Warum so viele Ostdeutsche rechts wählen artwork

Warum so viele Ostdeutsche rechts wählen

Das Wissen | SWR

August 28, 2026

Aus Wut auf "die da oben", auf Migranten, Medien, Vielfalt in den Familien wurde eine Lust an der Zerstörung etablierter Strukturen. Hinzu kommt die Sehnsucht nach autoritären Lösungen.
Speakers: Brigitte Urhausen, Tommy Frenk, Ernst Ludwig von Asthelm, Manis Weisskircher, Christa Mauersberger, Benjamin Höne, Rainer Hotop, Oliver Decker, Ulrich Siegmund

Topics: Science

**SPEAKER_1** (0:02)
ARD, Sounds, Das Wissen.

**Brigitte Urhausen** (0:05)
Brattendorf, ein 700 Einwohnerort in Südtüringen. Eine Rentnerin kommt den Gehweg entlang und zeigt auf zwei Bänke gegenüber.

**SPEAKER_3** (0:13)
Die Räder, das ist ja das Zeigen mit vielen Hakenkreuzen eben verdreht.

**Brigitte Urhausen** (0:19)
Die beiden schwarze Sonnen sind aus Kreisornamenten zusammengesetzt mit übereinander gelegten Hakenkreuzen. Ein Symbol der ultrarechten Szene. Seine Verwendung ist in Deutschland nicht strafbar.
Das Symbol wird toleriert im Brattendorf. Ebenso wie das Gasthaus und sein ultrarechter Wirt, Tommy Frenk. 39 Jahre alt, Neonazi, Versandhändler, erfolgreicher Kommunalpolitiker, Arian. Aria ist in Großpustaben auf seinen Hals tätowiert.

**Tommy Frenk** (0:47)
Bei der Gemeinderatswahl hatte ich die meisten Stimmen tatsächlich auch als Einzelkandidat, von denen die angetreten sind, auch mehr als der Bürgermeister. Und in der ganzen Region, wenn sie das beobachtet haben, ist es nicht nur unser Bündnis, sondern auch die AfD, knapp in allen Dörfern hier bei um die 50 Prozent. Selbst in der Kreisstadt haben wir über 40 Prozent geholt.

**Brigitte Urhausen** (1:07)
Wieso erhalten hier in Thüringen, aber auch in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, in denen im September Landtagswahlen anstehen, Neonazis und Rechtspopulisten so viel Zustimmung?

**Ernst Ludwig von Asthelm** (1:19)
Warum so viele ostdeutsche Rechtswählen von Ernst Ludwig von Aster?

**Brigitte Urhausen** (1:26)
An der Wand des Gasthauses zum eisernen Löwen hängen schwarz-weiß Fotos. Die Wehrmacht auf dem Vormarsch. Daneben Bayonette im Schaukasten und eine Sammlung von Panzermodellen. An der Decke riesengroß noch eine schwarze Sonne.
Tommy Frank ist seit mehr als zehn Jahren in der Region im Kleidengeschäft. Er hat Konzerte mit rechtsextremen Bands veranstaltet, betreibt einen Versandhandel für Neonazi-Devotionalien. Er war Mitglied der NPD. Der Thüringische Verfassungsschutzbericht 2025 widmet Frank zweieinhalb Seiten, sieht ihn als, Zitat, zentrale Figur des ungebundenen Rechtsextremismus.
Geschäftlich lief es für Tommy Frank in den letzten Jahren gut, politisch auch. Seine rechtsextreme Wählervereinigung wurde von Wahl zu Wahl stärker, ebenso wie die AfD. Die findet er gut.

**Tommy Frenk** (2:14)
Leute wie Höcke oder Gauland finde ich schon gut und die sollten versuchen, sich in der Partei durchzusetzen. Und das könnte dann, wenn man das FPÖ-mäßig oder Le Pen-mäßig in Frankreich, auf Deutschland umsetzt, auch hier zu einem gewissen Erfolg führen. Also hoffe ich drauf.

**Manis Weisskircher** (2:32)
Das ist in der Tat ein wesentlicher Aspekt, um Rechts, Außen und Politik in Ostdeutschland zu verstehen, dass es eben nicht nur Parteipolitik ist.

**Brigitte Urhausen** (2:42)
Der Politikwissenschaftler Dr. Manis Weisskircher analysiert seit Jahren die Erfolge der AfD im Osten.

**Manis Weisskircher** (2:48)
Manche nennen es das Vorfeld, andere sprechen vom außerparlamentarischen Raum, von der Straßenprotestszene, von den intellektuellen Zirkeln, dass hier Rechts, Außen, Akteure deutlich stärker verankert sind als in Westdeutschland und auch als in vielen anderen westeuropäischen Demokratien.

**Brigitte Urhausen** (3:07)
Weisskircher forscht am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin und lehrt an der TU Dresden. Er verfolgt und vergleicht den Aufstieg der rechtsextremen Parteien in ganz Europa.
In Ostdeutschland gäbe es, anders als im Westen, engere Verbindungen der AfD zur ultra-rechten Szene. Hinzu komme ein geschickter Umgang mit Bürgerinnen und Bürgern, die gegen staatliche Politik auf die Straße gegangen sind.

**Manis Weisskircher** (3:30)
Dass sie im Rahmen von Covid oder im Rahmen der Protestwelle gegen Migration Mitte der 2010er Jahre, dass es die AfD da sehr wohl geschafft hat, sich jenseits der Parteistruktur zu vernetzen und da so etwas wie gemeinsame Stärke, wenn man so möchte, auf der Straße zu zeigen.

**Brigitte Urhausen** (3:48)
Kooperation und Solidarität mit den Protestierern auf der Straße, sowie Provokation im Parlament. Diese Kombination begründete den Erfolg der AfD in den Anfangsjahren in Ostdeutschland.
Sie wurde schließlich Gesamtdeutsch zur erfolgreichsten Neugründung einer Rechts-Außenpartei.

**Manis Weisskircher** (4:06)
In Deutschland gab es bis 2017 keine Rechts-Außenpartei im Parlament. In den meisten anderen westeuropäischen Demokratien war das damals schon der Fall. In einem anderen postfaschistischen Land in Italien waren Rechts-Außenparteien auch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Parlament vertreten.
In den 1990er Jahren gab es erfolgreiche Rechts-Außenparteien in Belgien, in Italien gleich mehrere, in der Schweiz. Deutschland war also eher eine Ausnahme.

**Brigitte Urhausen** (4:37)
Dann brachte es die AfD 2017 bei der Bundestagswahl auf 12,6 Prozent und wurde drittstärkste Partei im Bundestag. Seit 2014 schaffte sie, mit Ausnahme von Schleswig-Holstein, in allen Bundesländern den Sprung über die 5-Prozent-Hürde. In den ostdeutschen Bundesländern erreichte die Partei dabei im Schnitt doppelt so hohe Stimmanteile wie im Westen. Warum ist das so?
Seit mehr als zehn Jahren suchen Soziologen, Psychologinnen und Politikwissenschaftler nach Erklärungsansätzen. Einer davon.

**Manis Weisskircher** (5:08)
Manche Kolleginnen und Kollegen betonen, dass sozialistische Erbe und die DDR-Sozialisation Erfahrungen mit autoritären Systemen und die Argumentation ist hier, dass sich autoritäre Einstellungen reproduzieren würden bei Teilen der Bevölkerung und dies die Wahl der AfD begünstigen würde.

**Brigitte Urhausen** (5:29)
Die These vom autoritären Nachhall. Mittlerweile 37 Jahre nach der Wende.
Eine weitere Erklärung. Brüche in der Biografie durch den deutsch-deutschen Einheitsprozess.

17 more minutes of transcript below

Thousands of transcripts fetched by people building searchable podcast archives

Feed this to your agent

Try it now — copy, paste, done:

curl -H "x-api-key: pt_demo" \
  https://spoken.md/transcripts/1000651996090

Works with Claude, ChatGPT, Cursor, and any agent that makes HTTP calls.

From $0.10 per transcript. No subscription. Credits never expire. Prices exclude VAT, added at checkout for EU customers. Not what you expected? Email us within 14 days with 20 or fewer credits used and we refund the pack in full.

Using your own key:

curl -H "x-api-key: YOUR_KEY" \
  https://spoken.md/transcripts/YOUR_EPISODE_ID