlebt, wo Menschen in den 70er Jahren in der Bundesrepublik wegen Mordes vor Gericht verurteilt wurden und mir der Sohn erzählt, der Vater hat gar nichts gemacht. Der wurde freigesprochen. Das heißt, in diesem speziellen Fall hatte der Vater Haftverschonung bekommen wegen einer Kriegsverletzung und konnte seiner Familie erzählen, er sei freigesprochen worden, weil er nicht ins Gefängnis musste. Und die Familie, zumindest der Sohn, hat das bis heute nicht hinterfragt. Das heißt also, egal, in welcher Hierarchie-Ebene wir uns da bewegen oder in welcher Nähe zu den Gewaltverbrechen, das Thema Verdrängung und Verharmlosung ist tatsächlich bis heute ein ganz aktuelles Thema bei der ersten Nachkriegsgeneration. Bei der zweiten Nachkriegsgeneration ist es so, die hat nichts mehr zu verdrängen, weil sie weiß ja auch nichts.
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