**Julia Devlin** (0:05)
Alles Geschichte, Der History-Podcast.
**SPEAKER_3** (0:19)
Die polnische Nationalhymne. Noch ist Polen nicht verloren, so lautet die erste Zeile.
Dass sie heute noch gesungen wird in einem freien Polen, grenzt an ein Wunder. Denn Polen war als Staat über 120 Jahre lang von der Landkarte verschwunden.
**SPEAKER_4** (0:37)
Einer der größten und ältesten europäischen Staaten wurde im 18 Jahrhundert wie ein Kuchen zwischen den drei Nachbarn aufgeteilt.
**SPEAKER_3** (0:46)
1772 Erste Teilung Polens.
**SPEAKER_4** (0:50)
Polen verliert 30 Prozent seines Territoriums.
**SPEAKER_3** (0:54)
1793 Zweite Teilung Polens.
**SPEAKER_4** (0:57)
Polen verliert weitere 40 Prozent seines Territoriums.
**SPEAKER_3** (1:01)
1795 Dritte Teilung Polens.
**SPEAKER_4** (1:05)
Polen existiert nicht mehr.
**SPEAKER_3** (1:09)
Polen-Littauen im 18 Jahrhundert. Ein Großreich, das sich seit Jahrhunderten zwischen der Ostsee und den Karpaten zwischen Preußen und Russland erstreckt. Seine Fläche ist gut doppelt so groß wie die der heutigen Bundesrepublik Deutschland.
Doch der Gigant ist anfällig für Konflikte von innen und von außen.
**SPEAKER_4** (1:28)
Polen ist eine Adelsrepublik, das heißt der Adel, die sogenannte Schlochter hat das Sagen.
Regiert wird das Land vom Sejm, dem Parlament. Einen König gibt es zwar, aber anders als andere Könige erbt er seine Würde nicht, sondern wird vom Sejm gewählt. Viel zu sagen hat er nicht. Das mag fortschrittlich scheinen, verursacht aber Streit und Intrigen und schwächt den Staat.
**SPEAKER_3** (1:53)
Ein weiteres fortschrittliches Gesetz und Ursache vieler Zerwürfnisse ist das sogenannte Lieberum Veto.
Dieses Gesetz fordert, dass Entscheidungen im Parlament einstimmig fallen müssen. Ein einziger Adliger kann mit seinem Einspruch alles blockieren. Mir pos valam.
**SPEAKER_4** (2:09)
Ich gestatte nicht. Durch diesen Ruf werden sämtliche Beschlüsse einer Sitzung null und nichtig.
**SPEAKER_3** (2:16)
Im 18 Jahrhundert nehmen die Probleme überhand. Konflikte um die Thronfolge brechen aus. Mehrmals herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Und das Parlament ist durch das Liberum Veto praktisch handlungsunfähig.
Zudem haben zahlreiche Kriege das Land verwüstet.
Polen wird zur leichten Beute für die Nachbarstaaten. Das sind im Norden und Westen Preußen, im Süden das Habsburger Reich, im Osten Russland.
**SPEAKER_4** (2:41)
Russland beeinflusst die polnische Politik schon lange. Man könnte Polen fast als russisches Protektorat bezeichnen.
Doch den Anstoß zu den Teilungen gibt eine andere Großmacht, Preußen. Eckhard Helmut, Professor für Geschichte der frühen Neuzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
**Eckhard Helmut** (3:00)
Bitte ist die treibende Kraft hinter dieser ersten polnischen Teilung.
**SPEAKER_3** (3:05)
Der Preußenkönig verbirgt seine Absichten nicht.
**SPEAKER_7** (3:08)
Polen muss man verspeisen, Blatt für Blatt, wie eine Artischocke.
**SPEAKER_4** (3:14)
Friedrich der Große hat Appetit auf ein ganz bestimmtes Stück Nordpolens. Ein großer Teil seines Königreichs, Ostpreußen, ist eine Exklave.
Hoch im Norden und weit im Osten gelegen, hat Ostpreußen keine Landverbindung zum Kernland. Denn dazwischen liegt das Land des polnischen Königs.
**SPEAKER_3** (3:33)
Mit der Annexion dieser nordpolnischen Gebiete will Friedrich eine Landbrücke zwischen Pomern und Ostpreußen schaffen.
**SPEAKER_7** (3:40)
Schon 1752 schreibt er, Polnisch Preußen trennt Pommern von Ostpreußen und hindert dieses zu behaupten.
Ich halte es nicht für angebracht, diese Provinz mit Waffengewalt zu gewinnen. Erwerbungen mit der Feder sind solchen mit dem Schwert allemal vorzuziehen.
**Eckhard Helmut** (3:57)
Der Weg in die erste polnische Teilung ist natürlich eine Möglichkeit, das Territorium ohne großen militärischen Konflikt zu arrangieren.
**SPEAKER_4** (4:05)
Erwerbungen mit der Feder bedeutet, Diplomaten statt Soldaten einzusetzen, mit gleichgesinnten Partnern die Beute von verschiedenen Seiten einzukreisen. Allein ist ein Vorstoß zu riskant. Die anderen Großmächte reagieren sehr empfindlich, wenn das Gleichgewicht der Kräfte gestört wird. Friedrich muss die Nachbarstaaten Polens einbeziehen, das Zarenreich und das Habsburgerreich. Zunächst lässt er seine Diplomaten am Zarenhof sondieren. Die Herrscherin dort, Katharina die Große.
Dr. Richard Butterick, Professor für polnische Geschichte am University College London.
**Richard Butterick** (4:43)
Friedrich der Große hatte schon lange ein Auge auf dieses Territorium im Norden geworfen, das Brandenburg mit Ostpreußen verbindet. Aber auch am Zarenhof gab es Interesse an dem Territorium nördlich und östlich von Wiener und Dnieper.
**SPEAKER_4** (4:59)
Schnell ist man sich handelseinig. Wenn Friedrich Westpreußen bekommt, darf sich die Zarin in Polens Osten bedienen. Im Vertrag vom 17 Februar 1772 werden die künftigen Grenzen festgelegt.
Mit diesem Vertrag in der Tasche ziehen die Diplomaten weiter, an den Kaiserhof nach Wien. Auch hier ist eine Frau auf dem Thron, Maria Theresia.
**Eckhard Helmut** (5:22)
Habsburg kommt ja relativ spät erst an Bord, wobei es da bestimmte Differenzen zwischen Maria Theresia und ihrem Sohn Josef den Zweiten gibt. Maria Theresia ist extrem vorsichtig, hat auch moralische Bedenken gegenüber dieser ersten Teilung Polens.
**SPEAKER_3** (5:40)
Doch der Teilungsvertrag zwischen Russland und Preußen ist beschlossene Sache. Maria Theresia steht vor vollendeten Tatsachen.
**Richard Butterick** (5:49)
Konfrontiert mit dem Handel zwischen Russland und Preußen hat Wien effektiv keine Wahl. Statt einen Krieg mit beiden anzufangen, macht es lieber mit.
**SPEAKER_4** (5:58)
Friedrich kommentiert zynisch.
**SPEAKER_7** (6:00)
Die Kaiserin Katharina und ich sind einfache Diebe. Ich wüsste nur gerne, wie die Kaiserin Maria Theresia ihren Beichtvater beruhigt hat.
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