**Jochen Rack** (0:05)
Alles Geschichte. Der History Podcast.
**Rainer Buck** (0:19)
Mai 2023, der russische Botschafter in Polen, Sergej Andreejev, will den sowjetischen Militärfriedhof in Warschau besuchen, um einen Kranz für die im zweiten Weltkrieg gefallenen Rotarmisten niederzulegen.
Durch eine Menge wütender Demonstranten hält ihn auf. Um das Gelände des Ehrenmahls haben sie die Kulissen zerbombter ukrainischer Wohnhäuser aufgestellt und auf die Grabstellen der Soldaten der Roten Armee ukrainische Fähnchen und Kreuze gesteckt. Sie tragen die Namen ukrainischer Zivilisten, die durch russische Luftangriffe getötet wurden. Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti, Rassisti. Das ist ein Film auf, den die Ukrainer für die russischen Invasoren geprägt haben. Die Wortverbindung von Russen und Faschisten.
**Peter Veit** (1:14)
Aber nicht erst seit Putin seinen brutalen Feldzug gegen die Ukraine begonnen hat, ist das Verhältnis der Polen zu Russland von Feinschaft, wenn nicht Erbfeinschaft geprägt.
Über die Jahrhunderte wurde es von dem imperialen Nachbarn als Beute betrachtet, zeitweise annektiert, mit Deutschland und Österreich geteilt, dem tsaristischen Imperium dann dem Sowjetreich einverleibt. Erst 1989 ermöglichte der Untergang der Sowjetunion die Wiedergeburt eines freiheitlichen demokratischen Polens, das heute Mitglied der EU und der NATO ist.
**Rainer Buck** (1:53)
Vergessen wird im Westen freilich oft, dass Polen in Mittelalter und Barock eine europäische Großmacht und Gegenspieler Russlands war. Mit der Union von Lublin nämlich, waren das litauische Großfürstentum und das polnische Königreich 1569 zu einer gemeinsamen Adelsrepublik verschmolzen, der sogenannten Dżetspospolita.
Das polnisch-litauische Commonwealth erstreckte sich bis ins 18 Jahrhundert weit nach Osten, umfasste Teile der heutigen Ukraine von Belarus und Russland. Anfang des 17 Jahrhunderts hatten polnisch-litauische Truppen sogar für zwei Jahre Moskau besetzt, erklärt der Osteuropa-Historiker Stefan Lehnstedt.
**Jochen Rack** (2:40)
1611 stehen polnische Truppen im Kreml in Moskau, aber schon Ende des 17 Jahrhunderts sieht man ganz deutlich, dass sich dieses Kräfteverhältnis langsam umkehrt.
Polen verliert immer mehr Grund, mussten abgeben auch an Moskau und spätestens mit den Teilungen Polens im 18 Jahrhundert, also 1795 verschwindet Polen von der europäischen Landkarte, ist klar, dass Russland der Erdfeind ist.
**Rainer Buck** (3:17)
Am 4 November 1612 hatten die Russen die Polen aus Moskau wieder vertrieben.
2005 führte Putin das Datum 4 November als Feiertag der nationalen Einheit ein. Teil seiner imperialistischen Erinnerungspolitik, die an den Expansionismus des Zarenreichs anknüpft.
**Peter Veit** (3:40)
Dieses hatte sich bis zum 18 Jahrhundert immer weiter nach Westen ausgedehnt. Peter der Große eroberte Anfang des 18 Jahrhunderts im Krieg gegen Schweden das heutige Estland. Schon in der zweiten Hälfte des 17 Jahrhunderts gliederte sich Russland den Ostteil der heutigen Ukraine an, dessen kosakische Hetmanate bis dahin von Polen beherrscht worden waren.
So war Polen-Lithauen von Norden wie Osten her von den Russen bedroht. Unter der Herrschaft von Katharina der Zweiten kam es Ende des 18 Jahrhunderts zu den drei polnischen Teilungen.
1772, 1793 und 1795 Österreich annektierte Galicien, Preußen die Gebiete um Posen, Russland, die westliche Ukraine und den größten Teil Polens. Insgesamt 82 Prozent des polnischen Territoriums, berechnet der Krakauer Historiker Andrzej Nowak.
**Andrzej Nowak** (4:44)
Katharina, die zweite, berief sich auf das Konzept der russischen Welt, das Putin heute wiederbelebt hat. Demnach gehört jeder, der die slawische Sprache spricht, zu Russland. Das war die ideologische Rechtfertigung. Wichtiger war die geopolitische Dimension. Wenn Russland eine europäische Macht sein wollte, brauchte es den Zugang zu Zentraleuropa. Diese Achse führt durch Polen.
Und es gab noch einen dritten Grund für die Teilung, nämlich dass Katharina Polen mit revolutionärer Freiheit identifizierte.
Als die Polen sich gegen die Russen wehrten, 1793-94 kam es zu dem berühmten Aufstand unter Tadeusz Kosciuszko, wurde das von Russland als Jakobinische Revolution verstanden. Katharina benutzte das Argument gegen Polen. Wir wollten Ordnung und die Polen stehen für revolutionäre Anarchie.
**Rainer Buck** (5:44)
Nur kurz erschien unter Napoleon das Großfürstentum Warschau als Rumpf Polen wieder auf der Landkarte. Aber nach dessen Niederlage gegen Russland 1812 wurde es aufgelöst und im Wiener Kongress als sogenanntes Kongress Polen mit dem Kaiserreich Russland verbunden. Russlands Versuch dieses konstitutionell verfasste Polen, das ein eigenes Parlament, den Sejm, und garantierte Rechte hatte, mit der zaristischen Autokratie in Übereinstimmung zu bringen, scheiterte.
Das polnische Parlament kritisierte die Einschränkung von Freiheitsrechten und die Pressezensur. Im November 1830 kam es zum Aufstand gegen Russland. Zar Nikolaj I wurde für abgesetzt erklärt und schickte Truppen, die die polnische Armee 1831 besiegten.
Der verhängte Kriegszustand dauerte 25 Jahre. Um die polnische Freiheitsbewegung dauerhaft zu unterdrücken, betrieben die Zaren eine Politik der Russifizierung, sagt Andrzej Nowak.
**Andrzej Nowak** (6:55)
Die Sprache der höheren Erziehung war polisch.
**Thomas Urban** (6:58)
Das hat man im östlichen Teil Polens schon ab 1830 untersagt und die russische Sprache als Bildungssprache vorgeschrieben.
**Andrzej Nowak** (7:07)
Auf dem Gebiet des ehemaligen Kongress Polens um Warschau herum wurde die Russifizierung sehr schnell nach dem zweiten Aufstand 1863 institutionalisiert. Das bedeutete keine höhere Bildung in Polen, keine Universitäten, Restriktionen für polnischsprachige Gymnasien, russisch als einzige obligatorische Sprache auf jeder Stufe des Bildungssystems. Das führte dahin, dass Schüler nicht einmal in den Pausen miteinander polnisch sprechen durften.
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