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Tierschutz im Reitsport – Was Pferde leisten und wann sie leiden

Das Wissen | SWR

August 10, 2026

Am 11. August 2026 startet in Aachen die Reit-WM. Nach einer Regellockerung wird über das Tierwohl im Pferdesport diskutiert: Wie viel Leistungsdruck darf sein?
Speakers: Jennifer Stange, Elisabeth Findeis, Andreas Brenner, Ulrich Raulff, Michael Köhler, Ludger Beerbaum, Peter Höfken, Dennis Peiler, Vivienne Gabor

Topics: Science

**SPEAKER_1** (0:02)
ARD, Sounds, Das Wissen.

**Jennifer Stange** (0:09)
Leipzig, Januar 2026, Weltcup-Turnier im Springreiten. Ein Grauschimmel fliegt mit viel Luft zwischen Bauch, Beinen und Balken über das Hindernis. Geordnet im Absprung, die Ohren nach vorn. Als wäre Pennywise, so heißt der Wallach unter der Schwedin Sophia Westborg, neugierig auf den nächsten Sprung.
Aber wie geht es im Tier wirklich? Im Leistungssport ist der Druck groß, gerade auch auf die Pferde.
Und der Reitsport sorgt immer wieder für brutale Schlagzeilen.

**Elisabeth Findeis** (0:42)
Reiterinnen, die Pferde schlagen. Blutende Pferde, die nicht automatisch von einer internationalen Springprüfung ausgeschlossen werden. Das Pferd als Sportpartner oder Sportgerät. In den Kommentarspalten auf Social Media liest man immer wieder, Pferdesport ist Tierquellerei. Aber stimmt das wirklich oder geht Leistungssport auch mit zufriedenen Pferden?

**Jennifer Stange** (1:03)
Auch beim Weltcup-Tournee in Leipzig wird es eine traurige Nachricht geben. Der Hengst Dagani muss nach einem Unfall eingeschläfert werden. Am 11 August startet in Aachen die Reit-WM.
Und über den Sport hinaus wird diskutiert, was darf Pferden im Wettkampfalltag zugemutet werden?

**SPEAKER_1** (1:22)
Tierschutz im Reitsport.
Was Pferde leisten und wann sie leiden. Von Jennifer Stange.

**Jennifer Stange** (1:29)
Kaum ein Tier steht dem Menschen so nah wie das Pferd. Und kein anderes muss gleichzeitig so viel für ihn leisten. Die Pferd-Mensch-Beziehung ist heikel.
Das sagt Andreas Brenner. Er ist Philosoph und Professor an der Universität Basel. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Tierethik und der Frage, wie Menschen Tiere wahrnehmen und welche Vorstellungen sie dabei auf sie übertragen.

**Andreas Brenner** (1:56)
Da wir das Tier nicht eins zu eins verstehen, wir Menschen verstehen uns ja auch nie eins zu eins, aber doch mehrheitlich etwas mehr als die Tiere, weil das Verständnis hier noch komplexer, noch schwieriger ist, ist ja noch mehr Vorsicht geboten.

**Jennifer Stange** (2:15)
Andreas Brenner meint auch, das Pferd ist nicht das Missverständnis, sondern häufig der Mensch. Normalerweise könnten Pferde ihre Bedürfnisse ziemlich gut zeigen.

**Andreas Brenner** (2:25)
Man kann doch beobachten, so etwas wie Freude an einer Herausforderung oder Angst, also gerade die Angst homonisiert dann in der gleichen Weise, wie wir Menschen das auch tun, nämlich mit Nein.

**Jennifer Stange** (2:40)
Wenn das Pferd etwa vor einem Hindernis scheuen würde, läge es in der ethischen Verantwortung seines Reiters entsprechend mit ihm umzugehen, sagt Andreas Brenner. In solchen Situationen zeige sich, wie die oft romantisierte Partnerschaft zwischen Tier und Mensch in Schwanken geraten könne.

**Andreas Brenner** (2:59)
Dass der Status des Partnerseins im Sinne der Gleichberechtigung schnell einmal kippt, wenn eben die entsprechende Leistung nicht erbracht wird.

**Jennifer Stange** (3:11)
Dann beginnt das Ziehen und Drücken. Auf mehr oder weniger feine Art versuchen die Reiterinnen und Reiter, dem Pferd zu sagen, wo und wie es weitergeht. Sie treiben mit den Sporen und bremsen gleichzeitig, im Sattel stehend, als würden sie sich an den Zügeln festhalten wie an Haltegriffen.
Beim Weltcup-Turnier in Leipzig lassen sich solche Szenen häufiger beobachten, vor allem in den unteren Klassen und beim Nachwuchs. Das Pferd verweigert den Sprung. Reiter und Pferd ringen um den richtigen Moment vor dem Hindernis. Mal wirkt das beinahe mühelos, mal sieht es eher nach Auseinandersetzung aus als nach Harmonie.

**Ulrich Raulff** (3:56)
Meine Mutter hatte mal eine sehr schöne und sehr liebe Stute namens Cora.
Da wurde ich auch oben drauf gesetzt, ich war drei oder vier Jahre alt oder so. Aber irgendwann machte sie aus einem kleinen Möck eine scharfe Links- oder Rechtskurve und lag ich wieder unten. Dann blieb sie aber sofort stehen und drehte sich zu mir um. Mit einem Blick, der zwischen Mitleid und Sport changierte, saß ich nach mir um und fragte mich, was machst du denn hier?

**Jennifer Stange** (4:27)
Schon mit etwa 15 Jahren hat Ulrich Raulff aufgehört zu reiten. Pferde aber haben ihn nie losgelassen. In seinem Buch Das letzte Jahrhundert der Pferde beschreibt er die Geschichte der Jahrtausende alten Beziehung zwischen Mensch und Pferd.
Am Anfang ist die Mensch-Pferd-Beziehung vor allem eine Arbeitsbeziehung. Pferde helfen. In der Landwirtschaft, im Krieg. Sie sind für den Menschen Nutztiere.

**Ulrich Raulff** (4:54)
Ich meine, wenn die ganz langsam da rangeführt werden und man setzt immer, hält sie gut fest, man setzt ein Kind oder so auf sie und so, dann ist das anders. Dann geht das ganz zutsch.
Aber wenn sich jemand irgendwie auf ein Pferd, was noch nie einen Reiter getragen hat, drauf setzt oder drauf springt, dann dreht das durch. Und der wird natürlich dann im weiteren Verlauf des Lernprozesses, wird dieser Reflex umgebaut, umkodiert, gebrochen. Die Amerikaner sagen ja, also für das Einreiten eines Pferdes, sie sagten Breaking a horse.

**Jennifer Stange** (5:40)
Pferde leisten Erstaunliches. Aber nicht, weil sie sich beliebig zwingen lassen, sondern weil sie dem Menschen vertrauen.
Sie reagieren auf den Menschen, erinnern sich, verweigern, kooperieren oder eben nicht.

**Ulrich Raulff** (5:55)

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