**Sabine Adler** (0:01)
Deshalb ist diese Möglichkeit, dass da von außen zum Beispiel eine Opposition irgendwie unterstützt oder befördert wird, die kann ich nicht sehen, diese Möglichkeit. Und innen, der sich da jetzt zeigt und seine Nase rausstreckt, der ist im Grunde genommen, der ist jetzt schon verloren. Also deshalb glaube ich zu hoffen, dass, wenn Putin mal nicht mehr der Präsident ist, dass dann diese Opposition aber wieder eine Kraft ist, mit der zu rechnen ist, würde ich nicht für möglich halten. Stand heute glaube ich daran nicht.
**Paul Ronzheimer** (0:39)
Ich bin zurück aus der Ukraine und habe dort in den vergangenen Wochen berichtet und natürlich auch einen Blick in Richtung Russland immer wieder gewagt.
Und ich dachte mir jetzt, es ist an der Zeit mal eine Doppelfolge über die Situation beiden Länder zu machen, also Russland und Ukraine. Und es gab einen Gast, Sabine Adler, Osteuropa-Korrespondentin des Deutschlandfunks, die beide Länder beobachtet. Sie war schon hier mehrfach zu Gast im Podcast. Und die Resonanz, wenn sie hier war, war so groß, dass ich dachte, Sabine muss ich jetzt unbedingt dazu einladen und die Fragen stellen, wie die Stimmung in Russland ist, wie stabil Wladimir Putin noch im Sattel sitzt, aber auch wie groß der Druck auf Präsident Zelensky nach vier, ein Jahr, halb Jahren Krieg ist. Wir beginnen die Doppelfolge mit einem Blick auf Russland und ich freue mich, dass Sabine wieder bei mir ist. Ich grüße dich Sabine.
**Sabine Adler** (1:35)
Hallo Paul und ich bin richtig froh, dass du wieder gut zu Hause bist.
**Paul Ronzheimer** (1:40)
Das ist ganz lieb von dir Sabine. Ich habe es gesagt, wir wollen anfangen mit einem Blick auf Russland. Die Ukraine hat jetzt die Tage Warenlager von Wild Berries angegriffen. Das ist Russlands größtes Online-Versandunternehmen, das oft auch als staatliches Amazon bezeichnet wird.
Was sagt dieser Angriff deiner Meinung nach über die neue Strategie der Ukraine aus? Und wie wird das in Kreml aufgenommen?
**Sabine Adler** (2:10)
Ich finde, das ist ein neuer Kriegsverlauf, den wir da gerade erleben.
Wildberries ist zwar ein Versandhandel, der auch militärische Güter oder zumindest Dual-Use-Güter verkauft, also zum Beispiel Glasfaserkabel oder Ausrüstung für russische Soldaten. Unter anderem, da werden sie geordert, weil die Armee sie zum Teil ja nicht selber ausstatten kann.
Wildberries kann man auch als ein militärisches Ziel betrachten, aber das ist natürlich weit, weit mehr. Es ist, wie du schon gesagt hast, so eine Art russisches Amazon. Und damit ist jetzt wirklich die Bevölkerung direkt betroffen. Also sie spürt, dass Bestellungen nicht mehr kommen. Die Verkäufer, die ihre Ware über Wildberries verkaufen wollen, spüren, dass das jetzt nicht funktioniert. Sie haben riesige Verluste. Es sind insgesamt vier Lager, die jetzt schon angegriffen wurden. Und wir erinnern uns ja so ein bisschen an diese Riesenbolken, Rauchwolken über den Öl-Raffinerien, auch den Terminates. Das sieht jetzt so ähnlich aus. Und da kann man sich eigentlich auch fast nicht vorstellen, dass da jetzt wirklich nur zivile Sachen drin liegen sollen, bei dem, was man da an Rauchentwicklung sieht. Also ich finde, das ist auch deshalb eine neue Strategie in dem Ganzen, weil tatsächlich offenbar auch die ukrainische Armee möchte, dass sie Menschen in Russland spüren, hey, hier ist Krieg, den wir jeden Tag seit über viereinhalb Jahren erleben. Und jetzt erlebt ihr das im Moment mit der Vernüchtung von möglicherweise eurer bestellten Ware oder anderen Gütern.
**Paul Ronzheimer** (4:01)
Du hast es gerade angesprochen. Es geht offenbar der Ukraine darum, dass der Durchschnitts-Russe, der einfach nur Geld verdienen will, leben will in Russland, immer mehr diesen Krieg spürt.
Wie reagiert der Kreml auf sowas? Denn bislang haben sie ja weder bei den Angriffen auf Öllager, Depots, irgendeine Strategie gefunden. Und auch die Propaganda scheint da ja an ihre Grenzen zu kommen. Denn schon in den vergangenen Monaten musste Putin eingeräumen, dass es Probleme gibt, was ja das erste Mal war, dass er das so öffentlich gemacht hat.
**Sabine Adler** (4:42)
Es lässt sich eben auch nicht mehr verhindern und nicht mehr verbergen. Also wir haben das ja erlebt, dass er, als die langen Schlangen vor den Tankstellen sich gebildet haben und man auch zum Beispiel Aufnahmen, Videoaufnahmen gesehen hat, wie Leute sich geprügelt haben da, als sie gewartet haben, endlich dran zu kommen oder weil es überhaupt gar keinen Treibstoff mehr gab.
Da hat man auch bei Putin gespürt, also das jetzt nicht mehr wahrzunehmen, das ist etwas, was nicht funktioniert. Und woran sich die Leute im Übrigen auch nicht mehr halten, ist, dass sie keine Videos davon ins Netz stellen. Also man sieht wirklich zuhauf, gerade von den Whiteberry-Lagerhäusern, unendlich viele Aufnahmen, wie damals auch als die Öl-Raffinerie in Moskau ja quasi wirklich buchstäblich in die Luft geflogen ist.
Putin ist jemand, der sagt, gut, ich nehme es wahr, aber er beschwichtigt den natürlich auch wieder sofort, indem er sagt, ja, das ist aber noch nicht kritisch. Also der Treibstoffmangel ist da, ja, sieht er, aber noch nicht kritisch. Und da ist jetzt natürlich die Frage, was ist kritisch? Wir haben eine Einbuße der Raffineriekapazitäten um mindestens 40 Prozent oder mehr. Und es ist, es herrscht ein Ausfuhrverbot von Diesel und Benzin. Und da nicht mehr von kritisch zu reden, wahrscheinlich wird kritisch, wenn die Armee nicht mehr versorgt wird. Aber das erfahren wir dann vielleicht nicht oder nur im Nachhinein. Also er ist im Moment noch beschwichtigend. Aber das, was man auf der anderen Seite sieht, und das finde ich wirklich bedenklich, ist, dass alle Regelungen, die jetzt gesetzlicher Art in Richtung möglicher Opponenten kommen, die sind so verschärft, dass es, also im Moment werden die Daumenschrauben so dermaßen massiv angezogen in Russland, dass das wirklich jeder mitkriegt. Und das ist eine Entwicklung, die war angekündigt worden. Ich hatte mir schon erwartet, dass das jetzt kommen wird, weil es ja eben auf die Duma-Wahl zum Beispiel zugeht. Aber das, ehrlich gesagt, ich habe irgendwie so ein bisschen drauf gewartet, weil man es wirklich sehen kann. Und ich finde, jetzt kann man es sehen.
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