**Gábor Paál** (0:04)
Am 4 Juli 1776, also vor 250 Jahren, erklären 13 britische Kolonien, dass sie sich von nun an nicht mehr als Teil der britischen Krone betrachten, sondern unabhängig sind. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, dass dieses Gebilde von 13 Kolonien, die sich die Vereinigten Staaten von Amerika nennen, dass das die Keimzelle sein würde für eine künftige Supermacht, die der ganzen Welt ihren Stempel aufdrücken wird. Militärisch, technologisch, aber auch kulturell. Diesen langen Weg wollen wir nachzeichnen und auch die Frage stellen, ob das, was für uns heute so selbstverständlich ist, die Weltmacht USA, ob und wie diese Ära vielleicht auch wieder enden kann. Darüber spreche ich mit dem renommierten Historiker Michael Hochgeschwender, Professor für nordamerikanische Kulturgeschichte an der LMU München. Hallo.
Ja, die große Frage, wie ging das los? Also als sich diese 13 Gründerstaaten zusammengeschlossen haben, da war der Gedanke an einen Weltmachtstatus ja vermutlich weit weg. Die wollten erst mal Abstand gewinnen zu dem Land, das damals gerade dabei war, Weltmacht zu werden, das britische Empire.
**Michael Hochgeschwender** (1:10)
Ja, bis zum Gewissen gerade war das britische Empire die führende Weltmacht schlechthin. Man hatte Frankreich in mehreren Kriegen geschlagen und die neuen USA hatten den großen Vorteil, dass sie sich in einem politischen Kontext bewegten, wo es praktisch keine Konkurrenz gab. Das spanische Weltreich existierte zwar noch, aber jeder wusste, das ist auf dem absteigenden Ast. Die Franzosen waren pleite.
Die Engländer hatten eigentlich kaum ein Interesse daran, die USA wieder zu erobern, weil auch das sehr teuer gewesen wäre. Insofern bewegte man sich politisch nicht gerade in einem Vakuum, aber man bewegte sich in einem halbwegs offenen Raum, der auch für Expansionen Anlass und Möglichkeiten bot.
**Gábor Paál** (1:49)
Das heißt, mit welchem Bewusstsein regierte so ein George Washington als erster Präsident? Also was regiert er da?
**Michael Hochgeschwender** (1:56)
Also er regiert erst einmal die Region nahe der heutigen Ostküste, allerdings mit einer gewissen Offenheit nach Westen hin.
Denn schon in den Royal Charters, auf denen die Kolonien gegründet waren, war nicht eindeutig geregelt, wo im Westen sie denn aufhören sollten. Das war übrigens eine der großen Konflikte in der Frühzeit der Union, dass keiner so genau wusste, wo ist eigentlich die Westgrenze des Staates, den ich hier repräsentiere. Aber generell bedeutete das, dass eine Expansion nach Westen möglich war. Und von bestimmten Gruppen, vor allen Dingen denjenigen um Thomas Jefferson, war sie auch gewünscht im Interesse der Errichtung einer Republik, die als eine Art Kleinagraria-Utopie gedacht war, wo wehrhafte Kleinbauern das tugendsame Rückgrat dieser jungen Republik bilden sollten. Da man gleichzeitig Migration wünschte, benötigte man dann auch die Expansion nach Westen.
**Gábor Paál** (2:54)
Also das ging ja auch dann relativ bald los mit der Expansion. Also 1776 Unabhängigkeitserklärung.
Und zu dem Zeitpunkt 1776 bestrengte sich das Staatsgebiet ja praktisch auf die Gebiete zwischen Atlantik und den Appalachen, also dem großen Gebirgszugs im Osten. Aber schon nach dem Unabhängigkeitskrieg 1783, also sieben Jahre später, hatte sich das Territorium bereits über das Gebirge hinaus ausgedehnt.
**Michael Hochgeschwender** (3:16)
Ja, also man strebte sehr stark in Richtung Mississippi.
Und das war auch gewissermaßen Niemandsland. Sieht man davon ab, dass dort ziemlich viele Indianerstämme gewohnt haben. Vor allen Dingen wollte man die Briten aus dieser Region verdrängen. Die unterhielten dort noch einige Festungen. Und man wollte auch dann die Gebiete ökonomisch durchdringen. Das war ja einer der Gründe für den Unabhängigkeitskrieg gewesen. Die Briten hatten versucht, die Expansion der Kolonien über die Appalachie Mountains hinaus einzuschränken, um Frieden an der Indianergrenze zu halten. Und jetzt sah man die Chance, sich hier möglichst expansiv nach Westen zu bewegen.
**Gábor Paál** (3:55)
Und dann ging es nochmal weiter. Also 20 Jahre später machen die USA einen Deal mit Frankreich, mit dem sich das Staatsgebiet dann auf einen Schlag verdoppelt. Sie kaufen Frankreich praktisch das komplette Mississippi-Becken ab. Also das Gebiet zwischen den Appalachen im Osten und den Rocky Mountains im Westen. Und Präsident war der von Ihnen schon erwähnte Thomas Jefferson.
Was waren dessen Motive da?
**Michael Hochgeschwender** (4:17)
Also sein Motiv war eigentlich erst mal, die Stadt New Orleans zu kaufen, um einen Hafen an der Karibik zu haben. Das war das wichtigste Wirtschaftszentrum in diesem Gebiet, wo viele amerikanische Farmer, die in den Westregionen der damaligen USA agierten, ihre Güter los wurden. Sie waren eigentlich auch die Plantagenbesitzer des Südens.
Und jetzt eröffnete sich die Chance, etwas unerwartet, die Amerikaner hatten damit gar nicht gerechnet, das gesamte Wassereinzugsgebiet von Mississippi und Missouri zu bekommen für einen relativ günstigen Preis.
**Gábor Paál** (4:52)
Ja, also der Historiker Henry Adams hat, glaube ich, mal geschrieben, nie haben die Vereinigten Staaten so viel für so wenig bekommen.
**Michael Hochgeschwender** (5:00)
Ja, vor allem wusste keiner genau, wie viel das eigentlich ist. Also das ist, glaube ich, das Hauptproblem dabei, als Lewis und Clark dann diese Gebiete bereisten und sie haben ihre Mission dann ja noch etwas illegal bis zum Pazifik ausgedehnt, der eigentlich nicht zu diesem Territorium gehörte, also das heutige Washington State und Oregon, einfach um mal zu sehen, was da ist.
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