**Agnes Callard** (0:04)
Ich wollte nicht über Sokrates schreiben oder lernen oder Sokrates kommentieren. Ich wollte Sokrates sein. Das einzige, wofür man wirklich einen anderen Menschen braucht, ist die eigene Sicht auf die Welt in Frage zu stellen.
**Barbara Bleisch** (0:17)
Kann man damit auch sagen, Sokrates war eigentlich ein Polyamory-Vertreter avant la lettre?
**Agnes Callard** (0:23)
Wenn ich mit meinem Mann essen gehe, erstelle ich Gesprächsmenüs.
**Barbara Bleisch** (0:34)
Es gibt eine Frage, der wir beständig ausweichen. Wozu das alles? Unser Alltag ist eng getaktet und für grundsätzliche Fragen scheint kaum Raum.
Sokrates hielt genau diese Fragen aber für die allerbesten und war überzeugt, das gute Leben beginnt dann, wenn wir uns diesen grossen Fragen stellen.
Agnes Callard, Philosophie-Professorin in Chicago, gibt Sokrates Recht. Ja, sie für empfiehlt uns allen sogar ein sokratisches Leben. Bloß, was heisst das genau? Ich bin sehr gespannt, ganz herzlich willkommen, Agnes Callard.
**Agnes Callard** (1:07)
Danke, ich freue mich, hier zu sein.
**Barbara Bleisch** (1:09)
Ja, Sokrates ist seit mehr als 2000 Jahren tot. Warum sollten wir uns noch mit ihm beschäftigen?
**Agnes Callard** (1:17)
In vielerlei Hinsicht leben wir in der Welt, die Sokrates geschaffen hat. Sokrates ging auf die Menschen zu und bot ihnen eine neue Art von Gespräch an, wie ein Spiel, das er sich ausgedacht hat und dessen Regeln er ihnen beibringen muss.
Er schlägt ihnen vor, drückt euch klar aus, sagt, was ihr wirklich meint. Sprecht darüber, was euch wirklich wichtig ist. Seid nicht überrascht, wenn ich euch Fragen stelle zu dem, was ihr sagt, und lasst euch nicht davon abschrecken. Denkt nicht, ich will euch verletzen, wenn ich euch herausfordere.
All dies erscheint uns heute selbstverständlich, weil Sokrates diese neue Art des Gesprächs begründete, die keine Debatte, kein Wettstreit und keine Bitte um Information war, sondern eine neue Form einer Untersuchung. Aber wir sind weit davon entfernt, sie perfektioniert zu haben. Jedes Mal, wenn wir merken, dass etwas in unserem öffentlichen Diskurs, unseren Gesprächen und unseren Interaktionen nicht stimmt, sind wir nicht so wohlwollend und offen oder anders gesagt nicht so Sokratisch miteinander, wie wir es gerne wären.
**Barbara Bleisch** (2:35)
D.h., Sie denken, Sokrates hat eigentlich etwas angefangen, was wir noch weiter fortsetzen sollten und vielleicht zur Perfektion führen?
**Agnes Callard** (2:42)
Genau.
**Barbara Bleisch** (2:43)
Nun ist es ja so, wir wissen eigentlich gar nicht so richtig oder ich weiss es nicht, ob wir es wissen, was Sokrates dachte, respektive wir haben überhaupt gar keine Schriften aus seiner Feder, wir haben eigentlich nur das, was andere aufgeschrieben haben, v.a. Platon.
**Agnes Callard** (2:59)
Sokrates hat keine Abhandlungen verfasst, er hat seine Ideen nicht niedergeschrieben. Es finden sich einige Quellen, die seinen Widerstand gegen die Verschriftlichung dokumentieren, weil er dem Gespräch den Vorzug gab.
Er vergleicht Schriften mit Statuen, die für Menschen gehalten werden, bis klar wird, dass sie sich nicht bewegen können.
Was niedergeschrieben worden ist, ist bei jedem Lesen dasselbe. Sokrates war ein Gesprächspartner und kein Schriftsteller. Wir kennen seine Gedanken, weil andere Menschen sie aufgeschrieben haben. Vor allem aber hat er nicht nur eine spielerische, neue Art von Gespräch ins Leben gerufen, sondern auch ein neues Textgenre inspiriert, den sokratischen Dialog. Nach seinem Tod suchten viele nach einer Textform für die Gespräche, die Sokrates führte, darunter auch Platon und Xenophon. Es gibt nicht viele Menschen in der Geschichte, die Gattungen des Schreibens inspiriert haben, nebst Jesus und Sokrates.
**SPEAKER_3** (4:07)
Wie viele Menschen sind in der Geschichte, die Gattungen des Schreibens inspiriert haben, wie Jesus und Sokrates.
**Agnes Callard** (4:14)
Wir wissen also, was Sokrates dachte, weil andere Leute es aufgeschrieben haben.
**SPEAKER_3** (4:19)
Und ich denke, dass......
**Agnes Callard** (4:23)
ja.
**Barbara Bleisch** (4:25)
Interessant ist ja auch, was wir wissen von seinem Leben. Das ist doch eigentlich einiges dafür, dass er schon so lange tot ist. Wir wissen, dass er der Sohn eines Steinmetzes war, seine Mutter war Hebamme, er war auch ein Familienvater, er lebte in Athen. Und er verwickelte, wie sie es schon gesagt haben, unterschiedlichste Menschen, auch sehr mächtige Menschen, in sehr komplizierte Gespräche, die manchmal geradezu demaskierend waren. Und das mochten nicht alle. Und zwar mochten sie es so sehr nicht, dass man ihn schlussendlich zum Tode verurteilt hat. Der musste dann den sogenannten Schierlingsbecher trinken, mit dem Gift drin. Man würde eigentlich heute vielleicht sagen, er wurde gecancelt.
Man könnte vielleicht auch sagen, er war ein Public Intellectual avant la lettre.
**Agnes Callard** (5:07)
Es ist bemerkenswert, wieviel wir über Sokrates wissen, wenn man bedenkt, wie wenig wir sonst über berühmte Menschen in der Antike wissen.
Das verdanken wir der reichen Quellenlage. Man sprach gerne über Sokrates.
**Barbara Bleisch** (5:26)
Das war ja so beeindruckend, oder?
**Agnes Callard** (5:29)
Nach Sokrates Hinrichtung wegen seiner philosophischen Tätigkeit wurden in der hellenistischen Zeit eine ganze Reihe von philosophischen Zirkeln gegründet. Neben Platon und der Akademie gab es auch Aristoteles und die Peripatetiker, die Stoiker und die Skeptiker. Für all diese Gruppen war Sokrates das Aushängeschild ungeachtet ihrer unterschiedlichen Ansichten und Herangehensweisen. Er wurde zum Symbol der Philosophie und jeder Kreis sah sich als der wahre Sokrates-Kreis.
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