Schwul, Muslim, Ex-Salafist: Deshalb stehe ich auf Feindeslisten. Mit Tugay Saraç artwork

Schwul, Muslim, Ex-Salafist: Deshalb stehe ich auf Feindeslisten. Mit Tugay Saraç

RONZHEIMER.

July 29, 2026

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD spricht Paul Ronzheimer mit Tugay Saraç, Ex-Salafist, schwuler Muslim und Berater von Sicherheitsbehörden.
Speakers: Tugay Saraç, Paul Ronzheimer
**Tugay Saraç** (0:01)
Die Debatte muss knallhart, offen und ehrlich geführt werden. Und da müssen wir alle Verbände, alle Interessensvertreter der muslimischen Gemeinden auch in Verantwortung nehmen, sich zu äußern.
Und aktuell passiert ja das Gegenteil. Die Politik hofiert diejenigen, die queere Menschen ja verunglimpfen.

**Paul Ronzheimer** (0:25)
Der islamistische Anschlag auf den Berliner CSD hat die Debatte über Islamismus und Queerfeindlichkeit in Deutschland neu entfacht. Für meinen heutigen Gast ist das allerdings keine neue Realität. Tugay Saraç ist selbst schwuler Muslim, steht auf Feindeslisten islamistischer Gruppen und die Berliner LBN-Ruscht-Göthe-Moschee, in der sich für einen liberalen Islam und queere Muslime engagiert, war selbst Ziel eines geplanten islamistischen Anschlags.
Wie lebt es sich als schwuler Muslim in Deutschland? Warum werden queere Menschen zum Feindbild islamistischer Gruppen? Und was muss sich nach dem Anschlag auf den CSD jetzt ändern? Tugay kennt den Islamismus aus zwei Perspektiven. Er war selbst mehrere Jahre Teil der salafistischen Szene, bevor er ausstieg. Heute berät er Politik und Sicherheitsbehörden, arbeitet mit Jugendlichen an Schulen und setzt sich für einen liberalen Islam sowie die Rechte queerer Menschen ein. Wir haben uns kennengelernt vor einer Reportage Ronzheimer Wie geht's Deutschland 2024? Tugay, ich freue mich, dass wir uns wiedersehen.

**Tugay Saraç** (1:33)
Danke Paul für die Einladung. Ich freue mich auch.

**Paul Ronzheimer** (1:36)
Tugay, du warst selbst am Samstag auf dem CSD in Berlin unterwegs, als dieser grausame Anschlag passierte. Wie hast du das Ganze dort erlebt?

**Tugay Saraç** (1:47)
Also, ich bin Gott froh, dass ich und niemanden, den ich kenne, irgendwie zu Schaden gekommen ist. Also es ist ganz furchtbar, was da passiert ist. Wir wussten erstmal gar nicht, was los ist. Also ich bin Mitglied des CSD Berlin e.V. und dann gibt es immer ein Mitgliederbereich neben dem Brandenburger Tor Richtung Reichstag. Und da waren wir drin, meine Schwester, meinen Ehemann und ich. Und plötzlich wurden da die Notausgänge aufgemacht, diese Zäune. Und wir dachten, was ist denn jetzt los? Und der Sicherheitsmann lief da hoch und runter und hat alle rausgeschickt, hat gesagt, sofort raus, es wird evakuiert. Und da wussten wir noch nicht, was los ist. Kurz vorher hatten wir meine Schwester verloren, deswegen sind wir Richtung Paul Löberhaus gelaufen, haben sie Gott sei Dank gefunden. Sind dann ans Ufer, wo ja aktuell eigentlich ein Freiluftkino ist, wo ein Film vorgestellt wird über die Wiedervereinigung. Und der wurde abgesagt. Und da dachten wir, wenn das abgesagt ist, ist das jetzt was Ernstes scheinbar.
Aber dann wollten wir großräumig umlaufen. Wir wollten nicht in der Nähe des CSD sein, weil wir dachten, es könnte ja jetzt wirklich was Schlimmes sein. Sind also Richtung Charité gelaufen über die Brücke.
Und dann fuhr ein Krankenwagen nach dem anderen an uns vorbei. Und ein Polizeivagen nach dem anderen. Ein Helikopter flog über uns. Das zog sich für eine knappe Stunde, dass wir da langsam in die Richtung gelaufen sind. Und da wurde es dann doch sehr ernst. Und irgendwann kam ja die Nachricht von der Bildzeitung, dass da ein Auto in die Menschenmenge reingerast ist. Und das war dann doch sehr emotional. Also das hat mich ziemlich mitgenommen, uns alle ziemlich mitgenommen. Und da hab ich dann auch echt weinen müssen, weil das echt schrecklich ist.

**Paul Ronzheimer** (3:43)
Ich hab ja grad schon angerissen, dass du Selbsterfahrung hast mit islamistischen Bedrohungen, weil du dich eben als Muslim für queere Menschen und queere Muslime und Offenheit einsetzt. Auf deine persönliche Geschichte kommen wir gleich noch, weil die auch viel erzählt. Aber nochmal in Richtung CSD gefragt, hat dich das überrascht? Oder gehst du als jemand, der so sensibilisiert ist bei dem Thema, am Ende auch auf den CSD und du weißt, dass das Ganze theoretisch Ziel sein kann?

**Tugay Saraç** (4:18)
Ja, das ist immer ein Gedanke tatsächlich. Die Gefahr ist ja da, das wissen wir alle. Wir haben europaweit jetzt Anschläge gehabt auf queere Veranstaltungen, ob in Norwegen, in Großbritannien. Und gerade, wenn wir dann als Team mit unserem Liebe ist Halal-Merch da ja auch rumlaufen, Sticker verteilen, machen wir uns dann auch manchmal Gedanken, wie kommt das jetzt eigentlich an?
Man merkt es ja auch bei diversen Sicherheitspersonen, das muss man auch sagen. Die Kritik äußere ich immer. Die Leute, die die Trucks quasi absichern mit den Seilen, sind ja teilweise Menschen, die uns überhaupt nicht ausstehen können. Das ist eine Katastrophe, die sind teilweise agro gewesen, auch in den letzten Jahren uns gegenüber. Inwiefern?

**Paul Ronzheimer** (5:07)
Was sind das? Das sind die Sicherheitsleute dann dort für die Trucks, oder?

**Tugay Saraç** (5:12)
Genau, genau. Und die Sorge war dann immer da, dass was passieren könnte. Es ist so eine große Veranstaltung mit so vielen Menschen.
Da hatte ich schon auch das Gefühl, dass das ja, das zieht ja Terroristen, glaube ich, an, die Gedanke da was zu machen. Der ist, glaube ich, ziemlich groß bei Terroristen. Und jetzt haben wir es gesehen, dass es passiert ist. Ja.

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