**Robert Stadlober** (0:04)
2002 Auf der karibischen Insel Puerto Rico ruft eine Senatorin zu einem Kreuzzug gegen Sex, Drogen und Reggaeton auf. Die Sängerin Ivy Queen singt, sie möchte tanzen. Ihre Lebensfreude ist auch eine Form von Widerstand. Das ist die Geschichte einer heißen Partynacht.
Das ist die Geschichte von Quiero Bailar.
**Stefan Niederwieser** (0:42)
Hallo, mein Name ist Stefan Niederwieser.
**Robert Stadlober** (0:45)
Ja und ich heiße Robert Stadlober.
**Stefan Niederwieser** (0:46)
Hallo Robert. Heute geht es ja um Sex, Drogen und Gewalt.
**Robert Stadlober** (0:50)
Auwe, dann geht es heute quasi um Themen für Erwachsene, eine Sendung für Erwachsene.
**Stefan Niederwieser** (0:54)
Ja, die Dinge sind natürlich immer ein bisschen komplizierter. Da spielen soziales Geschlecht, soziale Klasse und so weiter rein und insbesondere auf Puerto Rico.
**Robert Stadlober** (1:03)
Ja, man kann wohl sagen, Sex ist Sex, aber auch Sex ist politisch und unter gewissen gesellschaftlichen Voraussetzungen noch einmal in größerem Maße als sonst.
**Stefan Niederwieser** (1:13)
Und Ivy Queen singt in diesem Song Quiero Bailar im Refrain.
**Robert Stadlober** (1:17)
Ich will tanzen, du willst schwitzen, an mich ran die Körper reiben. Ich sage dir, nur weil ich so mit dir tanze, heißt das nicht, dass ich mit dir ins Bett gehe.
**Stefan Niederwieser** (1:27)
Das klingt jetzt vielleicht noch nicht wahnsinnig radikal, aber Ivy Queen zieht damit eine klare Grenze. Und wir reden hier ja über das Jahr 2002
**Robert Stadlober** (1:35)
Ja, 2002 waren einige Dinge noch anders, als sie heute sind. Aber für das Musikmagazin Rolling Stone ist Quiero Bailar ohne Zweifel die größte feministische Hymne in der Geschichte von Reggaeton.
**Stefan Niederwieser** (1:46)
Für dieses Magazin schreibt die Journalistin Susie Esposito. Und mit ihr habe ich mich unterhalten über Reggaeton und diesen Song.
**Petra Rivera-Rideau** (1:54)
Reggaeton war die Musik der Menschen. Das ist Musik, die vor allem von schwarzen und braunen Menschen in den Karibien gemacht wurde.
**Robert Stadlober** (2:15)
Sie sagt, Reggaeton ist die Musik der einfachen Leute, und zwar vor allem der in der Karibik auf der Insel Puerto Rico, die auf eine gewisse Art eine Kolonie der USA ist, auch wenn anderes behauptet wird.
Also ich sag, es gibt viele Parallelen zur Geschichte des Hip-Hop, gerade beim Reggaetón in den 90ern. Also auch illegale Partys, die von der Polizei aufgelöst werden, das Ganze irgendwie als Ventil für Repression der einfachen Leute.
**Stefan Niederwieser** (3:13)
Und weil die Insel in der Karibik auch ein Umschlagplatz für Drogen ist, werden manche dieser Leute auf der Insel kriminell. Oft passiert es in Gangs.
**Robert Stadlober** (3:56)
Ja, die Journalistin sagt, Reggaetón gibt eben auf eine gewisse Art und Weise das Leben der einfachen Leute wieder. Seine schlimmen Seiten, aber eben auch seine schönen. In den Texten geht es auch um Partys, darum Leute zu treffen, zu tanzen, sich zu verlieben etc.
**Stefan Niederwieser** (4:09)
Und diese demonstrative Lebensfreude angesichts dieser Umstände ist eine Form von Widerstand.
**Robert Stadlober** (4:15)
Zeittafel. 1898 wird das spanische Puerto Rico zu einem Außenterritorium der USA. In den 1950ern wandern viele Puerto Ricaner in die USA als billige Arbeitskräfte aus. 1993 verkündet der Gouverneur der Insel, er wolle die Kriminalität mit einer eisernen Hand zerschlagen. Sozialbauten werden gestürmt, Kassetten beschlagnahmt. 2001 werden über 30 Polizeioffiziere verhaftet, die offen mit Drogen gehandelt haben.
2002 will eine Senatorin einen Kreuzzug gegen Reggaeton führen, weil diese Musik Sex und Gewalt verherrlichen würde. So sind wir nicht, sagt sie.
**Stefan Niederwieser** (4:53)
Hören wir dazu bei DJ Joe hinein. Was für Melonen. Mami, was für Melonen.
Reggaeton ist nun ganz wesentlich karibische Musik. Panama, die Dominikanische Republik oder New York sind wichtige Stationen in der Frühentwicklung. Mit der Arbeitsmigration aus New York zum Beispiel kommt die Musik dann wieder nach Puerto Rico. Das heisst, Reggaeton mit spanischen Texten vermischt sich mit diesem charakteristischen Dembo Rhythm.
Und mit Hip-Hop.
**Robert Stadlober** (5:50)
Also das heißt, Dancehall, Reggae und Reggaetón sind eng verwandt.
**Stefan Niederwieser** (5:56)
Ja, das merkt man zum Beispiel an dem Begriff Reggaetón. Das ist nämlich eine Zusammensetzung aus Reggae und Marathon. Also im Grunde eine lange Reggae und Dancehall Party.
**Robert Stadlober** (6:06)
Und doch schon auch etwas anderes.
**Stefan Niederwieser** (6:08)
Reggaetón ist nämlich moderner. Es verwendet mehr Synthesizer und mehr digitale Produktionsmittel. Das zweite Album von Ivy Queen heißt zum Beispiel The Original Root Girl. Das ist ein Begriff aus Jamaika.
**Robert Stadlober** (6:21)
Root Boy, Root Girl, das heißt dann wohl, dass Ivy Queen sich nichts gefallen ist. Also Root Boys sind so ein bisschen die Rebel Boys in der Geschichte des Reggae, oder?
**Stefan Niederwieser** (6:29)
Oder frei übersetzt auch die echte Gaunerin. Und Ivy Queen wird auf San Juan in einem Club entdeckt. Dieser heißt The Noise. Die Mixed Apes, die dort produziert werden, sind so was wie kleine Meilensteine in der Geschichte von Reggaetón. Manchmal wird der Club deshalb als Motown von Puerto Rico bezeichnet. Und dort etabliert sich einerseits dieses Dembo-Rhythm, und andererseits wird Pereo dort groß.
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