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Putschversuch in der Türkei 2016 und die Oppositionsbewegung heute

Das Wissen | SWR

July 14, 2026

In der Nacht zum 16. Juli 2016 putschten Teile des türkischen Militärs – und scheiterten. Welche Folgen hat der Putsch noch heute? Und wohin steuert die Türkei zehn Jahre danach?
Speakers: Benjamin Weber, Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kabulcu, Can Cumhurcu, Fatma Oka, Nihal Olcok, Ilhan Uzgel, Dennis Göktas
**SPEAKER_1** (0:03)
Das Wissen.

**Benjamin Weber** (0:04)
Der 15 Juli ist ein Feiertag in der Türkei. Der Demokrasie Wehmi Libirlik Günü, der Tag der Demokratie und der nationalen Einheit, soll an die Nacht vom 15 auf den 16 Juli vor zehn Jahren erinnern. Damals putschten Teile des türkischen Militärs. Staatspräsident Erdogan rief die Bürgerinnen und Bürger der Türkei auf die Straßen und Plätze, um sich den Soldaten entgegenzustellen.
Dabei starben mehr als 250 Menschen, Tausende wurden verletzt.
Für den Staat sind die toten Märtyrer, die die Türkei verteidigt haben. Landesweit wurden Straßen, Brücken und Plätze nach ihnen benannt.

**SPEAKER_3** (0:43)
Putschversuch in der Türkei 2016 und die Oppositionsbewegung heute von ARD-Korrespondent Benjamin Weber.

**Benjamin Weber** (0:51)
Noch in der Nacht des Putschversuchs sagt Präsident Erdogan Sätze, die berühmt werden.

**Recep Tayyip Erdogan** (0:59)
Dieser Aufstand ist ein großes Geschenk Gottes an uns. Warum? Weil er unseren Streitkräften, die rein sein müssen, die Gelegenheit bietet, sich zu säubern.

**Ibrahim Kabulcu** (1:14)
Auch zehn Jahre später sind die Vorgeschichte, die Ereignisse jener Nacht und die Folgen des Putschversuchs noch immer nicht vollständig aufgeklärt.

**Benjamin Weber** (1:26)
Professor Doktor Ibrahim Kabulu ist Jurist und Verfassungsrechtler. Er sagt, der 15 Juli 2016 hat die Türkei entscheidend verändert.

**Ibrahim Kabulcu** (1:40)
Der Ausnahmezustand wurde wenige Tage später ausgerufen und die Ereignisse des 15 Juli dienten als politische Legitimation für diesen Prozess.
Damit begann eine neue Phase der türkischen Politik.

**Benjamin Weber** (1:56)
Heute, zehn Jahre später, konzentriert sich die Macht in der Türkei in zuvor ungekannter Fülle bei nur einer Person. Beim Staatspräsidenten, bei Recep Tayyip Erdogan.
Jan Jung Hurju hat sich den Putschisten damals entgegengestellt. Er ist Mokhtar, Portsvorsteher des Bezirks Cengelköy, das Viertel direkt unter der Bosporusbrücke in Istanbul, auf der asiatischen Seite.

**Can Cumhurcu** (2:26)
Der 15 Juli 2016 war eine schmerzvolle Nacht. Nachdem ich abends mein Büro geschlossen hatte, ging ich durch das Viertel. Dort herrschte eine Atmosphäre der Panik.
Ein Freund sagte zu mir, Can, da stimmt etwas nicht. Es sind sehr viele Soldaten vorbeigekommen, in Richtung Brücke.

**Benjamin Weber** (2:47)
Die etwa 1500 Meter lange Hängebrücke über den Bosporus wird ein Schauplatz des Putschversuchs. Gegen 22 Uhr abends ist den meisten klar, dass hier ein Angriff im Gange ist. Bewaffnete Soldaten springen aus Lastwagen auf die Fahrbahn der Brücke. Mit Panzern stoppen sie den Verkehr, zwischen der asiatischen und europäischen Seite von Istanbul. Gleichzeitig werden Angriffe am Atatürk-Flughafen gemeldet. Auch in Ankara gehen die Putschisten vor. Sie setzen den Generalstabschef des Militärs fest. Sie besetzen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk TRT und lassen ein Manifest verlesen.
Der Präsident hätte das Land verraten und Grundrechte beschädigt. Die politische Führung sei entlassen. Jetzt übernehme der Rat mit dem Namen Frieden in der Heimat die Macht in der Türkei.
Über der Hauptstadt steigen F-16 Kampfjets auf. Im Laufe der Nacht werden sie sogar das Parlamentsgebäude bombardieren.
Staatspräsident Erdogan befindet sich zu der Zeit mit seiner Familie in Marmaris, im Südwesten der Türkei. Er macht Urlaub. Ein Attentatsversuch auf ihn schlägt in der Nacht fehl. Zwei Leibwächter sterben. Im Istanbuler Bezirk Cengelköy, unterhalb der Bosporusbrücke, erkennt der Ortsvorsteher Can Cumhurcu langsam, was geschieht.

**Can Cumhurcu** (4:14)
Als jemand, der den Militärputsch von 1980 noch erlebt hat, wusste ich, Panzer und Soldaten haben auf einer Brücke nichts zu suchen, besonders nicht in einer Metropole.

**Benjamin Weber** (4:28)
In der aufgeheizten Atmosphäre kann Cumhurcu niemanden erreichen, weder den Gouverneur noch den Polizeipräsidenten. Also organisiert er den Widerstand selbst, mit den Leuten aus seinem Viertel, die sowieso schon auf der Straße sind.

**Can Cumhurcu** (4:44)
Ich ließ Fahrzeuge vor einer Polizeistation positionieren. Außerdem kippten wir große Blumenkübel, Betonbarrieren und sogar Masten um, um die Straßen zu blockieren.
Wir errichteten Barrikaden, damit niemand passieren konnte.

**Benjamin Weber** (5:00)
Wenn Can Cimhurcu heute über die Ereignisse von vor 10 Jahren spricht, dann erwähnt er immer wieder, sie hätten damals nicht geglaubt, dass die Soldaten wirklich auf sie schießen würden, auf die eigenen Mitbürger.
Doch irgendwann kommen die Soldaten immer näher.
Cimhurcu hat heute noch Videos davon auf dem Handy.

**Can Cumhurcu** (5:22)
Da sieht man mich dunkel, schau. Da werde ich getroffen, ich habe die Kugel abbekommen.

**Benjamin Weber** (5:34)
Sein Rücken ist aufgerissen, er verliert Blut. Sie ziehen ihn aus dem Schussfeld. Im Krankenhaus wird Cimhurcu versorgt. Drei Tage lang bleibt er auf der Intensivstation. Auch sein Neffe Osman wird in Dschengelköy angeschossen. Er überlebt den Putschversuch nicht.
Das Militär hat in der Türkei mehrmals geputscht. Drei gewählte Regierungen wurden so gestürzt. 1960, 1971 und 1980 übernimmt das Militär die Macht. 1997 sorgt der sogenannte Postmoderne Coup unblutig für den Rücktritt der Regierung ohne Einsatz von Waffen.
Der Verfassungsrechtler Prof. Dr. Ibrahim Kab Olu hat sich in seiner Arbeit intensiv mit Militärputschen beschäftigt. Er geht davon aus, dass die islamische Gülen-Bewegung den Putschversuch im Jahr 2016 organisiert hat, nachdem sie sich mit der AKP und Präsident Erdogan überworfen hatte.

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