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POLEN IM NETZ DER NACHBARN – Das Massaker von Wolhynien

Alles Geschichte - Der History-Podcast

July 10, 2026

Während des Zweiten Weltkrieges wurden in dem von den Hitlertruppen kontrollierten Wolhynien und Ostgalizien - auf dem Gebiet der heutigen Westukraine - zwischen 60.000 und 120.000 Polen von der Ukrainischen Untergrundorganisation OUN ermordet. Als Vergeltung brachten polnische Kämpfer bis zu 15.
Speakers: Jochen Rack, Stefan Lehnstedt, Andrzej Nowak, Thomas Urban
**Jochen Rack** (0:05)
Alles Geschichte, Der History-Podcast.

**Stefan Lehnstedt** (0:18)
Beim Massaker von Wolhynien wissen die Deutschen schon alleine deswegen nichts davon, weil das halt weit weg von uns passiert. Also es ist eine holnisch-ukrainische Geschichte, da ist unser Wissen marginal.

**SPEAKER_4** (0:31)
Stefan Lehnstedt, Osteuropahistoriker.

**Andrzej Nowak** (0:39)
Zwischen 1943 und 1944, als die deutsche Armee sich auf dem Gebiet der Westukraine vor dem Angriff der Roten Armee langsam zurückzog, entschied die ukrainische Untergrundorganisation OUN auf einem Kongress, alle Polen auszulöschen, die östlich des Sandflusses lebten, um Raum für einen ukrainischen Nationalstaat zu gewinnen.

**SPEAKER_4** (1:08)
Andrzej Nowak, Historiker an der Universität Krakau. Der Juli 1943 markiert den Kulminationspunkt der Gewalt, als es zu einem koordinierten Angriff auf 50 bis 100 polnische Dörfer kam.

**Andrzej Nowak** (1:28)
Die Ukrainer haben die Polen auf brutale Weise umgebracht, mit Gewehren, mit Äxten und Heugabeln. Es gab eine Spirale der Gewalt, denn die Polen reagierten auf die Morde, indem sie Ukrainer auf grausame Art töteten.

**SPEAKER_4** (1:46)
Miroslaw Skorka, Vorsitzender der Union der Ukrainer in Polen.

**SPEAKER_6** (1:53)
Während des Zweiten Weltkrieges wurden in dem von den Hitlertruppen kontrollierten Wolhynien und Ostgalicien auf dem Gebiet der heutigen Westukraine zwischen 60 und 120 Polen von der ukrainischen Untergrundorganisation OUN ermordet.
Als Vergeltung brachten polnische Kämpfer bis zu 15 Ukrainer um. Die blutigen Ereignisse der Jahre 1942 bis 1945 haben tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis von Polen und Ukrainern hinterlassen. Doch der Geschichtsstreit um die Massenmorde in Wolhynien belastet die militärische Kooperation der beiden osteuropäischen Länder. Während Polen auf eine Entschuldigung der Ukrainer für die Verbrechen in Wolhynien und auf eine Exhumierung der Opfer wartet, fürchtet die Ukraine, dass die Aufarbeitung des Massakas Wasser auf die Mühlen der russischen Propaganda lenken könnte, alle Ukrainer seien Nazis.

**SPEAKER_4** (3:02)
Dabei ist das, was tatsächlich in den Jahren 1943 bis 45 in Wolhynien und Ostgalicien geschah, von den Historikern im Wesentlichen erforscht, wenngleich es in den auf Deutsch vorliegenden Geschichten der Ukraine oft nur am Rande abgehandelt wird. Der Lviver Historiker Jaroslaw Rützak bezeichnet in seiner 2024 erschienenen Biografie einer bedrängten Nation die Vertreibung oder Ermordung der polnischen Minderheit als ethnische Säuberung.

**SPEAKER_6** (3:33)
Andere Forscher sprechen von Genozid. Die Ursache des Gewaltausbruchs war der Wunsch der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung nach einem eigenen Staat, für den sie die Zeit gekommen sah, als sich die Wehrmacht aus den westukrainischen Gebieten zurückzog, erklärt der Krakauer Historiker Andrzej Nowak.

**Andrzej Nowak** (4:02)
1,5 Millionen Polen lebten in den Gebieten östlich des San. Und die brutale Entscheidung der Organisation der ukrainischen Nationalisten, OUN, lautete, Wir verkünden allen dort lebenden Polen, dass sie sofort das Gebiet verlassen müssen, oder sie werden getötet.
Die meisten Menschen konnten sich das nicht vorstellen. Aber vor allem ab Juli 1943 kam es zum Genozid.

**Jochen Rack** (4:29)
Die ukrainische Untergrundarmee sorgte dafür, dass es in den Dörfern keine Polen mehr gab.

**SPEAKER_4** (4:39)
Um zu verstehen, wie es zu den Massakern an der Polen war, und wie die russischen Zivilbevölkerung kam, muss man sich die polnisch-ukrainische Geschichte der Jahre 1918 bis 1921 in Erinnerung rufen, in denen sowohl Polen als auch Ukrainer einen eigenen Staat zu etablieren suchten.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Abzug der deutschen Truppen kämpften die Polen an ihrer Ostgrenze gegen die Rote Armee, die das junge sowjetische Imperium vergrößern wollte, aber auch gegen ukrainische Truppen, die für einen unabhängigen Nationalstaat forchten. Der Berliner Historiker Stefan Lehmstedt hat diese militärischen Auseinandersetzungen in seinem Buch Der vergessene Sieg im Detail dargestellt.

**Stefan Lehnstedt** (5:23)
Es gibt eine lange Geschichte des polnisch-ukrainischen Konflikts, die beginnt im Grunde schon 1918-19 am Ende des Ersten Weltkrieges, als es Versuche gibt einen ukrainischen Staat zu gründen und Polen mit dem westukrainischen Staat Krieg führt und sagt, es ist kein Platz für einen ukrainischen Staat, sondern wir haben eine ukrainische Minderheit in Polen.
Und wie das so ist mit Minderheiten, da gibt es dann oft auch Teile dieser Minderheiten, die nach wie vor für ihren eigenen Staat kämpfen, kämpfen wollen. Und das gibt es auch auf der ukrainischen Seite. Und sie kämpfen eben in der zweiten polnischen Republik gegen den polnischen Staat.

**SPEAKER_6** (6:05)
Die Polen, unter der Führung von General Josef Piotrowski, siegten schließlich über die Rote Armee und die ukrainische galizische Armee, die UHA. Damit konnte 1921 die Grenze Polens im Osten so gezogen werden, dass der neu entstandene Staat Gebiete des ehemaligen österreichischen Galicien umfasste, mit der Hauptstadt Lemberg, dann polnisch Lwów genannt, heute das ukrainische Lviv, sowie das einst russisch kontrollierte Wolhynien. Die wolhynische Bevölkerung von ungefähr 2,3 Millionen Menschen war ethnisch gemischt, Ukrainer, Polen, Weißrussen, Juden. Die Ukrainer stellten 70 Prozent der Bevölkerung, die Polen waren mit 350 in der Minderheit, dominierten aber die Verwaltung, definierten polnisch als Amtssprache und besaßen das meiste Land. Ähnlich war die demografische Mischung in Ostgalizien.

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