Tsitsi Dangarembga – feministische Stimme Afrikas artwork

Tsitsi Dangarembga – feministische Stimme Afrikas

Sternstunde Philosophie

June 20, 2026

Tsitsi Dangarembga war die erste schwarze Frau in Simbabwe, die Romane veröffentlicht und Filme gedreht hat. Heute zählt sie zu den einflussreichsten Stimmen weltweit. In seiner letzten Sendung spricht Yves Bossart mit ihr über Feminismus in Afrika und über Kunst als Widerstand.
Speakers: Tsitsi Dangarembga, Yves Bossart, Christina Cara
**SPEAKER_1** (0:01)
SRF Audio Bis Anfang 20 hatte ich das Wort Feminismus noch nie gehört.

**Tsitsi Dangarembga** (0:12)
Simbabwe ist kein armes Land. Die Armut wurde künstlich hergestellt. Armut ist eine Waffe.

**Yves Bossart** (0:17)
Es ist ja auch eine Wut da, kann ich mir vorstellen. 1890, davor war das ein reiches, blühendes Land.

**Tsitsi Dangarembga** (0:25)
Man hat nichts angehäuft. Man hat gearbeitet, um so viel zu haben, wie man brauchte.
Es geht nur um das Wohlsein, nicht nur für mich, sondern auch für andere.

**Yves Bossart** (0:40)
Und wenn jetzt jemand sagt, ich brauche einen Ferrari und weiss nicht, wie viel Luxus, um mich wohlzufühlen, was sagen Sie dem?
Herzlich willkommen. Ja, das ist meine letzte Sendung Sternstunde Philosophie. Ich wäre traurig, bin es aber nicht, weil mir gegenüber eine tolle Gästin sitzt. Tsitsi Dangarembga kommt aus Simbabwe im Süden Afrikas. Sie war die erste schwarze Frau ihres Landes, die Romane geschrieben und Filme gedreht hat. Heute zehrt sie zu den einflussreichsten Stimmen Afrikas und meint, der Kolonialismus, der ist noch nicht vorbei. Tsitsi Dangarembga kämpft für die Rechte von schwarzen Frauen und sie prangert immer wieder Missstände an in ihrem Land. Dafür würde sie zuletzt sogar verhaftet. Heute ist sie zum Glück hier. Herzlich willkommen, Tsitsi Dangarembga.

**Tsitsi Dangarembga** (1:37)
Hallo Yves, danke für die Einladung.

**Yves Bossart** (1:39)
Es ist mir ein Vergnügen. Fangen wir mit einer These an, die ich gerade gesagt habe. Sie sagen, der Kolonialismus ist noch nicht vorbei. Zumindest in unseren Köpfen ist er noch da.
Wie muss ich das verstehen?

**Tsitsi Dangarembga** (1:59)
Kolonialismus wirkt an vielen Orten. Zu diesen Orten gehören in erster Linie natürlich die betroffenen Länder.
Dieser Kolonialismus spielte sich in vergangenen Jahrhunderten ab, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch im sog. globalen Süden.

**Yves Bossart** (2:18)
Gegen Mitte des letzten Jahrhunderts entschlossen die Kolonialmächte, die sich hauptsächlich im nordwestlichen Teil der Welt befanden, dass die Kolonien ihnen nichts mehr nützten.

**Tsitsi Dangarembga** (2:27)
Sie entließen die Länder in eine theoretische Unabhängigkeit. Aber das Wirtschaftssystem, das von Europa in die Welt exportiert worden ist, blieb bestehen. In der Blütezeit der Kolonialisierung hatte Europa tatsächlich etwa 85 % der Weltbevölkerung kolonialisiert.

**Yves Bossart** (2:55)
Das ist unvorstellbar. So viel, so viel. Allein England gehört, glaube ich, die halbe Welt vor 100 Jahren.

**Tsitsi Dangarembga** (3:06)
Man sagte, die Sonne gehe im britischen Empire nie unter. Es gab immer irgendwo eine britische Kolonie, in der die Sonne schien.
Eine solche Praxis bedingt, dass man einen ganzen Apparat aufbaut, um dieses System am Laufen zu halten. Wenn man nur einen Teil dieses Räderwerks herausnimmt, wie die eigentliche politische Kolonialisierung, bedeutet das nicht, dass auch alle anderen Teile des Systems abgebaut werden.

**Yves Bossart** (3:37)
Genau, sie haben die wirtschaftliche, die ökonomische Abhängigkeit erwähnt. Darauf kommen wir sicher auch noch kurz zu sprechen. Aber diese mentale Geschichte, die Vorurteile, die wir im Kopf haben, das Denken über den Kontinent Afrika z.B., auch da zeigt sich noch diese Muster.

**Tsitsi Dangarembga** (3:57)
Dem Kolonialmächten war die entsprechende Billigung ihrer Bevölkerung wichtig.

**Yves Bossart** (4:02)
Dafür mussten die Menschen schätzen lernen, was die Kolonien den Kolonisatoren boten.

**Tsitsi Dangarembga** (4:13)
Es galt also, ein Bild der Normalität zu zeichnen, gemäss dem, die Menschen dort es verdient hätten, kolonialisiert zu werden. Man täte ihnen damit einen Gefallen, weil ihre Lebensweise nicht gut wäre.

**SPEAKER_1** (4:29)
Dies waren die Botschaften, Narrative und Bilder der Kolonisationssysteme, die aus den Kolonien zu den Leuten gelangten und haften blieben.

**Tsitsi Dangarembga** (4:38)
Der Durchschnittsbürger war nie dort gewesen und hatte sich kein eigenes Bild gemacht. So glaubten sie natürlich, was man ihnen erzählte.

**SPEAKER_1** (4:46)
So, of course, they would believe what they were being told to.

**Yves Bossart** (4:52)
Wir haben heute noch diese Bilder, diese Narrative, diese Vorurteile im Kopf, wenn wir über Afrika denken. Die meisten von uns wissen nicht mal, wo welches Land ist.
Und wir haben auch viele negative Vorurteile im Kopf. Viele denken an Armut, an Kriege, an Krankheiten, an Korruption und so weiter. Wie gehen Sie mit diesen Vorurteilen um? Oder welche stören Sie besonders? Welche Bilder haben wir im Kopf hier im globalen Norden oder in Europa, sag ich jetzt mal?

**Tsitsi Dangarembga** (5:25)
Problematisch finde ich nicht so sehr die Bilder, die die Menschen im globalen Norden haben, sondern dass es keine Möglichkeit gibt, sie zu korrigieren. Wie Sie sagten, werden diese Bilder durch die Narrative aufrechterhalten. Das geschieht natürlich in den Medien. Auch Kunst und Kultur fliessen in bestimmte Narrative ein.
Es geht um wirtschaftliche Interessen.

**Yves Bossart** (5:54)
Und da die Wirtschaft dieser Produktionssysteme vom globalen Norden kontrolliert wird, werden diese Bilder weitergeführt.

**Tsitsi Dangarembga** (6:04)
Wirklich problematisch ist für mich die Lenkung der Information über die Narrative.

**Yves Bossart** (6:11)
Und selbst bei Kunst, bei Literatur, bei Theater, bei Filmen, dass sie ja alles gemacht haben, wir werden darauf noch zu sprechen kommen. Und sie haben gesagt, es gibt gar keine Rollen, keine Theaterrollen für schwarze Frauen z.B. Und deswegen, das war auch ein Grund, warum sie angefangen haben, selbst Geschichten zu erzählen, zu schreiben, wo also sozusagen denen eine Stimme gegeben wird, die keine haben.

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