**SPEAKER_1** (0:01)
SRF-Audio Indien, das Land der Gegensätze. Auf der einen Seite extreme Armut, auf der anderen enormer Reichtum und krasse Hierarchien innerhalb der Gesellschaft. Wo man steht, ob oben oder unten, das steht schon bei der Geburt fest, weil in die Gesellschaftsschicht, in die sogenannte Kaste, wird man geboren. Ganz unten stehen die Dalit. Das sind etwa sechs Millionen Inderinnen und Inder, die bis heute Drecksarbeit machen müssen. Hunderttausende fangen die Strassen, machen tollen sauber, oder, und das ist wirklich die schlimmste von allen Arbeiten, müssen Klärgruppen putzen, also menschliche Exkremente wegmachen mit den Paarenhänden. Unsere Südasien-Korrespondentin Maren Peters hat in Mumbai eine solche Dalit getroffen, die die sogenannte verbotene Arbeit machen. Und ich wollte als Erstes von ihr wissen, wie sie eigentlich auf das Thema kam.
**Maren Peters** (0:57)
Ich habe vor ein paar Monaten einen zehn Jahre alten Podcast, der BBC im Flugzeug gehört, über einen Dalit aus Mumbai mit einer unglaublichen Geschichte. Als sein Vater starb, erbte er dessen Beruf, da war er 25 Jahre alt. Er musste dann menschliche Exkremente mit der Hand aufsammeln und wegputzen an Orten, an die keine Maschine kam. Aber das war noch nicht alles. Dieser Fäkalienputzer, der da liet, der hatte damals schon vier Studienabschlüsse in Journalismus, politischen Wissenschaften, Recht unter anderem, und er räumte trotzdem noch den Dreck anderer Leute weg, weil ihn niemand befördern wollte. Seine Vorgesetzten, die gehörten höheren Kasten an, die wollten ihn nicht aufsteigen lassen, obwohl es in der Stadtverwaltung, für die er arbeitet, Regeln gibt, die vorsehen, dass Leute mit Bildung befördert werden müssen. Ich fand das unglaublich und habe dann Kontakt zu diesem Dalit aufgenommen und ihn hier in Mumbai getroffen. Und er stellte sich heraus, inzwischen hat er sogar sieben Abschlüsse, sitzt gerade an seiner Doktorarbeit und putzt immer noch den Dreck weg. Inzwischen aber arbeitet er am Müllauto. Und diese ganze Geschichte, die fand ich ziemlich irre.
**SPEAKER_1** (2:05)
Ja, also, da muss ich dir beiblichten, das ist ja wirklich unglaublich. Und dann hast du das Thema angefangen zu recherchieren.
**Maren Peters** (2:12)
Genau, dann bin ich auf die Suche gegangen. Ich habe schnell gemerkt, dass da ein ganzes System dahintersteckt, das indische Kastensystem. Das ist ja, die Gesellschaft ist in vier Kasten aufgeteilt oder Klassen aufgeteilt. Ganz unten am Boden sind die Dalit. Und selbst bei denen gibt es noch Unterkasten. Und diese untersten der unteren, die putzen eben traditionell den Dreck und die exquisite Scheiße der oberen Kasten weg. Und sie machen das immer noch, obwohl diese unmenschliche Arbeit in Indien seit 2013, also seit mehr als zehn Jahren, schon verboten ist. Und die Begründung, die liefert die Religion, der Hinduismus, der geht ja davon aus, dass Menschen wiedergeboren werden und sagt bei den Dalit, dass sie sich im letzten Leben eben nicht anständig verhalten haben und darum im jetzigen Leben dafür bestraft werden müssen. Und da die allermeisten Menschen hier in Indien sehr religiös sind, akzeptieren das viele Leute einfach so. Es ist recht, wenn sie nicht gebildet sind.
**SPEAKER_1** (3:10)
Ja, um was wollen wir das nicht mitmachen?
**Maren Peters** (3:12)
Man kann diesem Schicksal nicht entkommen oder nur sehr schwer entkommen, da wird man eben reingeboren. Und da die oberen Kasten davon profitieren, habe ich natürlich überhaupt kein Interesse daran, dieses Jahrhunderte-alte-System zu ändern und den Dalit mehr Rechte einzuräumen. Das ist wie ein Freifahrtschein für Ausbeutung, obwohl in der indischen Verfassung alle Menschen gleich sind.
**SPEAKER_1** (3:35)
Sind das dann eigentlich viele Leute, die so eine Arbeit machen müssen? Oder sind das Einzelfälle?
**Maren Peters** (3:41)
Nein, das sind überhaupt keine Einzelfälle. Es gibt zwar keine aktuellen, offiziellen Zahlen. Die letzte Volkszählung hier in Indien war 2011, also schon lange her, und danach ist diese Arbeit per Gesetz verboten worden. Darum werden die Zahlen eben nicht erhoben. Aber Schätzungen von Aktivisten, mit denen ich gesprochen habe, gehen von Hunderttausenden aus.
Die meisten sind Dalit, die früher Unberührbare genannt wurden, weil sie bei den höheren Kasten als unrein gelten. Allein in der Wirtschaftsmetropole Mumbai, wo ich lebe, sollen es bis zu 40'000 Leute sein, die Fäkalien wegräumen, v.a. in Gullis oder Klärgruben, meist ungeschützt mit der bloßen Hand. Das ist sehr gefährlich, gerade bei den Klärgruben-Arbeitern. Es sind fast immer Männer. Es gibt immer wieder tödliche Unfälle, weil diese Männer in Klärgruben giftige Gase einatmen und dann sterben.
**SPEAKER_1** (4:36)
Das ist eine unglaublich gruselige, auch entwürdigende Arbeit, die diese Leute machen müssen. Schämen sie sich für den Job, den sie machen?
**Maren Peters** (4:44)
Oh ja, die schämen sich sehr.
Es will niemand zugeben, dass er diese Arbeit macht. Nicht einmal in der eigenen Familie habe ich gelernt. Ein Dalit, mit dem ich gesprochen habe, inzwischen ist er ein bekannter Aktivist, der hat mir erzählt, er habe sich umbringen wollen, als er dann erfahren habe, dass seine Eltern und ein Bruder diese Arbeit machen. In ihrem Fall war das Fäkalien aus Plumpsklos wegräumen in Südindien. Dieser Mann hat das erst erfahren, als er 17 oder 18 Jahre alt war. Die Familie wollte das Geheimhalten vor ihm. Trotzdem wussten das natürlich alle anderen. Er wurde in der Schule immer gehänselt und ausgegrenzt, wusste aber gar nicht warum, bis ihm dann eben die Augen aufging, als er den Grund erfahren hat. Das war ein riesiger Schock für ihn.
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